Ein Flüchtlingslager in Europa. 17000 Menschen leben Anfang Dezember 2019 improvisiert dort, wo offiziell 3000 in Containern Platz haben: Moria, Lesbos. Auf den anderen griechischen Ostägäis-Inseln sieht es nicht anders aus. Foto: AFP/Aris Messinis
© AFP/Aris Messinis

Im Horrorcamp Moria auf Lesbos Ein Flüchtlings-Blog, der ans Herz geht

Urlaub auf Lesbos, herrlich. Dann zieht es unsereins ins Horrorcamp Moria. Eine unvergessliche Begegnung - und ein Blog als Hilferuf.

Längst zurück aus Griechenland in Berlin - doch die Begegnung werde ich nie vergessen. Und deswegen anlässlich des internationalen Tag des Ehrenamts etwas Persönliches: Unsereins ist aus Kreuzberg im Sommer auf Lesbos im Urlaub, eine magische Insel. Ich bin, wie 2015, zum Schluss in den Norden, zu Orten der Geflüchteten gefahren.

Aus innerem Bedürfnis. An den Stränden nahe der Türkei leisten auch Berliner Ehrenamtsdienste, etwa auf dem Schiff "Mare Liberum", zu Überwachungsfahrten, registriert in der deutschen Hauptstadt. Wir können nicht alle Menschen aus den Krisengebieten der ganzen Welt aufnehmen, das kann nicht die Lösung sein, aber Europa muss europäische Werte einhalten, wenn Flüchtlinge und Migranten europäischen Boden betreten. Aber das hier ist nicht das Griechenland, das ich kenne.

Ein Treffen, zwei Welten, eine Hoffnung

Inmitten von Staub und Verzweiflung, in einem Slum fast wie in einem Entwicklungsland, treffe ich, 54, eine junge Frau, 17, aus Afghanistan, sie kam nachts mit dem Schlauchboot aus der Türkei. Parwana zeigt mir das Camp Moria. Sie steht unter Schock – ich auch, als die Eindrücke später sacken. Interview und Fotos, wir umarmen uns zum Abschied. Ich schenke ihr meine Jacke und einen Zauberwürfel – erkenne ich später auf Instagram-Fotos wieder. Ich fliege, privilegiert, zurück nach Berlin. Sie bleibt, weil woanders geboren, glühend vor Lebenswillen, in der Sackgasse.

Nun tippt die junge Afghanin nachts im Zelt den Blog ins Handy

„Suche jeden Tag etwa Positives, das Dich am Leben hält, unterrichte in der afghanischen Zelt-Ehrenamtsschule oder schreibe einen Blog, wenn Du mal ein Handy hast“, lautete mein Rat. Jetzt ist Parwana dort Lehrerin, sie tippt nachts im Zelt den „Letter to the World from Moria“ ins Handy, verbreitet von der Initiative „Welcome to Europe!“, dicht, intensiv, erschütternd.

„Wir sind hier allein und es gibt keine Liebe. Ich bin der einsamste Mensch der Welt. Wir haben niemanden, der uns beschützt, deswegen denken wir an Suizid oder enden in der Drogenabhängigkeit“, schreibt sie aus der Perspektive der 1000 unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten.

Die junge Geflüchtete Parwana kann gut Englisch, jetzt unterrichtet sie ehrenamtlich in der improvisierten Zeltschule im Flüchtlingslager Moria. Foto: privat Vergrößern
Die junge Geflüchtete Parwana kann gut Englisch, jetzt unterrichtet sie ehrenamtlich in der improvisierten Zeltschule im Flüchtlingslager Moria. © privat

Sie selbst ist mit Familie geflohen, schreibt als „Migratory Girl“, etwa über Frauenrechte, „Blicke hungriger Wölfe auf ihre Beute“: „Sogar Männer im Alter meines Vaters schauen meinen Körper an. Augen überall. Es gibt hier keine Freiheit, ich bin eine Gefangene. Ich werde nicht in der Lage sein, diese Erinnerungen zu vergessen“.

Ich hoffe, Parwana darf ein Leben in Sicherheit leben. Sie möchte ein Buch schreiben und hofft auf Spenden.

Letter to the World from Moria“: infomobile.w2eu.net. Kontakt zu ihr: per E-Mail an menschenhelfen@tagesspiegel.de, Betreff: Parwana.

Ortstermin in Moria. Es war im Spätsommer, als Tagesspiegel-Redakteurin Annette Kögel (l.) das Flüchtlingslager Moria auf Lesbos besuchte und dort die 17-Jährige Parwana traf. Sie schreibt jetzt einen Blog aus dem Camp. Wegen Handyproblemen ist dieses Foto verpixelt. Foto: Christina Mastrandrea Vergrößern
Ortstermin in Moria. Es war im Spätsommer, als Tagesspiegel-Redakteurin Annette Kögel (l.) das Flüchtlingslager Moria auf Lesbos besuchte und dort die 17-Jährige Parwana traf. Sie schreibt jetzt einen Blog aus dem Camp. Wegen Handyproblemen ist dieses Foto verpixelt. © Christina Mastrandrea

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