Im Colosseum an der Schönhauser Allee wurden seit 1924 viele Dramen aufgeführt. Diesmal läuft der Showdown abseits der Leinwand. Foto: imago images / Rolf Zöllner
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Update Insolvenz bei Berliner Traditionskino Büros statt Kino: Brauner-Erben schließen im Colosseum den Vorhang

Das Colosseum in Prenzlauer Berg bot großen Premieren und der Berlinale eine Bühne. Jetzt steht das fast 100 Jahre alte Traditionskino vor dem Aus.

Über Monate hatten Kinofans einen Filmriss, in manch dunklem Saal droht wegen der Ausfälle jetzt ein düsteres Unhappy End. Das Colosseum an der Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg, vor nahezu 100 Jahren in eine historische Wagenhalle der Pferde-Straßenbahn mit Schmiede und Ställen hineingebaut und inzwischen eines der ältesten Lichtspielhäuser Berlins, kämpft mit der bereits angemeldeten Insolvenz.

Und das ausgerechnet knapp ein Jahr nach dem Tod der Berliner Film- und Produzentenlegende Artur Brauner im Alter von fast 101 Jahren. Er hatte mit der Wiederöffnung des Colosseums als Multiplex-Kino eine Erfolgsgeschichte geschrieben. Brauner selbst hatte das Colosseum als „Krönung seines Lebenswerkes“ bezeichnet.

Die Belegschaft des einstigen DDR-Premierenkinos, das nach dem Mauerfall regelmäßig Schauplatz der Berlinale war, hat sich nun in einem Brief an die Politik gewandt. Darin bitten die Mitarbeiter den Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD), Kultursenator Klaus Lederer (Linke), Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU), aber auch Pankows Bezirksbürgermeister Sören Benn (Linke) und dann die Leitung des Filmfestivals Berlinale um Hilfe: „Das Colosseum darf nicht schließen.“

Die Betreiberfirma hatte am 20. Mai wie berichtet Insolvenz angemeldet, begründet wurde das mit den Folgen der Coronakrise: Kinoverbot, ausbleibende Gäste, keine Einnahmen. Doch die 43 Mitarbeiter haben davon, wie sie nun schreiben, erst am 28. Mai erfahren, kurz bevor die Öffentlichkeit informiert wurde.

Insolvenzverwalter Sebastian Laboga sagte am Samstagvormittag, das „Colosseum“ werde infolge der Corona-Krise seinen Betrieb nicht wieder aufnehmen können. Obwohl die Kinos in Berlin ab 2. Juli wieder öffnen dürften, sei dann wegen der bestehenden Hygiene-Auflagen keine rentabler Betrieb des Colosseum auf absehbare Zeit mehr möglich.

Gegen die Schließung des Kino Colosseum wird protestiert Foto: Rilana Kubassa Vergrößern
Gegen die Schließung des Kino Colosseum wird protestiert © Rilana Kubassa

„Um kostendeckend wirtschaften zu können, muss die durchschnittliche Auslastung des Kinos bei etwa 70 Prozent liegen. Aufgrund der Sicherheitsauflagen und Hygienekonzepte ist das nicht zu erwarten, da ab dem 2. Juli zwischen den einzelnen Zuschauern ein Sicherheitsabstand von 1,5 Metern eingehalten werden muss“, sagte Laboga. „Auf dieser Grundlage kann die erforderliche Auslastung nicht erreicht werden.“

Der Eigentümer des Kinos, also die Erbengemeinschaft Brauner, habe den Pachtvertrag für die Immobilie für das Colosseum zum Jahresende gekündigt. Auch eine Vermietung an einen anderen Kinobetreiber sei nicht gewünscht. Die Freistellung der Mitarbeiter sei wegen „der mangelnden Fortführungsaussichte“ der einzige Weg gewesen, den Mitarbeitern den Lebensunterhalt zu sichern.

Das Kino an der Schönhauser Allee bot auch der Berlinale eine Bühne. Foto: Paul Zinken/dpa Vergrößern
Das Kino an der Schönhauser Allee bot auch der Berlinale eine Bühne. © Paul Zinken/dpa

Die Auszahlung sämtlicher Gehälter sei gestoppt worden, per Brief erfuhren die Mitarbeiter am 12. Juni, dass sie unwiderruflich unentgeltlich freigestellt seien. Am selben Tag habe sich demnach der Betriebsrat mit dem Insolvenzverwalter getroffen. Und der habe eine Stellungnahme der Erbengemeinschaft, der die Immobilie gehört, verlesen. Es sind sechs Erben von Artur Brauner, darunter dessen Sohn Sammy Brauner, der bislang die Colosseum-Betreiberfirma geführt hat.

Erben wollen Kinobetrieb nicht fortführen

Die Erben erklärten laut Mitarbeiterschreiben an die Senatskanzlei jedenfalls, dass „der Betrieb eines Kinos auf ihrem Grund und Boden zukünftig nicht gewünscht wird“ und dass „zum nächstfrühesten Termin eine Übergabe der Mietflächen Kino Colosseum durch die Insolvenzverwalter an die Eigentümer erfolgen“ soll. Damit wäre es vorbei mit dem Lichtspielhaus in historischer Kulisse.

Die Erben von Artur Brauner wollen auf der Immobilie offenbar ein Büro- und Kongresskomplex errichten. Im September 2019 soll für das Grundstück ein Bauvorbescheid beantragt und auch erteilt worden sein. Demnach sind Neubau und Überbauung mit Büronutzung auf knapp 16.000 Quadratmetern geplant.

