Seit 2017 dürfen auch schwule und lesbische Paare heiraten. Foto: Thilo Rückeis
p

Interview mit Berliner Standesbeamtin "Es soll sich auf keinen Fall wie Massenabfertigung anfühlen"

0 Kommentare

Sylvia Brenke ist seit 35 Jahren Standesbeamtin – und genauso lange verheiratet. Im Interview erzählt sie vom Wandel der Zeit, den schönsten Trauzimmern und ständigem Zeitdruck.

Frau Brenke, nirgends in Berlin lassen sich so viele Menschen trauen wie in Charlottenburg-Wilmersdorf. Spüren Sie das in Ihrer Arbeit?

Seit der Fusion der Bezirke im Jahr 2001 haben wir immer etwa 2000 Hochzeiten im Jahr. Charlottenburg hat mit der Villa Kogge einen sehr schnuckeligen Standort, Wilmersdorf mit dem Rathaus Schmargendorf auch. Der große Saal im Rathaus bietet mit Platz für bis zu 50 Personen auch die Möglichkeit, eine große Hochzeitsgesellschaft mitzubringen. Und die Villa Kogge gehört zu den 100 schönsten Standesämtern Deutschlands.

Muss man das extra bezahlen?

Nein, weil das ja unsere eigenen Standorte sind. Nun gab es seit dem Herbst auch noch einen zusätzlichen Hype wegen der Ehe für alle. Viele Paare wollen die Umwandlung ihrer Lebenspartnerschaft gerne an dem Tag vornehmen, an dem sie ihre Partnerschaft eingetragen haben.

Auch wir spüren den Zeitdruck, aber wir haben noch eine offene Sprechstunde und wir versuchen, bei der Anmeldung zur Eheschließung relativ nah an den Wunschtermin ranzukommen. Das steuern wir alles intern. Wenn ein Paar die Anmeldung verbummelt hat und unbedingt in einem Monat heiraten muss, haben wir das bisher immer irgendwie hinbekommen.

Was ist das Schönste an Ihrem Job?

Die Abwechslung. Dass man Kontakt zu Menschen aller Lebenslagen, Schichten und jeden Alters hat. Wir sind bunt wie die ganze Stadt. Manchmal traue ich zuerst ein Paar Anfang 20, dann eins um die 50 oder auch zwei 70-Jährige.

Es gab mal einen Belgier, der eine Russin geheiratet hat, da habe ich gefragt, ob sie sich hier in Berlin kennengelernt haben. Die Antwort war: Nein, in einem buddhistischen Tempel in Indien. Wichtig ist mir, dass die Paare nicht merken, dass wir unter ständigem Zeitdruck stehen. Es soll sich auf keinen Fall wie Massenabfertigung anfühlen.

Wie wollen die Berliner heute ihre Trauungszeremonie gestalten?

Manche fragen vorher, wer die Trauung durchführt und lernen die Standesbeamten kennen, die wollen die Zeremonie so individuell wie möglich gestalten. Für Einzelgespräche haben wir leider nicht die Kapazitäten, aber Paare können uns vorher Stichworte über sich zukommen lassen. Es gibt aber auch Leute, die schnell wieder raus wollen, weil sie noch eine kirchliche oder freie Trauung haben. Viele kommen auch nur zu zweit und einige wollen sich einfach überraschen lassen.

Gibt es Unterschiede zu früher?

Ich bin seit 1983 Standesbeamtin – damals war es noch so, dass man mit den Eltern und den Trauzeugen, die damals noch Pflicht waren, ins Standesamt ging, danach in die Kirche und dann zur Feier. Heute sind viele Paare nicht in der Kirche, deswegen wollen sie häufig die ganze Hochzeitsgesellschaft im Standesamt dabei haben.

Der Hochzeitstag ist dann eine Rundumbespaßung: Trauung um 9 Uhr, danach Sektempfang vor dem Standesamt, manche mieten einen Bus, machen Fotos. Mittagessen, raus ins Grüne. Was es früher auch nicht so oft gab, sind Familien, die heiraten.

Heute kommen viele mit ihren Kindern, die manchmal schon so groß sind, dass sie die Blumen streuen. Wir versuchen dann, die Kinder so gut wie möglich in die Zeremonie einzubinden.

Erkennen Sie, ob die Ehe halten wird?

Die Menschen sind oft angespannt, das merkt man. Manchmal denke ich auch: Was ist denn das jetzt hier? Das ist aber oft nur die Unsicherheit, man sitzt ja nicht so oft hier. Genau genommen sollte man ja auch nur einmal hier sitzen.

Haben Sie einen Tipp für die ewige Liebe?

Ein riesiges Maß an Vertrauen, Kompromissbereitschaft und Offenheit. Und dass man dem anderen auch mal zuhört, darüber nachdenkt, was der Partner sagt und fühlt. So kann es klappen. Ich feiere dieses Jahr meinen 35. Hochzeitstag.

Zur Startseite