Alter Domfriedhof der St. Hedwigs-Gemeinde an der Liesenstraße zwischen Berlin-Mitte und Wedding. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
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Jackie Hetzel (Geb. 1958) „Hätte nie gedacht, dass ick so alt werde“

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Jeder schaufelt sich selbst sein Grab, heißt es. Aber meist schaufeln es andere. Der Nachruf auf einen, der sein eigenes Leben leben wollte.

Ein Stern, der seinen Namen trägt? Sternburg Pilsner. Gibt schlechtere Biere. Aber kein besseres für einen Punk. Hinter seinem Grabstein steht ein Sterni. Und auf dem Grabstein ein Kümmerling. Denn der Durst bleibt. Jackie war Friedhofsgärtner. Und Totengräber.

Jeder schaufelt sich selbst sein Grab, heißt es. Aber meist schaufeln es andere. Auch wenn der Boden im Sommer staubtrocken ist oder im Winter steinhart. Das kann einige Stunden dauern und kostet viel Schweiß. An die 1000 Gruben hat er ausgehoben, jede akkurat, ohne Ansehen der Person. Sein Arbeitsplatz war der Alte Zwölf-Apostel-Kirchhof in Schöneberg. Kein Ort für Prominente. Die liegen nicht weit entfernt auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof, die Brüder Grimm und der Herr Virchow und wie sie alle heißen. Auf Jackies Friedhof geht es entspannter zu. „Ick bin der Einzige, der hier arbeitet“, scherzte er, „der eene ruht, der eene liegt“: Ein schöner Friedhof, gerade Wege, viele Linden, ordentlich gepflegt. Das war nach Jackies Sinn. Klar, es kam vor, dass er mal das Wochenende durchgefeiert hat und montags nicht frisch genug für den Dienst war. Aber dann hat er nicht über ein allgemeines Unwohlsein gefaselt, sondern Klartext gesprochen: „Ick kann nich’ kommen. Bin noch besoffen.“

Ob das Sterben ein wenig leichter wird, wenn man weiß, wo man zur Ruhe kommt? Wahrscheinlich nicht, aber es macht das Leben schöner. Jackie saß in der Pause gern vor dem Mausoleum an der hinteren Mauer, Treppenstufe zwei mit Blick auf den Garten der kleinen Ewigkeit. Ob er da gelegentlich ins Grübeln geriet? Er hätte ja auch ein ganz anderes Leben führen können, das von Jürgen, so sein Taufname. Die Eltern hatten ihn gleich nach der Geburt zur Oma gegeben, die eigene Wohnung war angeblich zu klein für drei Kinder. Für Jackie war es ein Glück, acht Jahre war er bei Oma, bis sie starb und er beim Leichenschmaus stumm dasaß: „Die trinken und lachen, und meine Oma ist tot.“

Jackie zog es nie groß raus aus Berlin

Er musste zurück zu den Eltern und wollte bald wieder fort. Also ging er zur Polizei, weil die wie eine Familie war. Jackie war klug, Jahrgangsbester. Er mochte die Kollegen, er mochte das lockere Leben in der Kaserne, er war beliebt. Geld war auch da, als angehender Beamter bekam er Kredit für den Manta und noch zwei Autos. Aber die Richtung passte ihm nicht. Damals hielt es die Polizei in Berlin oft genug mit den Starken und nicht mit den Schwachen. Er wollte nicht gegen Hausbesetzer antreten, also verpatzte er die letzte Prüfung.

Statt Streifendienst fuhr er nun tagsüber Brötchen aus und feierte abends mit den Punks. Gefärbte Haare, Schnitt vom Irokesen, immer was zu rauchen in der Tasche. Die Rigaer Straße wurde sein Zuhause, und wenn er bei einer Demo auf einen ehemaligen Kollegen traf, sagte er nur: „Ick bin jetz’n anderer.“ Was ihm schiefe Blicke einbrachte. Er hatte die Seiten gewechselt, weil er seinen Standpunkt nicht wechseln wollte.

Jackie zog es nie groß raus aus Berlin. Grün genug war es in Friedrichshain sowieso, und die Exotik der Ferne, die hatte er immer vor Augen. In seinen Aquarien, da kannte er sich aus, vier Becken, Zierfische vom Feinsten, aber irgendwann wurde ihm auch das zu viel und zu teuer. Er musste sich ja um Phillip kümmern, der war sein Ziehsohn, den konnte er umsorgen, so wie es Oma seinerzeit mit ihm gemacht hatte. Das wollte er weitergeben, dass Liebe ein wahres Gefühl ist.

Er kam wieder, im Trau

„Hätte nie gedacht, dass ick so alt werde“, gestand er, aber er hatte ja einen gesunden Arbeitsplatz, und er ist sich immer treu geblieben, was ihm die innere Ruhe gab, als er den ersten Schlaganfall überstanden hatte. Gesünder leben war ja auch nicht die Lösung. Er wollte sein eigenes Leben leben. Ohne sich festzulegen. Wenn er tanzte, dann nur nach seiner Pfeife, mal mit Frauen, mal mit Männern, mal den Punk, mal den Schlager: „Arrivederci Hans, das war der letzte Tanz.“ Bei der Beerdigung lief „My Way“ von den Sex Pistols, was sein Kumpel Dieter übersetzte mit: „Gießen und Pflegen, das war sein Leben.“

Und so ganz hat er die Kollegen ja auch nach seinem Tod nicht im Stich gelassen. Er kam wieder, im Traum, um kurz aus dem Jenseits zu grüßen: „Ick bin jesund, mir jehtit jut, nur dit Rauchen fehlt.“

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