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Der scheidene Nationalgaleriechef Udo Kittelmann (2.v.r.) beim Spatenstich für das Museum der Moderne. Foto: dpa/Fabian Sommer
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Exklusiv Update Im Berliner Kulturforum Bau von neuem Museum wird 150 Millionen Euro teurer - und schadet dem Klima

354 statt 200 Millionen Euro soll das „Museum für die Kunst des 20. Jahrhunderts“ kosten. Dabei schadet es dem Klima und bietet noch weniger Platz als gedacht.

200 Millionen Euro sollte ein neues „Museum für die Kunst des 20. Jahrhunderts“ im Kulturforum kosten. Auf 354 Millionen Euro explodierten die Kosten. Stand jetzt, bevor das Gemäuer steht. Für das fast verdoppelte Budget gibt es nicht mehr Fläche zur Ausstellung von Gemälden und Skulpturen, sondern deutlich weniger. Zuviel Geld wird der Bau verschlingen, noch mehr Geld der Betrieb: Das Museum wird zu den energiehungrigsten öffentlichen Neubauten Berlins zählen. Um Nachhaltigkeit und Klimaschutz bemühten sich die Verantwortlichen nicht.

Dieses bittere Fazit zieht der Bundesrechnungshof in seinem Bericht für die Haushälter des Bundestages, der dem Tagesspiegel vorliegt. Beim Bau der „Scheune“, wie der Entwurf nach Plänen des Schweizer Architekturbüros Herzog & de Meuron genannt wird, mahnen die Prüfer eine Überarbeitung an und empfehlen, das Projekt im Auge zu behalten.

Zumal die „Bauverwaltung“ des Bundes laut Rechnungshof das Parlament zu spät über das finanzielle Desaster informierte: Statt 2018 erst zwei Jahre später „während der parlamentarischen Beratungen zum Bundeshaushalt 2020“.

War der Gau vermeidbar? Laut Rechnungshof schon, wenn dieser rechtzeitig „kommuniziert“ worden wäre. Dann hätten „kostengünstigere Varianten ausgearbeitet werden“ müssen. Stattdessen sei die Entwurfsplanung kurzfristig vor den Etatberatungen im Bundestag eingebracht worden. Dadurch sein „den Abgeordneten für die Meinungsbildung und Entscheidungsfindung wenige Wochen“ geblieben.

Dadurch sei der „ausdrückliche parlamentarische Wille“, nämlich ein Museum nur zum zuvor festgelegten „finanziellen Rahmen“ von 200 Millionen Euro zu bauen, gleichsam gebeugt worden. Insofern sei das Museum „exemplarisch“ für das Versagen bei vielen öffentlichen Bauten.

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„Weder die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien, die Bauverwaltung noch die Stiftung Preußischer Kulturbesitz bemühten sich erkennbar, den ursprünglich vom Haushaltsgesetzgeber vorgegebenen und mit dem prämierten Wettbewerbsentwurf grundsätzlich bestätigten Kostenrahmen von 200 Millionen Euro einzuhalten“. Die „wesentlichen Ursachen“ des Kostenanstiegs seien aufwendige Klimatechnik und Flächenzuwachs.

Von 17.000 auf 15.000 Quadratmeter geschrumpft

Mehr Geld und trotzdem weniger Platz für die Kunst als versprochen: Der im Wettbewerb siegreiche Entwurf verfügte noch über 17 400 Quadratmeter „Nutzungsfläche“, dieser schrumpfte auf 15 350 Quadratmeter. „Hohe Anteile von Verkehrs-, technischen Funktions- und Konstruktionsgrundflächen wirken sich nachteilig auf die Flächeneffizienz aus“, so die Prüfer.

Darunter leide die „Wirtschaftlichkeit“ des Neubaus insgesamt. „Ein zeitgemäßes Gebäude muss seine Aufgaben mit dem geringstmöglichen Energieeinsatz erfüllen“, heißt es weiter. Hier sei im Gegenteil nicht mal „nachgewiesen, dass die Planungsbeteiligten nachdrücklich versucht haben, dieses Ziel zu erreichen“.

