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Je ärmer die Eltern, umso riskanter leben die Kinder - und weitere Details

Interaktive Karte: Wie fit sind Berlins Erstklässler? Die Kita macht den Unterschied

Der Kita-Besuch ist vor allem dann entscheidend für den späteren Schulerfolg, wenn die Eltern mangels eigener Bildung ihr Kind nicht fördern können. Foto: Kitty Kleist-Heinrich Vergrößern
Der Kita-Besuch ist vor allem dann entscheidend für den späteren Schulerfolg, wenn die Eltern mangels eigener Bildung ihr Kind nicht fördern können. © Kitty Kleist-Heinrich

Was seit 2005 passiert ist

Noch deutlicher wird die überragende Rolle der Kita, wenn man die Veränderungen seit 2005 betrachtet: In dieser Zeit stieg der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund von 31 auf 38 Prozent und gleichzeitig gelang es, den Anteil der fünfjährigen Migranten, die gut oder sehr gut Deutsch sprechen, von 55 auf 66 Prozent zu steigern. Die Kinderärzte der Gesundheitsverwaltung führen das nicht zuletzt darauf zurück, dass in dieser Zeit der Anteil der Kinder, die über zwei Jahre eine Kita besuchten, von 81 auf 88 Prozent gestiegen ist.

Ein anderes Bild ergibt sich, wenn man nur die Kinder – mit und ohne Migrationshintergrund – betrachtet, die Deutsch sprechen. Jedes vierte Kind dieser Gruppe hat eine Kombination verschiedener Sprachprobleme. Dazu gehören beispielsweise Schwierigkeiten, Sätze nachzusprechen, Worte zu ergänzen oder den Plural zu bilden. Seit 2005 hat sich an diesem Befund nichts verändert. Auch hier hat man es mit einem sozialen Phänomen zu tun, weshalb auch ein Bezirk mit einer geringen Migrationsquote von nur 16,5 Prozent wie Marzahn-Hellersdorf eine 30-Prozent-Quote bei den Sprachdefiziten hat. Zum Vergleich: Pankow hat fast die gleiche Migrantenquote wie Marzahn-Hellersdorf, aber nur zehn Prozent Kinder mit Sprachdefiziten.

Arm, ärmer, am ärmsten

Wenn man die Daten zur Bildung und zur Berufstätigkeit der Eltern den Bezirken zuordnet, ergibt sich eine Stadtkarte der sozialen Lage. Besonders deutlich klaffen Pankow und Neukölln auseinander: In Pankow stammen nur knapp fünf Prozent der Eltern aus der sozial unteren Schicht, in Neukölln aber 38,5 Prozent.

Für die Kinder hat der soziale Status der Eltern schwerwiegende Folgen – nicht nur für den Schulerfolg, sondern auch für die Gesundheit: Je ärmer die Eltern, desto größer das Risiko für die Kinder, krankhaft dick – adipös – zu sein oder unter schlechten Zähnen zu leiden: Jedes achte Kind aus der unteren Schicht hat bereits Zähne wegen Karies verloren oder hat schon im Kindergartenalter abgefaulte Zähne. Einem rauchenden Elternteil ausgesetzt zu sein, passiert in der sozialen Oberschicht nur jedem achten Kind, aber fast jedem zweiten aus der unteren Sozialschicht.

Unbestritten ist unter Fachleuten, dass es Kindern schadet, täglich über längere Zeit fernzusehen. Diesem Risiko sind die Kinder aus sozial prekären Lagen besonders stark ausgesetzt: Jedes fünfte Kind hat hier einen eigenen Fernseher, in berufstätigen Akademikerfamilien ist das nur bei 1,5 Prozent der Kinder der Fall. Entsprechend gestaltet sich die Dauer des Fernsehkonsums: In der unteren sozialen Schicht sieht mehr als jedes dritte Kind bis zu zwei Stunden fern, in der oberen Schicht nicht einmal jedes zehnte.

