Aus verschiedenen Bezirken kamen junge Engagierte zum Tagesspiegel nach Kreuzberg, um sich über Projekte und Ideen auszutauschen. Foto: Corinna von Bodisco
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Jung & engagiert „Digital ist Mittel zum Zweck“

Jugendliche aus ganz Berlin kamen für einen Workshop in der Tagesspiegel-Redaktion zusammen. Sie diskutierten über neue Formen des Engagements - und alte.

Ist das zivilgesellschaftliche Engagement von Jugendlichen anders als das von Erwachsenen? Digitaler, flexibler, ohne starre Vereinsstrukturen? Zehn Engagierte im Alter von 14 bis 23 Jahren tauschten sich darüber beim Tagesspiegel-Workshop „Junges Engagement digital“ aus. Sie engagieren sich in verschiedenen Projekten in sechs Berliner Bezirken und darüber hinaus.

Zu Anfang der Workshop-Planung stand die Frage: Wie können wir mit jungen Engagierten in Kontakt kommen und ihnen eine Plattform bieten, statt nur über sie zu schreiben?

Den Humboldthain oder den Viktoriapark vom Müll befreien, Medienprojekte an Neuköllner Schulen anbieten, Hunde Gassi führen, im Kinder- und Jugendparlament Tempelhof-Schöneberg mitarbeiten, ehrenamtlicher Datenschutzbeauftragter bei „Jugend hackt“ - damit sind nur einige Engagements der Teilnehmenden genannt.

Manche dieser Tätigkeiten gab es sicherlich, schon bevor der US-amerikanische Autor Marc Prensky 2001 den Begriff „Digital Native“ einführte. Damit beschreibt er eine Jugend, für die der Umgang mit Laptop und Smartphone selbstverständlich ist - einen Zeitraum ohne digitale Sphäre kennen sie nicht.

Digital oder Analog ist kein Entweder-oder

Die Schlussfolgerung, „Digital Natives“ seien nur noch im digitalen Raum unterwegs, mag diese Beschreibung nahelegen. Die Engagements der Jugendlichen im Workshop beweisen jedoch, dass es bei den vermeintlichen Polen „digital“ und „analog“ nicht um ein einfaches Entweder-oder geht.

Bei einer Übung verortete sich die Mehrzahl der Teilnehmenden in einem Zwischenraum. „Unsere Organisation und Kommunikation machen wir digital, die Projektdurchführung ist analog“ - „Digital ist Mittel zum Zweck“ - „Beim Medienprojekt bauen wir viel aus Holz und dokumentieren digital auf dem Blog“ ... So und ähnlich beschrieben die Jugendlichen ihren Engagement-Alltag.

[Der Workshop wurde im Rahmen des Förderprogramms „Engaging Communities“ von der Robert-Bosch-Stiftung und der University of Oregon in Portland ermöglicht. Teilnehmende: Maximilian Niebel (startthinking.now), Leonard Wolf (Jugend hackt), Sophia Vogel, Marwin Klages, Selina Makinist, Alicia Hanke (Peer Netzwerk Kompaxx e. V. Spandau), Léonard Béringuier (Kinder- und Jugendparlament Tempelhof-Schöneberg), Luise Belter (Medienwerkstatt Vincentino e. V.), Teresa Bruhn, Vivian Nestler (Schreibwerkstatt Bezirkszentralbibliothek „Mark Twain“ Marzahn-Hellersdorf).]

Viele Anliegen werden heute digital mittels Hashtag kommuniziert, doch damit allein ist es nicht getan. Der 23-jährige Maximilian Niebel und sein Team mobilisieren Menschen für die Park-Clean-ups von startthinking.now mit Instagram und Facebook. Beim Entmüllen packen die Helfer dann körperlich mit an, mal wird eine Story auf Instagram gepostet.

Ein wenig anders gestaltet sich das, wenn das Projektthema per se digital ist: So veranstaltet Jugend hackt bundesweit sogenannte Hack Days, um Jugendliche für das Programmieren zu begeistern.

Mangelnde Anerkennung für neues Engagement

Bei der Recherche „Wie präsentieren sich Engagierte digital?“ stießen die Jugendlichen vom Peer-Netzwerk Spandau auf das Neuköllner Engagement-Zentrum, eine Anlauf- und Vermittlungsstelle für alle, die sich ehrenamtlich engagieren möchten.

Engagieren, Reflektieren, Vernetzen: Der Workshop bringt neue Ideen für das Ehrenamt. Foto: Judith Langowski Vergrößern
Engagieren, Reflektieren, Vernetzen: Der Workshop bringt neue Ideen für das Ehrenamt. © Judith Langowski

„Voll cool, zu uns kommen auch oft Leute, die sich beteiligen wollen. Doch vor Ort zu fragen, ist für viele ein großer Schritt. So eine Webseite hilft dabei“, findet die 18-jährige Alicia Hanke.

Im Fishbowl diskutierten die Jugendlichen über Möglichkeiten und Herausforderungen neuer Engagement-Formen. „Warum wird die Arbeit von Fridays for Future nicht gewürdigt?“, fragte Leornard Wolf von Jugend hackt. Bisher würde vom Land Berlin nur institutionalisiertes Engagement anerkannt - zum Beispiel mit der Ehrenamtskarte.

Ein anderer spannender Punkt: Inwieweit können sich junge Menschen mit Lernproblemen überhaupt engagieren? Größtenteils spielen in den Bildungsinstitutionen die Noten eine größere Rolle als ein Engagement.

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Digital in die Augen schauen

Und apropos: Face-to-Face-Kommunikation sei persönlicher als digitale Kommunikation: Die 17-jährige Sophia Vogel sieht das anders. „Social Media ist doch superpersönlich. Man schaut den Leuten ja auch digital in die Augen und kann sich über Ländergrenzen organisieren.“

Am Ende des Workshops schrieben die Teilnehmenden Wünsche und Visionen für ihr eigenes Engagement auf: Wie soll es in fünf bis zehn Jahren aussehen und was brauchen wir dafür? Ihre Botschaften und Forderungen werden in unseren Leute-Newslettern für die Berliner Bezirke und im Tagesspiegel auf der Seite „Berliner Bezirke“ veröffentlicht.

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