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Das Ägyptische Museum hat es am schlimmsten getroffen. Direktorin Friederike Seyfried zeigt Medienvertretern Beschädigungen an einem Sarkophag. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa
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Keine Hinweise auf Täter nach Attacke Wie steht es um die Sicherheit auf der Museumsinsel?

Die Attacke vom 3. Oktober ist der größte Schaden für die Berliner Museen seit dem Zweiten Weltkrieg. Restauratoren haben mit „Erste-Hilfe-Maßnahmen“ begonnen.

Der Schrecken über den Schaden steht Christina Haak, der stellvertretenden Generaldirektorin der Staatlichen Museen, noch ins Gesicht geschrieben, als sie auf dem Kolonnadenhof vor die Journalisten tritt, um über das Kunstattentat auf der Museumsinsel zu informieren.

Mehr als zwei Wochen liegt es zurück, am Tag der deutschen Einheit, 3. Oktober, ist es geschehen. 63 Skulpturen wurden mit einer öligen Flüssigkeit von einem oder mehreren Tätern bespritzt. Genau kann das niemand sagen, denn weder ist dem Aufsichtspersonal etwas aufgefallen noch haben die Kameras etwas Ungewöhnliches aufgezeichnet.

Der Schaden wurde erst am Abend bemerkt. Der oder die Täter können im Laufe der gesamten Öffnungszeit von 10 bis 18 Uhr die Attacke verübt haben.

Wie groß der Schaden ist, lässt sich noch nicht beziffern. In den vergangenen Tagen haben die Restauratoren mit „Erste-Hilfe-Maßnahmen“ begonnen, wie Haak es nennt, nachdem das Rathgen-Museumslabor der Staatlichen Museen die Substanz analysiert hat.

Je nach Stein, auf den die ölige Flüssigkeit gespritzt wurde – polierter Marmor oder Kalk- oder Sandstein –, dringt sie tiefer in den Korpus der Skulptur ein. Zunächst werden Kompressen aufgelegt, um die Feuchtigkeit aufzusaugen. Wie lange das dauert, bis der frühere Zustand wieder hergestellt ist, kann niemand sagen.

Graffiti gesprayt, Steine aus dem Boden gehebelt

Während Christina Haak den Schaden zu beschreiben versucht, tritt Martin Hoernes von der Ernst von Siemens Kunststiftung von der Seite herbei und erklärt sich spontan bereit, 100.000 Euro Unterstützung für die Restaurierung zu geben.

Für die Direktoren des Museumsinsel ist der Fall ein Schock. Er gilt als größter Kunstschaden seit dem Zweiten Weltkrieg. Aber was noch mehr zählt: Das Attentat reiht sich ein in eine Folge nächtlicher Beschädigungen, die seit dem Sommer auf der Museumsinsel, insbesondere im Kolonnadenhof zunehmend festgestellt wurden. Fahnen wurden zerschnitten, Graffiti gesprayt, Steine aus dem Boden gehebelt und jede Menge Müll hinterlassen.

Hans-Jürgen Harras, Sicherheitschef der Staatlichen Museen, rechnet dies eher nächtlich Feiernden zu, die auch im Monbijou-Park ihre Spuren hinterlassen. In den vergangenen Wochen wurde bereits das Sicherheitspersonal aufgestockt.

Matthias Wemhoff, Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte, sagt im Anschluss beklommen, dass sich für ihn die Aggression nun auch ins Innere der Häuser ihren Weg bahnt. Das fühle sich bedrohlich an.

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Die Ermittler prüfen Spuren in die Szene rechtsextremer Verschwörungsideologen. Einen Zusammenhang zu Kochbuchautor Attila Hildmann, der zuvor verschwurbelte Drohungen gegen das Pergamonmuseum ausgesprochen hatte, will allerdings niemand herstellen. Hildmann hatte nach dem Verbot seiner antisemitischen Demonstrationen vor dem Alten Museum auf dem Messengerdienst Telegram im August geschrieben, dass sich im Pergamonmuseum mit dem Baal-Altar der „Thron des Satans“ befinde.

Der sei das „Zentrum der globalen Satanisten und Corona-Verbrecher“, nachts würden im Museum „Menschen geopfert“ und „Kinder geschändet“. Das Heiligtum der Satanisten müsse zerstört werden. Obendrein wohne Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Nähe, das sei kein Zufall.

Auch der Sänger Xavier Naidoo hat derlei verbreitet. Es gehört zu den Erzählungen der verschwörungs-esoterischen Szene in Deutschland. Am Mittwoch bekräftigte Hildmann nach Berichten über den Anschlag seine Ansichten.

Womöglich hatten der oder die Täter eine Wasserpistole dabei

Ein gezieltes Vorgehen sei nicht zu erkennen, sagt Carsten Pfohl, Kriminaldirektor und Dezernatsleiter beim Landeskriminalamt. Der oder die Täter seien offensichtlich wie die meisten Besucher über die James Simon Galerie auf die Museumsinsel gelangt und hätten zunächst den Weg über das Ägyptische Museum genommen, wie es bedingt durch die Coronapandemie vorgeschrieben ist.

Der oder die Täter kamen wohl, wie die meisten Besucher, über die James-Simon-Galerie auf die Museumsinsel. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa Vergrößern
Der oder die Täter kamen wohl, wie die meisten Besucher, über die James-Simon-Galerie auf die Museumsinsel. © Bernd von Jutrczenka/dpa

Die attackierten Werke wirken willkürlich ausgewählt. Es gibt kein spezielles Thema, etwa nackte Figuren, das Rückschlüsse auf den Hintergrund dieses aggressiven Aktes zulassen würden.