Was die Lage der Kinder aus prekären Verhältnissen noch verschlimmert: Ausgerechnet sie werden von ihren Eltern seltener zu ärztlichen Früherkennungsuntersuchungen gebracht, sodass Defizite nicht bemerkt und somit auch nicht bekämpft werden können.

Besonderheiten der Migration

In Berlin haben 37,6 Prozent der Erstklässler einen Migrationshintergrund. Ihr Anteil in den Bezirken schwankt zwischen zwölf Prozent in Treptow-Köpenick und 68,5 Prozent in Neukölln. Jedes zehnte Berliner Kind ist türkischer Herkunft. Am stärksten wächst der Anteil der arabischstämmigen Kinder. Den Grund dafür zeigt der Einschulungsbericht: Zwei Drittel der arabischstämmigen Familien haben drei oder mehr Kinder. Bei den türkischen Familien liegt dieser Anteil bei knapp 40 Prozent und bei den deutschstämmigen Familien bei knapp 20 Prozent. Fünf Kinder oder mehr hat jede siebte Familie mit arabischem Hintergrund.

Gleichzeitig gehört aber jede zweite türkisch- oder arabischstämmige Familie mangels Bildung und Arbeit zur Gesellschaftsschicht mit niedrigem sozialen Status. Dadurch sind die Kinder überproportional all den Risiken ausgesetzt, die mit Armut einhergehen: ungesunde Ernährung, hoher Fernsehkonsum, wenig direkte Ansprache, kaum gemeinsame Spiele oder Vorlesen. Wenn diese Kinder dann beim Schularzt sitzen und einen Menschen malen sollen, landet auf dem Blatt Papier oftmals nur ein unförmiger Kreis mit angehängten Strichen: So zeigen sich die Folgen der mangelnden Visuomotorik. Besser geförderte Kinder können in diesem Alter schon gut erkennbar Männer, Frauen oder Prinzessinnen malen.

Die Chancen auf einen erfolgreichen Schulstart sinken bei den türkisch- und arabischstämmigen Familien noch dadurch, dass sie ihre Kinder wesentlich seltener mehr als zwei Jahre in die Kita schicken: Bei den arabischstämmigen Familien ist dies nur bei drei Viertel der Kinder der Fall.

Kleinteilige Stadtkarte

Bei der Einschulungsuntersuchung werden die Ergebnisse nicht nur den zwölf Bezirken, sondern – wesentlich kleinteiliger – 60 „Prognoseräumen“ zugeordnet. Sie verlaufen weitgehend entlang der Grenzen der Ortsteile wie Biesdorf oder Lichtenrade, mitunter werden Ortsteile aber auch zerschnitten wie etwa im Fall von Lichterfelde. Der Bericht zeigt für jeden einzelnen dieser Räume, wie sich die Kitabesuchsdauer, die Sprachkenntnisse, das Übergewicht, die Zahngesundheit, das Fernsehverhalten, der Impfstatus oder der Sozialindex unterscheiden.

Ausblick

Angesichts der großen Bedeutung des Kitabesuchs für die sprachliche und kognitive Entwicklung will die Berliner Kolition erreichen, dass mehr Kinder längere Zeit in eine Kita gehen und dass mehr Erzieherinnen für die kleinen Kinder da sind. Daher wurde beschlossen, dass künftig nicht nur der Kita-, sondern auch der Krippenbesuch gebührenfrei sein soll. Außerdem soll die Personalausstattung in den kommenden Jahren besser werden. Eine Kitapflicht ist mit dem Grundgesetz nicht vereinbar, allerdings müssen Kinder, die kein Deutsch sprechen, an einer Sprachförderung teilnehmen.

Die Ergebnisse der Einschulungsuntersuchungen des Jahres 2014 will die Gesundheitsverwaltung Anfang 2016 präsentieren.

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