Die East Side Gallery ist das längste noch erhaltene Teilstück der Berliner Mauer an der Mühlenstraße zwischen Ostbahnhof und Oberbaumbrücke. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
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Interview zu East Side Gallery in Berlin Stiftungs-Chef: „Planen keine Aura des Schreckens"

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Axel Klausmeier, der Direktor der Stiftung Berliner Mauer, über die Pläne für die East Side Gallery - und den Ärger über die Bebauung.

Der Senat will die East Side Gallery in Friedrichshain an die landeseigene Stiftung Berliner Mauer übertragen. Zu der gehören bereits die Gedenkstätte Bernauer Straße und das ehemalige Notaufnahmelager Marienfelde. Im Interview spricht Stiftungsdirektor Axel Klausmeier über seine Pläne für die East Side Gallery, den Streit um die Mauer und die Bebauung des Todesstreifens.

Herr Klausmeier, woran denken Sie, wenn Sie an die East Side Gallery denken?

Meine früheste Erinnerung ist ein Besuch in Ost-Berlin Anfang der 80er Jahre. Ich lief von der Warschauer Straße aus dorthin. Damals war es nicht die East Side Gallery, sondern die Mauer. Die Situation dort war gespenstisch, die Straße war menschenleer, denn man ging an der Mauer nicht spazieren. An die Kunstaktion 1990 habe ich keine Erinnerung, weil ich damals nicht in Berlin wohnte, aber an den sehr schlechten Zustand der Bilder in den 90er Jahren.

AXEL KLAUSMEIER ist seit 2009 Direktor der Stiftung Berliner Mauer. Seit 2012 ist der promovierte Historiker zudem Honorarprofessor an der BTU Cottbus-Senftenberg. Foto: Gedenkstätte Berliner Mauer
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2009 kam dann die Restaurierung der East Side Gallery, wo viele Künstler ihre Bilder neu malten. Für mich war auch der 5. März 2013 ein wichtiges Datum, da brachen nämlich die Proteste los gegen das Bauprojekt Living Levels auf dem einstigen Todesstreifen. Proteste gab es aber auch schon vorher, als mit dem Bau der damaligen O2-Arena Teile aus der Mauer herausgerissen wurden.

Sie haben in der Vergangenheit wiederholt die Konzeptlosigkeit im Umgang mit der East Side Gallery kritisiert.

Als der Bau der Living Levels begann und weitere Teile der Mauer herausgerissen wurden, hatten Bezirk und Senat keine Perspektive, wie dieser Ort in zehn, 20 oder 50 Jahren aussehen soll. Für die East Side Gallery als einem der bekanntesten und besucherreichsten Denkmale der Stadt gab es bis 2014 keinen Denkmalpflegeplan.

Nachdem 2009 einmalig 2,3 Millionen Euro ausgegeben wurden, damit die Künstler ihre Bilder restaurieren konnten, war die Mauer wenige Tage nach der Aktion wieder mit Graffiti überzogen. Deshalb habe ich ein Gesamtkonzept gefordert, sowohl auf städtebaulicher als auch auf bildungspolitischer Ebene.

Wie sieht das Konzept aus?

Es gibt ein vom Senat beauftragtes und ein mit dem Landesdenkmalamt abgestimmtes Denkmalpflegekonzept sowie eine Machbarkeitsstudie für die städtebauliche Umgebung, insbesondere für die Seite der Mühlenstraße. Denn Denkmal und Umgebung müssen in Einklang gebracht werden. Wenn ich den Galerie-Gedanken aufnehme, muss ein räumlicher Abstand zu den Bildern geschaffen werden, sonst sehe ich nur einen kleinen Ausschnitt.

Das hat Auswirkungen auf die Breite des Fußwegs und der Parkplätze. Das städtebauliche Konzept sieht unter anderem vor, die Parkplätze zu verlegen und den Gehweg zu verbreitern. Im Louvre steht vor den Bildern schließlich auch nichts rum.

Die unentgeltliche Übertragung der Grundstücke an Ihre Stiftung ist zwar noch nicht erfolgt, Sie rechnen aber noch in diesem Jahr damit. Was planen Sie für den Ort?

Die jährlich mindestens 1,5 Millionen Menschen besuchen die East Side Gallery vor allem aus zwei Gründen: Erstens, weil es mal die Berliner Mauer war und das zeitgeschichtliche Moment für Berlin-Touristen einen enormen Reiz hat. Die East Side Gallery gehört wiederum aus denkmalpflegerischer Perspektive zu einer Sachgesamtheit aus rund 25 im dezentralen Gedenkstättenkonzept des Berliner Senates von 2006 zusammengefassten Mauerorten.

Der zweite, ebenso wichtige Grund ist die künstlerische Aneignung durch die KünstlerInnen 1990, die die friedliche Überwindung der Mauer und die Freude daran symbolisiert. Diese beiden Hauptbotschaften muss man an der East Side Gallery erklären und vermitteln.

