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Alexander Schmidt ist gelernter Tischler und seit November 2020 Zusteller DHL Foto: Deutsche Post DHL
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Karrierebrüche in der Pandemie Früher beim Flughafen, in Großküche oder Spielbank – heute beim Paketdienst

Die Paketbranche boomt und braucht mehr Personal. Wer in der Pandemie arbeitslos wurde, kann bei DHL und Co. neue Karriere starten.

Die Läden haben zu, doch das Internet schließt nie. Seit Beginn der Pandemie wird geordert, was das Zeug hält, und die Anforderungen an Deutschlands Paketdienste steigen. Schon im vergangenen Frühling verzeichnete etwa das Logistikunternehmen Hermes einen Anstieg der Mengen von bis zu 40 Prozent. Auch die DHL spricht davon, derzeit rund 40 Prozent mehr Pakete auszuliefern als noch im vergangenen Jahr.

Um alledem gerecht zu werden, wird neues Personal gebraucht. In Zeiten der Pandemie sind die sicheren Jobs im Postgewerbe so begehrt wie noch nie. Der Berliner Paket- und Briefdienst PIN etwa verzeichnete im vergangenen Jahr mehr als 10 000 Bewerbungen und damit einen neuen Rekord. Verlockend kann das Angebot gerade für diejenigen sein, die sich aufgrund der Pandemiefolgen auf die Suche nach einem neuen Job begeben müssen.

Die Deutsche-Post-Tochter DHL hat bereits während des ersten Lockdowns bundesweit 4000 zusätzliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingestellt. Pressesprecherin Tina Birke sagt, dass man auch weiterhin nach neuen Kräften suche – insbesondere in der Region Berlin und Brandenburg. Hier stamme etwa die Hälfte der Neuankömmlinge aus branchenfernen Berufen.

Alexander Schmidt ist einer dieser Neuen. Seit November 2020 arbeitet der 44-Jährige als Paketzusteller bei DHL. Der gelernte Zimmermann wechselt nicht zum ersten Mal das Metier. Nach einer zweiten, kaufmännischen Ausbildung arbeitete er als Fitnesstrainer und war zuletzt als Servicekraft bei der Potsdamer Spielbank angestellt.

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„Highlights gab es vor allem dann, wenn besonders hohe Summen ausgezahlt wurden”, sagt Schmidt. Das Geld habe er dann auf einem Tablett zum gewinnenden Spieler an den Automaten tragen dürfen: „Den Leuten eine Freude bereiten zu können, hat mir gefallen an dem Job.“ Doch mit der Zeit fiel ihm die Arbeit immer schwer. Spätschichten bis in die Morgenstunden brachten ihn aus dem Rhythmus, er bekam Schlafstörungen und Kopfschmerzen. Schon vor der Pandemie habe er deswegen mit einer Bewerbung bei der DHL geliebäugelt. „Die Krise hat mir sozusagen den letzten Schubser gegeben“, sagt Schmidt.

Heute spricht er vom „Glück im Unglück“. An seinem neuen Leben als Zusteller schätze er vor allem die klaren Arbeitszeiten und die viele Bewegung. „Ich versuche so oft wie möglich, die Treppe zu nehmen“, sagt der ehemalige Fitnesstrainer. „Außerdem bin ich auf der Tour mein eigener Chef.“ Seine kaufmännische Erfahrung könnte Schmidt eines Tages nutzen, um bei der DHL die nächste Karrierestufe zu erreichen und in den Innendienst zu wechseln. Vorerst aber freut er sich, wie schon in der Spielbank, über glückliche Gesichter. Jetzt seien es eben die Pakete, mit denen er den Menschen eine Freude bereiten könne, sagt er.

Sandra Haase sah im Restaurant keine Zukunft mehr

Auch die frisch eingestellte Zustellerin Sandra Haase weiß den Kontakt mit anderen Menschen zu schätzen. Ab März 2020 arbeitete sie zunächst in Teilzeit bei der DHL, bevor sie zum 1. Dezember vollends zum Logistikunternehmen wechselte. Ihren Weg zum Beruf der Zustellerin fand die 30-Jährige aus dem Restaurant eines Bundesministeriums, wo sie tätig gewesen war. „Was ich an meiner alten Arbeit ein wenig vermisse“, sagt sie, „sind die großen Veranstaltungen.“ Es sei schön gewesen, wenn die Menschen nach einem Hochzeits- oder Geburtstagsessen zufrieden nach Hause fuhren. Haase bediente mitunter Staatsgäste, erstellte Dienstpläne, schrieb Angebote und kümmerte sich um Menüfolgen. Mitte März musste das Restaurant jedoch coronabedingt schließen. Ende März ging sie in die Kurzarbeit. „Zu Hause zu bleiben, war auf die Dauer keine Option für mich“, sagt Haase.

