Luftaufnahme der Berliner Skyline am Lustgarten in Berlin. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
© Kitty Kleist-Heinrich

Interview zu 100 Jahren Groß-Berlin „4,5 Millionen Einwohner sind die Messlatte“

Vor bald 100 Jahren entstand die Metropole in ihren heutigen Grenzen. Was lässt sich aus der Gründung Groß-Berlins auf die heutige Zeit übertragen? Ein Interview.

Harald Bodenschatz war bis 2011 Professor für Planungs- und Architektursoziologie an der Technischen Universität Berlin. Zu seinen Schwerpunktthemen gehört Groß-Berlin.

Herr Bodenschatz, in genau einem Jahr wird Groß-Berlin 100 Jahre alt. 1920 wurde die Metropole zusammengeschweißt – am 1. Oktober trat das entsprechende Gesetz in Kraft. Das Datum dürfte nur wenigen geläufig sein. Wie sehen Sie das?
Wir Berliner kennen unsere Stadt relativ schlecht. Berlin ist Weltmeister darin, wichtige Daten der eigenen Geschichte zu verschlafen.

Warum?
Die Stadt war lange unbedeutend im Vergleich zu den anderen großen Städten Europas. Sie wurde erst Ende des 19. Jahrhunderts mit der Industrialisierung quasi aus dem Stand heraus eine Weltstadt. Deswegen hatte man hier immer Probleme mit der wenig glanzvollen Vergangenheit und ist auch mit dem eher bescheidenen baulichen Erbe sehr rabiat umgegangen. Als relativ junge Hauptstadt hat Berlin auch im Rest des Landes einen schweren Stand – wie Rom und zeitweise auch Moskau.

Nun wird das mit einer rauschenden Feier zum Hundertjährigen wieder gutgemacht?
Die große Chance für das Jubiläum ist nicht unbedingt, dass wir Berlin feiern, bis wir umfallen. Sondern dass wir Dinge besprechen, die wir im Alltag nicht besprechen können. Die tabuisiert sind, für die wir sonst keine Zeit haben. Denn wenn wir die Stadt gestalten wollen, müssen wir mehr von ihr wissen – auch die Politik. Sie ist im Moment eher getrieben. Dabei muss sie die Urbanisierung ganz Berlins und die Gestaltung des Großraums gezielt und planvoll vorantreiben.

Ihr Architekten- und Ingenieurverein zu Berlin (AIV) hat deshalb soeben den internationalen städtebaulichen Wettbewerb „Berlin-Brandenburg 2070“ gestartet. Die Ergebnisse und Preisträger sollen dann in der Ausstellung „100 Jahre Groß-Berlin“ in einem Jahr präsentiert werden. Ist 2070 nicht noch sehr ferne Zukunft?
Nein. Diese Zukunft kommt ja nicht einfach über uns, sie wird durch heutige Entscheidungen wesentlich geprägt. Auch unsere Gegenwart ist das Ergebnis der Entscheidungen unserer Vorfahren. Unser AIV-Vorgängerwettbewerb, der 1910 die Schaffung von Groß-Berlin vorbereitete, hatte sogar einen Zeithorizont von 100 Jahren.

Aber ist die Gestaltung der Stadt nicht Aufgabe der Politik?
Die Politik kann im Moment relativ wenig gestalten, weil sie die Instrumente zur Umsetzung nicht hat oder erst wiederaufbauen muss. Es fehlt die Kraft, es fehlen Finanzmittel und es fehlt Verwaltung. Daher ist es die Aufgabe der Zivilgesellschaft, zu drängenden Fragen Stellung zu nehmen. Ich habe auch den Eindruck, dass man in der Berliner Politik die Notwendigkeit unserer Initiative erkannt hat. Das Schwierige wird sein, diese programmatische Debatte in praktisches Handeln zu transformieren.

Derzeit ist Stadtentwicklungspolitik in Berlin vor allem parteipolitisch geprägt. Jede Partei will ihre Klientel bedienen.
Das ist ein schwieriger Punkt und sollte nicht so sein. Deswegen brauchen wir überparteiliche Debatten. Dafür wollen wir mit dem Wettbewerb einen Beitrag leisten.

