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Will Tatkraft zeigen: Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci bei der Besichtigung eines zukünftigen Impfzentrums in Berlin. Foto: Fabrizio Bensch/REUTERS
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Impfzentren sollen bald öffnen Warum noch nicht klar ist, wer in Berlin wann geimpft wird

Berlins Gesundheitssenatorin will Tatkraft zeigen. Doch hinter dem Impfkonzept stehen schwerwiegende ethische Überlegungen – und auch Personalfragen sind offen.

Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) gibt sich zuversichtlich. „Die Briefe sind fertig, die könnten sofort raus“, sagt Kalayci am Donnerstag in der „Arena“ in Treptow. „Wir warten nur noch auf den Bund.“ Wenn Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) mit seinen Experten entschieden habe, wer zuerst geimpft wird, würde Berlins Verwaltung die betreffenden Bürger anschreiben – wenn es der Bund so einfach hätte.

Die Senatorin, derzeit Vorsitzende der Gesundheitsministerkonferenz der Länder, will vor der versammelten Hauptstadtpresse punkten – und hat den Mann mitgebracht, der ihr schon beim Aufbau der Covid-19-Notklinik in den Messehallen geholfen hat: Albrecht Broemme, Ex-Präsident des Technischen Hilfswerks und Berlins einstiger Feuerwehrchef, eigentlich schon in Pension.

Nun habe Broemme, so sagt es Kalayci, den Aufbau der sechs Impfzentren koordiniert. Auch wenn die beiden im Frühsommer gestritten haben sollen, spricht die Senatorin in der „Arena“ davon, dass man „ein gutes Team“ sei. In der Halle, in der vor der Pandemie neben Techno-Partys auch Gemüse-Messen stattfanden, soll bald in Serie geimpft werden.

Und so spricht Broemme in die zahlreichen Mikrofone und Kameras: In Berlin werde es am S–Bahn-Ring entlang sechs Impfzentren sowie mobile Helferteams geben, die insgesamt bis zu 20 000 Dosen täglich verabreichen könnten. Standorte sind neben der „Arena“ die Messehalle 11 in Charlottenburg, die ehemaligen Flughäfen Tegel und Tempelhof, das Velodrom in Pankow und das Erika-Hess-Eisstadion in Mitte. Fast 3000 Helfer werden gebraucht; Ärzte, Praxishelfer, Sanitäter, Techniker, Wachleute. Die mobilen Impfteams sollen dabei in den Pflegeheimen tätig werden, auch in den Kliniken werden Personal und Patienten – soweit sinnvoll – wohl vor Ort geimpft.

Man werde, sagte Broemme, von 9 Uhr bis mindestens 17.30 Uhr im Einsatz sein, sieben Tage die Woche: „Nur Heiligabend und Silvester nicht.“ Die Arbeit in den Impfzentren plane man erstmal bis April, 200 Millionen Euro hat der Hauptausschuss des Abgeordnetenhauses für Technik, Material und Personal genehmigt. In der „Arena“ sind bislang vier Impfkabinen aufgebaut, 80 sollen es bis Mitte Dezember werden.

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Mitgebracht zum Impfen müssen dann Ausweis und Anamnese-Bogen, der den Einladungsbriefen des Senats beiliegen wird. „Pro Impfling soll das Ganze eine Stunde und zehn Minuten dauern“, sagte Broemme. Da wären dann Anmelden, Papierkram, Spritzen und 30 Minuten Wartezeit mit drin. Nach 21 Tagen bekäme jeder einen zweiten Impftermin.

Klingt alles plausibel, dennoch gibt es intern Ärger. Viele niedergelassene Mediziner, die gesetzlich für die ambulante Versorgung zuständig sind, wollten nicht so recht: Die Praxis bleibe während der Arbeit in den Impfzentren ja zu. Schließlich sagte die Kassenärztliche Vereinigung (KV) doch zu. Man habe, sagte der KV-Vorstand, intern umgehend über die Aufgabe informiert – 200 Ärzte hätten sich schon freiwillig für Impfdienste gemeldet. Der KV müssen alle 7000 Ärzte angehören, die in ihrer Praxis gesetzlich Versicherte versorgen.