Wie der oder die Täter vorgegangen sind, lässt sich bislang nur vermuten. Womöglich hatten sie eine Spritze, eine Wasserpistole oder ähnliches zur Hand, die unauffällig etwa in Bauchhöhe eingesetzt wurde. Vielleicht ähnlich wie bei einer Plastikblume, durch die mit Hilfe einer Pumpe Wasser gespritzt wird, vermutet Pfohl.

Das LKA sucht nun Zeugen, die sich erinnern, etwa Tropfen auf Vitrinen gesehen zu haben. Seit Anfang der Woche haben die Ermittler Kontakt mit jenen Besuchern aufgenommen, die sich online Karten vorbestellt hatten und deshalb zurückzuverfolgen sind.

Allerdings ist dies nur ein Bruchteil des Publikums auf der Museumsinsel an jenem ersten Publikumstag für das Pergamon-Museum seit dem Lockdown. Die meisten hatten ihre Tickets am Schalter gekauft. Ihre Personaldaten mussten sie wegen Corona wie etwa in Restaurants nicht hinterlassen. In den Museen könne der Sicherheitsabstand eingehalten werden, sagte Christina Haak zur Erklärung, das reiche aus.

Den größten Schaden gibt es im Ägyptischen Museum

Von dem Attentat sind vier Sammlungen betroffen: das Ägyptische Museum, die Alte Nationalgalerie, das Museum für Vor- und Frühgeschichte und die Antikensammlung. Attackiert wurden vornehmlich Skulpturen, von Gemälden nur die Rahmen.

Den größten Schaden hat das Ägyptische Museum erlitten. Friederike Seyfried, die Direktorin des Ägyptischen Museums und der Papyrussammlung, reagiert höchst emotional auf die Frage, ob auch Spitzenstücke darunter seien. „Das sind alles meine Kinder“, sagt sie den Tränen nah. „Ich habe sie alle gleich lieb.“

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Im Anschluss an die Pressekonferenz vor der Eingangstür der Neuen Museums führt sie in den Ägyptischen Hof mit den Sarkophagen. Dort ist für den Laien nicht sofort zu erkennen, wo die Schäden sind. Teilweise konnte die ölige Flüssigkeit schon absorbiert werden, so dass nur noch Spuren geblieben sind, teilweise sind sie von der dunklen Sprenkelung etwa des Granits nicht zu unterscheiden.

„Wir sind optimistisch, dass die Spuren gänzlich zu entfernen sind“, sagt Seyfried. „Bis zur vollständigen Wiedergutmachung aber braucht es Zeit.“

Die Flecken sind in Hüfthöhe auf dem Sarkophagdeckel

Die Museumsdirektorin nimmt im Ägyptischen Hof noch einmal den Weg von Skulptur zu Skulptur, den vermutlich auch der oder die Täter gegangen sind: von der Sarkophagwanne eines Verwandten des Königs Nektanebos II. aus dem vierten Jahrhundert vor Christus zum Sarkophag des Meriti und schließlich des Propheten Ahmose. Zuletzt macht sie Station vor dem Sarkophag des Nehi, der zwischen 1390 und 1350 vor Christus entstanden ist. An dem aufrecht stehenden Sarkophagdeckel kann es jeder sehen, in Hüfthöhe befindet sich auf dem hellen Sandstein ein Handteller großer dunkler Fleck. Es wird dauern, bis er vollständig entfernt ist.

Spuren der Sachbeschädigungen an einem Sarkophag des Propheten Ahmose sind im Neuen Museum zu sehen. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa Vergrößern
Spuren der Sachbeschädigungen an einem Sarkophag des Propheten Ahmose sind im Neuen Museum zu sehen. © Bernd von Jutrczenka/dpa
Friederike Seyfried, Direktorin des Ägyptischen Museums, zeigt Spuren am Sarkophag des Propheten Ahmose im Neuen Museum. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa Vergrößern
Friederike Seyfried, Direktorin des Ägyptischen Museums, zeigt Spuren der Sachbeschädigungen an einem Sarkophag des Propheten Ahmose im Neuen Museum. © Bernd von Jutrczenka/dpa

Vermutlich wird dann die Öffentlichkeitsarbeit der Staatlichen Museen auch wieder besser funktionieren. Dass die Stiftung Preußischer Kulturbesitz aus ermittlungstechnischen Gründen über zwei Wochen nicht über den gewaltigen Schaden informierte, Kultursenator Lederer (Linke) davon erst aus der Presse erfuhr, stößt auf wenig Verständnis.

Kulturstaatsministerin Grütters kritisiert Sicherheitsvorkehrungen

Auch die Begründung, dass zunächst die Leihgeber beschädigter Skulpturen informiert werden mussten, leuchtet nicht unbedingt sein, da es sich insgesamt nur um vier Objekte handelt.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) wurde von Stiftungspräsidenten Hermann Parzinger drei Tage nach den Anschlägen informiert. Sie forderte am Mittwoch prompt Aufklärung über die Sicherheitsvorkehrungen.

Die Staatlichen Museen zu Berlin müssten sich erneut Fragen nach ihren Sicherheitsvorkehrungen stellen lassen, erklärte Grütters.

Hundertprozentigen Schutz gebe es nicht für die Kunst, machte Christina Haak klar. Das ginge nur, wenn man die Bilder und Skulpturen wegsperren würde.

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