Sandra Haase hat bis vor Ausbruch der Pandemie in einem Restaurant eines Bundesministeriums gearbeitet. Seit März 2020 ist sie bei DHL an Bord. Foto: Sven Darmer Vergrößern
Sandra Haase hat bis vor Ausbruch der Pandemie in einem Restaurant eines Bundesministeriums gearbeitet. Seit März 2020 ist sie bei DHL an Bord. © Sven Darmer

Mit dem neuen Job sei nicht nur Struktur zurück in ihren Alltag zurückgekehrt. Auch ihr Einkommen habe sie auf das alte Niveau bringen können. Als schlussendlich ihre Entlassung im Restaurant bevorstand, ging sie nahtlos in die Vollzeitbeschäftigung bei der DHL über.

Gerade bei den neuen Zustellerinnen und Zustellern wechseln die Arbeitsrouten häufig. Meist trägt Haase jedoch in Frohnau, Hermsdorf, Glienicke oder Hennigsdorf aus. „Ich bin gerne in diesen ruhigeren Gebieten unterwegs und die frische Luft tut mir gut“, sagt sie. Angst davor, sich anzustecken, habe sie nicht: „Die Kontakte sind kurz und ich trage immer eine FFP2-Maske.“ Immer wieder musste Haase früher mehr oder weniger spontan bis mitten in die Nacht arbeiten und dafür Verabredungen mit Freundinnen und Freunden absagen. Der neue Job habe dem nun ein Ende bereitet. „Es ist schon ein anderes Lebensgefühl, dass ich mich jetzt verbindlich verabreden kann“, sagt sie.

Die leeren Flughäfen boten Milena Miethling keine Perspektive

Auch für Milena Miethling hat sich einiges geändert. Bis zum Beginn der Pandemie arbeitete die ausgebildete Servicekauffrau an den Berliner Flughäfen in Tegel und Schönefeld. Als Check-in-Agent beaufsichtigte sie die Passagierabfertigung, stand bereit an Check-ins und Ticketschaltern im Terminal. „Eigentlich lief alles super“, sagt sie, „wir hatten immer viel Betrieb.“ Dann aber habe das Virus Einzug gehalten – und mit ihm die Kurzarbeit.

Nur noch selten wurde Miethling an den Flughafen Schönefeld gerufen. Die Stimmung dort habe sie bedrückt: „Es hat mir das Herz zerrissen mit anzusehen, wie leer es am Flughafen war.“ Irgendwann habe sie gemerkt, dass es so schnell nicht besser werden wird. Eine neue Perspektive musste her.

Milena Miethling war als ausgebildete Servicekauffrau an den Berliner Flughäfen in Tegel und Schönefeld tätig. Jetzt arbeitet sie in einem Paketzentrum als Aufsichtskraft. Foto: Deutsche Post DHL Vergrößern
Milena Miethling war als ausgebildete Servicekauffrau an den Berliner Flughäfen in Tegel und Schönefeld tätig. Jetzt arbeitet sie in einem Paketzentrum als Aufsichtskraft. © Deutsche Post DHL

Nun wird Miethling zur Aufsicht für ein neues Mega-Paketzentrum in Ludwigsfelde ausgebildet. An dem Job gefällt ihr vor allem der enge Austausch mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. „Wie schon in Schönefeld sind alle möglichen Nationalitäten dabei“, sagt sie. „Ich finde das spannend.“

Während bei herkömmlichen Zentren – wie dem Paketzentrum Börnicke im nördlichen Berliner Umland– rund 32 000 Sendungen pro Stunde sortiert werden, sollen es in Ludwigsfelde bald 50 000 sein. Miethling freut sich auf die neue Herausforderung. Auch deshalb, weil der Weg zur Arbeit deutlich kürzer sein wird. „Zurzeit bin ich täglich etwa zwei Stunden unterwegs“, sagt Miethling. Daran, dass sich der Wechsel gelohnt hat, hegt Miethling keinen Zweifel. Auch ihr Mann Mirco Miethling, ein Techniker, der zuvor für die Lufthansa Flugzeuge wartete, hat bei der DHL eine Anstellung gefunden. Er wird dafür sorgen, dass die Sortiermaschinen in Ludwigsfelde laufen. Milena Miethling ist überzeugt: „Besser hätte es für uns nicht laufen können in dieser Zeit.“

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