Der zuständige Bezirksstadtrat Vollrad Kuhn (Grüne) sagte dem Tagesspiegel, bei dem Bauvorbescheid sei es um die Anfrage gegangen, ob das Grundstück denn grundsätzlich neu überbaut werden kann – auch unter Rücksicht auf bestehenden Denkmalschutz. Diese Bauanfrage und damit der Bauvorbescheid seien „positiv beantwortet“ worden, sagte Kuhn.

Bezirk will das Kino erhalten

Auch Bezirksbürgermeister Sören Benn (Linke) hat sich eingeschaltet. In einem Schreiben an Sammy Brauner heißt es, Brauner habe „nachvollziehbar die Gründe der Schließung“ aufgezeigt und deutlich gemacht, dass Brauner „die Notbremse ziehen“ musste.

„Von Seiten des Bezirkes besteht hingegen keinerlei Interesse an großräumigen Büro- und Kongresskapazitäten an diesem Standort“, heißt es Benns Schreiben an Brauner. Der Bezirk Pankow habe aber das Interesse, „dass die traditionsreiche kulturelle Nutzung des Colosseum fortgeführt wird.“

Dabei sollte Kino auch weiterhin eine Rolle spielen, „aber auch andere kulturelle Nutzungen sind natürlich vorstellbar und sollten konzeptionell gemeinsam entwickelt werden“. Benn schlägt ein „Haus der Kultur und Kreativwirtschaft“, das wäre „möglicherweise eine auch wirtschaftlich tragfähige Perspektive“.

Sorge vor längerfristigem Leerstand

Er wünsche sich, schreibt der Bezirksbürgermeister, „dass es gelingt, mit intelligenten Lösungen möglichst viele der berechtigten Interessen und Ansprüche in einer gemeinsamen Perspektive abzubilden“. Zugleich warnt er vor der Gefahr, dass es zu längerfristigem Leerstand kommen könnte.

„Dies wäre in dieser prominenten Lage aus unsrer Sicht keine akzeptable Perspektive“, schreibt Benn. Für die Übergangszeit sollten daher „großzügig Zwischennutzungen der freien Kulturszene Pankows“ ermöglicht werden.

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Der Tagesspiegel-Newsletter Checkpoint hatte am Donnerstag versucht, Sammy Brauner unter einer seiner Firmennummern zu erreichen. Reaktion bis Freitagabend: keine. Ob das Kino bis zur Übergabe der Immobilie weiterbetrieben wird, um Gläubiger zu bedienen, muss in Kürze entschieden werden. Nach dem Willen des Senats sollen Kinos in Berlin ab 2. Juli wieder öffnen dürfen. Fällt möglicherweise schon vor diesem Termin der letzte Vorhang für ein Stück Berliner Filmgeschichte?

„Wir Mitarbeiter sind davon überzeugt, dass die Coronakrise nur ein vorgeschobener Grund für das Ende des Kinos Colosseum ist – nach nicht einmal zehn Wochen Schließzeit“, heißt es in dem Brief an Senatskanzlei, Kultursenator, Bezirk und Kulturstaatsministerin.

Auch die Lohnkosten könnten nicht den Ausschlag gegeben haben. In den vergangenen eineinhalb Monaten sei nur ein 30-prozentiger Zuschlag auf das Kurzarbeitergeld gezahlt worden. Zudem sei 2019 ein positives Betriebsergebnis erzielt worden, 350 000 Gäste kamen ins Colosseum. „Somit stellt sich leider das Gefühl ein, dass es andere Gründe für die plötzliche Schließung des Hauses geben muss“, schreiben die Beschäftigten.

„Ein wunderschönes Haus mit Seele“

Das Colosseum sei nicht irgendein Multiplexkino in Berlin – sondern ein Traditionskino, „ein wunderschönes Haus mit Seele“, ein Veranstaltungs- und Kongresszentrum, schreiben die Mitarbeiter. „Das Foyer, die Außenfassade und der Kinosaal 1 stehen als Gesamtanlage unter Denkmalschutz und sind von großer architektonischer Bedeutung.“

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Als eines von nur vier Kinos im Ostteil Berlins habe das Colosseum einen Saal mit mehr als 500 Sitzplätzen, der frühere Premierensaal ist seit 15 Jahren Austragungsort der Berlinale. Das Kino mit seinen zahlreichen Stammgästen „gehört in diesen und zu seinem Kiez“, heißt es in dem Brief. Zudem warnen die Mitarbeiter vor den Folgen für umliegende Restaurants und Geschäfte, sollten die Kinobesucher im Kiez in Zukunft ausbleiben.

Einziger Ansprechpartner für die Mitarbeiter ist nun der Insolvenzverwalter. „Der Geschäftsführer Sammy Brauner steht als Ansprechpartner für uns nicht zur Verfügung“, beklagen sie. Deshalb hat die Belegschaft auch an Sammy Brauner geschrieben, den bisherigen Chef der Kino Colosseum Betriebsgesellschaft GmbH und Teil der Erbengemeinschaft, der das Kino gehört. „Bitte geben Sie dem Colosseum, dem Lebenswerk Ihres geschätzten Vaters, eine Chance.“ Denn das Colosseum gehört zum „kulturellen Erbe der Hauptstadt“. Das Drama am toten Vorhang, es ist noch nicht zu Ende.

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