Wie soll Ihre politische Bildungsarbeit dort aussehen?

Wesentlich geht es um die Vermittlung dieser zwei Hauptbotschaften. Wir wollen die Leute an die Hand nehmen und ihnen die Geschichte des Ortes erklären. Es geht um die Funktionsweise des Grenzsystems und es soll auch nicht verschwiegen werden, dass entlang des Mauerstreifens zehn Menschen getötet wurden, viele auch auf der Westseite.

Daneben aber steht gleichberechtigt die Geschichte der künstlerischen Aneignung des Ortes. Wir wollen regelmäßige Führungen und Audioguides anbieten, in denen wir diese Schwerpunkte vermitteln. Auch eine sehr zurückhaltende dauerhafte Ausstellung werden wir perspektivisch einrichten, doch dazu benötigen wir zusätzliche Mittel. Fest steht, dass die Ausstellung keine „zweite Bernauer Straße“ wird.

Sie haben sich dafür ausgesprochen, die Westseite der Mauer weiß zu streichen. Die Farbe sollte Grenzsoldaten früher helfen, Flüchtende zu erkennen und an der Flucht zu hindern.
Die Westseite weiß zu streichen, ist für uns sehr wichtig. Dieses Detail macht unter anderem deutlich, dass es die Innenseite der Mauer war: Hier war Todesstreifen, hier wurde geschossen. Das muss getrennt von der künstlerischen Aneignung erzählt werden. Das Weiß-Streichen hängt letztlich eng mit der Frage nach der Bespielung der Westseite zusammen. Deshalb müssen perspektivisch jedwede künstlerischen Interventionen im Mauerstreifen und eben nicht auf der Mauer selbst stattfinden.

Eine weiße Wand in Friedrichshain bedeutet, dass man ständig neu streichen muss.

Auch dafür werden wir vom Senat finanziell ausgestattet.

Mit jährlich 250.000 Euro für die Denkmalpflege und politische Bildungsarbeit. Allerdings kritisieren einige Aktivisten die Übergabe der East Side Gallery an Ihre Stiftung. Sie fürchten mit Blick auf die Bernauer Straße, dass dadurch die freudige Konnotation der Galerie verloren ginge.

Wir werden uns nach der Übertragung regelmäßig mit den an der East Side Gallery Beteiligten und weiteren Interessengruppen zusammensetzen und eine angemessene Form der Kommunikation finden. Daran kann jeder teilnehmen. Bei der Einrichtung aller Gedenkstätten in Berlin gab es solche Auseinandersetzungen, weil alle Akteure um das Narrativ ihrer persönlichen Geschichte kämpfen.

Über die Gedenkstätte Bernauer Straße wurde lange gestritten, über das Denkmal für die ermordeten Juden Europas ebenfalls. Das war anstrengend, aber mitunter auch sehr produktiv. Dass wir auch an der East Side Gallery keinen allgemeinen Konsens finden, mit dem alle 100-prozentig glücklich sind, ist mir klar.

Schmerzt Sie als Historiker und Denkmalschützer die Bebauung der East Side Gallery?

Natürlich. Ich halte das städtebaulich für eine komplett falsche Entscheidung, das habe ich immer gesagt. Aber das Auskaufen aus der Baugenehmigung kann nicht gelingen, weil es unglaublich teuer ist. Am liebsten wäre mir gar keine Bebauung dort. An den wenigen Orten, wo noch Mauerteile stehen, sollten wir versuchen, die Geschichte zu erklären. Es geht nicht darum, Platz zu haben, um den Todesstreifen zu rekonstruieren.

Wir können und wollen auch das System, das für diesen verantwortlich war, nicht rekonstruieren. Eine Aura des Schreckens zu schaffen, die man vielleicht bräuchte, um den Ort besser zu verstehen, ist ausdrücklich nicht unsere Absicht. Das haben wir an der Bernauer Straße auch nicht getan. Es sind vor allem die Dimension und die Geschichte der East Side Gallery, die den Ort ausmachen.

Aktivisten fordern an der East Side Gallery Raum für kulturelle Veranstaltungen. Auf dem Mauerstreifen gibt es unter anderem schon ein Bistro. Wie vereinbart sich das mit Ihrer Position gegen die Bebauung?

Alles was dort an Inszenierung stattfinden kann, muss temporär, zerstörungsfrei und reversibel sein. Also temporäre Kunstinstallationen, temporäre Bespielungen. Über Umfang, Dauer und Details muss man reden. Ich habe schon beim Bau der Living Levels gesagt, dass jede Bebauung weiter die geschichtlichen Ebenen der Grenze verunklart.

Dass es schon schmerzliche Unterbrechungen im Grenzstreifen gibt, etwa die Schiffsanlegestelle im Bereich der Mercedes-Benz-Arena, ist eine Erschwerung der Geschichte, die wir erzählen wollen. Aber wir können die Zeit nicht zurückdrehen und müssen mit den Dingen, die schon existieren, umgehen.

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