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Da war die Welt noch in Ordnung. Die kleine Eisbärin Hertha spielt im Mai 2019 mit ihrer Mutter Tonja im Freigehege im Tierpark Berlin. Foto: dpa
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Inzucht im Berliner Tierpark Die Eltern von Berlins Eisbären-Nachwuchs Hertha sind Geschwister

Der Tierpark Berlin muss seine Pläne für die Eisbärenzucht mit der Bärendame Hertha stoppen. Grund ist eine Verwechslung in Moskau vor zwölf Jahren.

Zwei kleine weiße Knäuel sind einfach zu vertauschen, erst recht, wenn es Eisbären sind. An sich kein Drama, aber für den Tierpark Berlin schon. Denn genau das ist mit dem Tonja, dem Muttertier von Berlins Lieblingseisbärin Hertha in Moskau während der Tierbaby-Quarantäne passiert.

Tonja wurde mit einem anderen Eisbärenbaby verwechselt. Dann kam sie nach Berlin, wurde mit dem Männchen Wolodja zusammen gebracht - doch die beiden sind Geschwister und Hertha ist damit ein Inzuchttier.

Der Tierpark Berlin muss somit seine wichtigen Pläne mit der Berliner Eisbärendame zur Erhaltungszucht der gefährdeten Tierart in der vom Klimawandel bedrohten Arktis aufgeben.

"Für uns ist das sehr ärgerlich, und für die Tierpflegerinnen und -pfleger war es ein Schock", sagte Zoo- und Tierparkdirektor Andreas Knieriem am Montag auf der ersten digitalen Pressekonferenz des Tierparks zu Coronazeiten. Die negative Nachricht hat allerdings auch sein Gutes: Hertha bleibt somit in Berlin. Und: "Wir haben das Tier ja weiter gern, sie ist eine tolle Eisbärin", sagte Knieriem.

Tonja und Wolodja sind Geschwister

Aber eben ein Tier mit einem Inzuchtanteil. Wie wurde es nun bekannt? Der Biologin Marina Galeshchuk aus dem Zoo Moskau waren vergangenes Jahr bei der Durchsicht älterer Unterlagen widersprüchliche Angaben bezüglich des Geburtsdatums von Eisbärin Tonja aufgefallen.

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Während laut Tierpark in allen bislang vorliegenden Unterlagen der 14.11.2009 als Geburtsdatum angeführt war, tauchte nun ein Dokument auf, in dem der - korrekte - 16.11.2009 als Datum angegeben wurde.

Tatsächlich gab es damals bei einer anderen Eisbärfamilie in Moskau beinahe zeitgleich zur Geburt Tonjas ein weiteres weibliches Jungtier, das in den offiziellen Unterlagen mit Geburtsdatum 16.11.2009 gelistet ist.

Gentest bestätigte den Verdacht

Sofort hat der Tierpark Berlin, in dem Tonja seit Januar 2011 lebt, in Absprache mit dem Europäischen Erhaltungszuchtprogramm für Eisbären (EEP) das Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) mit einer Genanalyse der europäischen Eisbärpopulation beauftragt.

"Und das ist nicht so leicht, Sie können von Eisbären ja nicht einfach Haare nehmen", sagte Direktor Andreas Knieriem. Die Forscher:innen stellten dann tatsächlich fest, dass Tonjas Eltern nicht, wie bisher angenommen, die Eisbären Untay und Murma sind, sondern Vrangel und Simona.

Doch von denselben Eltern wie Tonja stammt eben auch Herthas Vater ab, der Eisbären-Mann Wolodja, der am 27.11.2011 in Moskau geboren wurde. Herthas Elterntiere sind also Bruder und Schwester. „Wäre uns das Verwandtschaftsverhältnis zwischen Tonja und Wolodja bekannt gewesen, hätten wir die beiden Eisbären selbstverständlich nicht für eine Zucht empfohlen. Das war ein Fehler“, so Marina Galeshchuk aus Russland. Hertha wird infolge dieses Datenunglücks nun doch in Berlin bleiben und nicht für die wichtige Zucht an andere Tierparks abgegeben.

Nun hat das EEP in einer Sondersitzung entschieden, dass Tonja vorerst keine weiteren Nachkommen haben soll. Was für eine Eisbärin nicht besonders schlimm sei, da sie auch in der Natur Einzelgängerinnen seien und nicht immer trächtig würden. Das gleiche gilt für ihre Tochter Hertha, die Ende 2018 im Tierpark Berlin gesund zur Welt kam.

Erstmal keine Eisbärenzucht mehr

Tierparkdirektor Andreas Knieriem wollte niemandem die Schuld zuschreiben und nun womöglich das Verhältnis zwischen den Zoos belasten, zumal der Mann, dem der Fehler passiert sei, bereits verstorben ist.

Möglich sei es, die Eisbärenzucht im Tierpark Berlin irgendwann wieder aufleben zu lassen, wenn die alte Eisbärendame Katjuscha im Zoo Berlin verstorben sei und dort Platz entstehe, um Tiere einzeln auszugliedern. Eine Haltung von vielen Tieren auf engem Raum, die Stress auslöste, wie zu Knuts Zeiten, werde es nicht mehr geben, sagte Andreas Knieriem. Die Todesfälle von Tonjas vorigen beiden Geburten, Fritz und ein weibliches Jungtier, haben nichts mit Folgen von Inzucht zu tun, hieß es bei der Pressekonferenz. Die Sponsoren der jungen Eisbärin, die sich mit dem Muttertier derzeit noch sehr gut verstehe, also Berlins Fußballteam Hertha BSC, hat schon mitgeteilt, man stehe weiter zu Hertha.

Aquarium, Zoo und Tierpark machen wieder auf

Unterdessen gab es noch gute Nachrichten: Ab Mittwoch öffnet das Aquarium wieder mit Testpflicht und Zeitfensterbuchung - allerdings nur für Jahreskartenbesitzer:innen. Und Zoo und Tierpark dürfen wieder Besucher ohne Test auf die Außenanlagen lassen. Allerdings besteht weiter Maskenpflicht, da sich die Menschen vor beliebten Tieren - wie Eisbären - oft sehr drängen.

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