Symbolbild: Ein Arzthelfer setzt eine Spritze an. Covid19-Impfungen müssen zweimal gespritzt werden. Foto: imago images/MiS Vergrößern
Symbolbild: Ein Arzthelfer setzt eine Spritze an. Covid19-Impfungen müssen zweimal gespritzt werden. © imago images/MiS

Nun sollen diejenigen KV-Ärzte, die in den Impfzentren tätig sein werden, 120 Euro pro Stunde erhalten. Die Neuköllner Ärztin Sybille Katzenstein kritisiert, dass sie bislang nur einen KV-Brief erhalten habe, wonach sie „zum Impfen antreten“ solle. „Die ärztliche Leistung ist das Informationsgespräch, nicht der anonyme Piekser in den Arm.“ Allgemeinmedizinerin Katzenstein testet in ihrer Praxis täglich Dutzende auf das Coronavirus. „Ich würde gern selbst inhaltlich informiert werden und wissen, welche Impfstoffe ich dort verimpfen soll.“

Kalayci hat "grobe Vorstellung" über Impf-Priorität

Die Impfdosen der Firmen Biontech und Pfizer werden an einem geheimen Ort in Spezialschränken gelagert, die auf minus 70 Grad Celsius gekühlt sind. Von dort werden die Ampullen in die Impfzentren gebracht, aufgetaut, auf Spritzen aufgezogen und „zeitnah“ verabreicht.

Kalayci hatte am Mittwoch erklärt, sie habe eine „grobe Vorstellung“, wer zuerst geimpft werden solle, zum Beispiel „alle Über-75-Jährigen“. Man warte nur noch auf den Bund, so die Botschaft. Auch Broemme sagte am Donnerstag, man gehe von einer Gruppe von bis zu 500 000 Berlinern aus, die zuerst geimpft werden. Wenn Gesundheitsminister Spahn in den nächsten Tagen nichts anderes formuliert, dürften in dieser Rechnung vor allem Alte und Kranke enthalten sein. So einfach ist die Sache kaum: Weil der Impfstoff anfangs knapp sein wird, muss „sehr genau und nicht grob“ priorisiert werden, sagen Experten, denn dahinter stünden schwerwiegende ethische Fragen.

Ethikexperten und Mediziner müssen gemeinsam eine Auswahl treffen, wer den Piekser zuerst bekommt und damit ausschließen, wer nicht. Es ist eine Frage, die einzelne Leben retten und andere kosten kann - immerhin stirbt zurzeit alle drei Minuten ein Mensch in Deutschland am Coronavirus.

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Auf Tagesspiegel-Anfrage teilte das Bundesgesundheitsministerium mit, dass die dringend erwünschte Impfempfehlung „in Vorbereitung“ sei. Sie werde erst fertig, wenn die nächste Phase der Impfstoffstudien ausgewertet sei. Bislang existiert nur eine Empfehlung: Die Ständige Impfkommission des Robert-Koch-Instituts (RKI) hatte Anfang November gemeinsam mit dem Deutschen Ethikrat und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina ein Positionspapier erarbeitet.

Eine generelle Impfpflicht wird demnach ausgeschlossen. Erste Priorität hätten Alte und Kranke, danach das Personal im Gesundheitswesen, als dritte Gruppe werden Menschen identifiziert, „die für das Gemeinwesen besonders relevante Funktionen erfüllen“ – so Feuerwehrleute, Polizisten, Lehrer.

Eine „auf wissenschaftlichen Daten“ basierende Priorisierung wird einer RKI-Sprecherin zufolge gerade erst erstellt, Mitte Dezember könnte sie vorliegen, heißt es aus den Bundesministerien. Rund um den Jahreswechsel soll Gesundheitsminister Spahn zufolge dann auch der Impfstoff zugelassen sein – die Testzentren stünden praktischerweise aber schon vorher bereit.

Helfen sollen in den sechs Berliner Zentren auch Fachleute des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), der Malteser, der Johanniter und der Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft. Die Details zu deren Einsatz regeln Senatsverwaltung und federführend das DRK in diesen Tagen. 

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