An wen richtet der sich konkret?
An Planungsbüros, die disziplinübergreifend aufgestellt sind – man braucht Kompetenz in Architektur, Stadtplanung, Verkehr, Landschaftsplanung, Sozialwissenschaften. Es haben schon bekannte internationale Büros Interesse gezeigt. Allerdings sind auch Berlinkenntnisse erforderlich. Das ist sicher eine Herausforderung – wie schon damals beim Wettbewerb Groß-Berlin.

Der Stadtplaner Harald Bodenschatz mit seiner Ausstellung "Hauptstadt und Diktatur". Foto: Doris Spiekermann-Klaas Vergrößern
Der Stadtplaner Harald Bodenschatz mit seiner Ausstellung "Hauptstadt und Diktatur". © Doris Spiekermann-Klaas

Der Stadtentwicklungsplan 2030 sieht Potenzial für bis zu 200.000 Wohnungen. Wie viele Menschen verträgt Berlin?
Auf der gleichen Fläche haben einst ja schon viel mehr Menschen gelebt – 4,5 Millionen. Das ist die Messlatte. Wenn man aus Südamerika oder Asien zurückkommt, kommt einem Berlin gähnend leer vor. Wir haben eine Pro-Kopf-Flächennutzung von 40 Quadratmetern – das gibt es weltweit kaum in einer anderen Großstadt. Aber an dieser Schraube zu drehen, ist schwer. Vor allem, weil es ein wirkliches, großes Versäumnis gibt.

Welches?
Berlin hat nicht nur die öffentliche Infrastruktur sträflich vernachlässigt, sondern auch einen Großteil seines Bestands an öffentlichem Eigentum verschleudert. Das betrifft vor allem Grund und Boden. Wir haben auch in großem Stil Schulen aufgegeben, und es gibt unglaublichen Nachholbedarf bei Kitas, Parks, Krankenhäusern. Da geht es viel zu schleppend voran. Selbst in den 1920er Jahren ist hier trotz leerer Kassen viel mehr geschaffen worden: Westhafen, Messegelände, Flughafen Tempelhof, Volksparks, Strandbad Wannsee, Kraftwerk Klingenberg - das alles hat man damals in wenigen Jahren gestemmt. Wir müssen, um die Zukunft zu meistern, viel mehr in die öffentliche Infrastruktur investieren. Besonders problematisch sind die Versäumnisse in der Verkehrsinfrastruktur.

Wenn man Reaktivierungen stillgelegter Strecken herausrechnet, ist weiterhin keine einzige wirklich neue S- oder U-Bahnlinie konkret geplant.
Das ist ein Unding. Alle reden von der Verkehrswende, aber das Netz hinkt jetzt schon enorm hinter den Bedürfnissen her. Wenn man neue Wohnungsprojekte will und gleichzeitig die notwendige Infrastruktur nicht hat, braucht man sich nicht wundern, wenn die Anwohner dagegen protestieren, weil das dann eine zusätzliche Belastung ist.

Der Senat verweist immer darauf, dass es 30 Jahre dauert, bis eine neue U-Bahn gebaut werden kann. Muss er dann nicht jetzt sofort anfangen?
Ja, natürlich. Leider ist diese Grundhaltung in Senat und Verwaltungen noch nicht besonders verbreitet. Aber nun steigt der Druck der Anwohner, und der ist berechtigt. Und weil Berlin aus so vielen Ortsteilen zusammengesetzt ist, gibt es auch sehr viele unterschiedliche zivilgesellschaftliche Bewegungen. Die sind einflussreicher als in anderen Großstädten, das ist eine Berliner Besonderheit.

Millionenstadt. Darstellung von Groß-Berlin auf einem 1000-Mark-Schein von 1922. Foto: Tsp Vergrößern
Millionenstadt. Darstellung von Groß-Berlin auf einem 1000-Mark-Schein von 1922. © Tsp

Wie geht man damit in der Stadtplanung um?
Man darf sich davon nicht entmutigen lassen. Die Politik ist stark verunsichert und scheut es immer mehr, eigene politische Programme offensiv zu vertreten. Aber die Politiker sollen ja nicht die Leute fragen, die sie gewählt haben. Sie sollen eigene Vorschläge machen und sie begründen. Das vermisse ich immer mehr.

