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Eine Israel-Fahne ist bei einer Kundgebung gegen Antisemitismus vor dem Rathaus von Berlin-Neukölln zu sehen. Foto: Jörg Carstensen/dpa
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„Jüdisches Leben ist keine Provokation“ 300 Menschen demonstrieren in Neukölln gegen Antisemitismus

Im Vorfeld hatten die Veranstalter:innen vor möglichen Zwischenfällen gewarnt. Doch es blieb ruhig. Die Polizei war mit mehreren Mannschaftswagen vor Ort.

Etwa 300 Menschen haben am Sonntagabend vor dem Rathaus Neukölln gegen Antisemitismus demonstriert. Ein Bündnis mehrerer Organisationen hatte dazu aufgerufen. Auch nachdem es zu regnen begonnen hatte, blieben die meisten. Das Motto "Jüdisches Leben ist keine Provokation!" bezog sich auf einen Vorfall im Mai.

Am Rande einer pro-palästinensischen Demonstration am Hermannplatz waren drei jüdische Menschen bedroht worden. Ein Polizist soll ihnen daraufhin geraten haben, jüdische Symbole wie den Davidstern nicht offen zu tragen, weil das als Provokation empfunden werden könne.

Lars Umanski, Vorstand der Jüdischen Studierendenunion Deutschland, hat die Kundgebung mitorganisiert. Im Vorfeld seien die Veranstalter:innen gefragt worden, warum sie ausgerechnet in Neukölln demonstrieren wollten, sagt er dem Tagesspiegel. "Macht die Kundgebung irgendwo anders", hätten Kritiker:innen gesagt. Doch gerade daran zeige sich, dass es ein Problem gebe.

"Wie kann es sein, dass mir als Jude in Deutschland, im Jahre 2021 geraten wird, nicht nach Neukölln zu gehen?", fragte Umanski. Wenn er eine Kippa, einen Davidstern oder andere offensichtliche jüdische Symbole trage, müsse er hier Angst haben. Angriffe gebe es auch zum Beispiel in Marzahn oder anderen Stadtteilen, das sei bekannt. Doch dass es auch in Neukölln Judenfeindlichkeit gebe, werde in der Öffentlichkeit allzu oft nicht als Problem wahrgenommen.

Neuköllns Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD) hielt einen Redebeitrag und sagte: Es dürfe nicht als normal gelten, wenn Menschen aufgrund eines Davidsterns angegriffen würden. "Ich bin überzeugt davon, dass der Kampf gegen Antisemitismus immer ein Kampf für die Demokratie ist." Sein Bezirk brauche aber mehr Ressourcen, um den Antisemitismus langfristig zu bekämpfen, etwa durch Bildungsprogramme in den Schulen, sagte Hikel.

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Erst am Samstagabend war es zu israelfeindlichen Vorfällen gekommen. 3000 Menschen waren im Rahmen des „Internationalist Queer Pride for Liberation“ vom Neuköllner Hermannplatz nach Kreuzberg gezogen. Die Demonstration war von linken Gruppen organisiert worden, das Motto an den Christopher Street Day angelehnt.

Mitveranstalter Lars Umanski Foto: Christoph M. Kluge Vergrößern
Mitveranstalter Lars Umanski © Christoph M. Kluge

Doch inhaltlich ging es vielen Teilnehmenden vor allem um den Nahostkonflikt. Einige riefen Parolen wie "Kindermörder Israel", bedrängten Journalist:innen und beschimpften sie als "Zionistenpresse".

Israelfeindlichkeit bei Demo am Samstag

Bei der Kundgebung am Sonntag thematisierten mehrere Redner:innen diese Veranstaltung. Sie sei beispielhaft für die Problemlage, sagte Sigmount Königsberg von der Jüdischen Gemeinde Berlin. "Wenn moderne Antisemiten sagen, sie würden die Zionisten hassen, dann meinen sie die Juden",sagte er.

André Wartmann, der Antisemitismus-Beauftragte des Bezirks Lichtenberg, pflichtete ihm bei. Wenn auf Demos wie am Samstag Sprechchöre gerufen würden wie "From the River to the Sea, Palestine Will Be Free oder "Kindermörder Israel" dann sei das "Antisemitismus, getarnt als Israelkritik. Das darf nicht unwidersprochen bleiben."

Michaela Engelmeier, Generalsekretärin der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, warnte vor der Kampagne "Boycott, Divestment and Sanctions" (BDS), die den Staat Israel durch Boykottaufrufe international isolieren will. BDS gehörte zu den Initiatoren der Pride-Demo am Samstag. Einem Bericht der "Welt am Sonntag" zufolge wird die Bewegung inzwischen von den Verfassungsschutzämtern mehrerer Bundesländer beobachtet. Das sei gerechtfertigt, sagte Engelmeier denn BDS sei "zutiefst antisemitisch".

Auch Lars Umanski vom JSUD hielt eine Rede. Er sprach Gruppen wie BDS direkt an und ging auf deren Vorwurf ein, Kritik an Israel sei in Deutschland tabu. Umanski sagte: "Ihr dürft die israelische Politik kritisieren, ihr dürft rassistische Strukturen kritisieren. Aber die Grenze ist überschritten, wenn das Existenzrecht Israels, der einzigen Demokratie im Nahen Osten, negiert wird. Und mehr noch, wenn Jüdinnen und Juden in Deutschland für die Politik des israelischen Staates verantwortlich gemacht werden."

Im Vergleich zum Mai sei es zwar im Moment ruhig in Berlin. Doch spätestens, wenn der Konflikt im Nahen Osten wieder eskaliere, werde es auch wieder mehr Angriffe auf Juden in Deutschland geben. "Und die Eskalation wird kommen. Leider."

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