Auch die zweistufige Verwaltung ist ein Erbe Groß-Berlins, die eine stringente Stadtentwicklung behindert.
Das Thema Verwaltung muss auf den Tisch. Es war von der ersten Sekunde 1920 klar, dass das Konstrukt Magistrat und Bezirke in der damals gefundenen Form keine optimale Lösung ist. Zudem ist heute die Zusammenarbeit zwischen den Senatsverwaltungen für Stadtentwicklung und Verkehr sehr verbesserungswürdig – vorsichtig ausgedrückt. Sie brauchen eine gemeinsame Arbeitsgruppe, die einen dauerhaften, regelmäßigen Austausch in der Stadtentwicklung gewährleistet – wie in der Gemeinsamen Landesplanung mit Brandenburg. Das ist das Mindeste in der jetzigen Situation.

Diese Gemeinsame Landesplanung sieht ein Wachstum der Metropolregion entlang der Radialtrassen des sogenannten „Siedlungssterns“ vor.
Die Stadt hat sich schon von Beginn an sternmäßig Richtung Umland entwickelt, wegen der Bahnlinien und der Straßen. Im Wettbewerb Groß-Berlin 1910 wurde der Siedlungsstern dann auch bereits konzeptionell vorgestellt. Dass man ihn wieder aufgreift, ist sinnvoll. Doch die Frage, wie der Stern konkret in der Praxis aussehen soll, muss jetzt als nächstes kommen.

Gilt der Siedlungsstern denn auch für Planungen auf Berliner Stadtgebiet?
Der neue Landesentwicklungsplan hat ihn als Leitbild verkündet, und der ist für beide Länder verbindlich. Der Flächennutzungsplan in Berlin müsste sich also daran orientieren. Auch im Wettbewerb soll darauf Bezug genommen werden. Die großen Ausfallstraßen haben auf jeden Fall ein enormes Potenzial in Bezug auf Nachverdichtung. Das ergibt aber nur Sinn, wenn man die Verkehrswende mitdenkt. Wenn die Ausfallstraßen stärker auf Elektrofahrzeuge und Mischverkehr und nicht mehr so einseitig auf klassische Autos ausgerichtet sind, werden sie viel urbaner und attraktiver. Die Zentren entlang dieser Achsen werden dann eine neue Bedeutung erhalten.

Die Praxis sieht allerdings anders aus. In Brandenburg werden diese Zentren tatsächlich gestärkt, die weitere Bebauung im Zwischenraum der Siedlungsstern-Achsen ist dafür stark eingeschränkt. In Berlin dagegen sollen bisweilen große Viertel auf kommunalen Flächen weitab jeder Sternachse entstehen.
Ich hoffe, dieses Problem ist langsam in den Verwaltungen angekommen. Frau Lompscher hat letztens ausdrücklich gesagt, es sei wichtig, den Siedlungsstern auch für Berlin zu denken.

Ihr Wettbewerb denkt den Großraum Berlin-Brandenburg ausdrücklich als Einheit. Muss sich Berlin in der Stadtplanung noch weiter mit Brandenburg verzahnen?
Natürlich. Diese Grenze ist absurd und steht am Ende beiden im Wege. Das sieht man nicht nur beim Flughafen. Der Planungsraum endet nicht an der Stadtgrenze.

Plädieren Sie aus stadtplanerischer Sicht für eine Länderfusion?
Eine Fusion hätte in der heutigen Situation überhaupt keine Chance. Da spielen auch die Befindlichkeiten eine Rolle, die es seit der Bildung von Groß-Berlin 1920 gibt. Das hat man damals in Brandenburg als feindliche Landnahme angesehen und bis heute nicht vergessen. Deswegen kann die Aufgabe jetzt nur heißen: engste Zusammenarbeit.

Zur Startseite