Anstoß nehmen die Prüfer an einer Klimatisierung, die aus dem vergangenen Jahrhundert stammen könnte: Sogar Erschließungsflächen und Lagerräume sollen mit „hohem klimatischen Standard“ exakt auf Temperatur und staubfrei aufbereitet werden, außerdem die Übergänge, die „Boulevards“ im Museum. Eine nachhaltige Planung hätte solchen Aufwand „auf den Schutz der Ausstellungsstücke beschränkt“, schreiben die Prüfer. Aber die „Planungsbeteiligten“ hätten nicht mal „nachdrücklich versucht, dieses Ziel (geringstmöglichen Energieeinsatz) zu erreichen“.

Der Rechnungshof gibt Tipps zur Senkung des CO2-Ausstoßes

Dabei sei die Senkung des CO2-Ausstoßes den Prüfern mit kleinen Änderungen möglich: „Die Eingänge zu den Ausstellungsräumen mindestens außerhalb der Besuchszeiten verschlossen“ halten etwa – damit nicht der ganze weitläufige Boulevard mit enormem Energieaufwand klimatisiert wird. Und warum keine Bereiche trennen? „Die bisher vorgetragenen Gründe gegen einen Einsatz von Glastüren sind nicht schlüssig.“

Der aus Berlin in den Bundestag gewählte Haushälter Swen Schulz nannte die Kritik des Bundesrechungshofes „heftig, aber berechtigt“. Die Kosten seien „offenbar über den Daumen gepeilt, um einen positiven Beschluss zu erreichen“. Schulz weiter: „Wir wollen alle, dass das Museum entsteht und ein Erfolg wird. Voraussetzung ist aber ein professionelles Management. Da dürfen jetzt keine Fehler mehr passieren.“

Seit 2013 plant die Stiftung Preußischer Kulturbesitz für die Staatlichen Museen das Museum für Kunst des 20. Jahrhunderts. Im November 2014 beschloss der Bundestag den Museumsneubau zu Kosten von 200 Millionen Euro. Dies entspricht nach Baupreisen von heute 230 Millionen Euro. Das Ergebnis des Realisierungswettbewerbes bestätigte diese Kosten im Jahr 2016. Der Kostensprung auf 306 Millionen Euro stand im Juli 2018 fest. Erfahren haben die Haushälter des Bundestages davon erst im November 2019.

BKM reagiert und will nachbessern

Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien will Konsequenzen aus der Kritik ziehen: "Die Bauverwaltung hat ein externes Expertengutachten zum Klimakonzept und zu seiner Praxistauglichkeit erstellen lassen", teilte das Haus von Staatsministerin Monika Grütters (CDU) mit. Zurzeit würden konkrete bauliche Umsetzungsvorschläge zur Anpassung des Heiz-/Kühl- und Lüftungskonzeptes erarbeitet". Zur Zunahme der Fläche bei zugleich schrumpfender Nutzfläche erklärte die Verwaltung, dies hänge mit der "besonderen Fassadenkonstruktion" zusammen, die zu einer "Erhöhung des Konstruktionsflächenanteils" beigetragen habe.

Zur Explosion der Baukosten stellt das BKM fest: "die Planungstiefe des Wettbewerbsentwurfs reicht nicht aus, ohne Beteiligung entsprechender Fachplaner für Baugrube Technische Gebäude Ausrüstung etc. , um die Kosten für ein solch komplexes Projekt mit schwierigen Rahmenbedingungen realistisch ermitteln zu können". Demnach wäre die Festlegung einer Obergrenze bei den Kosten für einen Museumsbau vor einem Wettbewerb oder auch noch nach der Auswahl eines Wettbewerbsentwurfs nicht möglich - eine Entscheidung für oder gegen ein Projekt müsste gleichsam erst getroffen werden, wenn die Arbeiten im Detail etwa in der Ausführungsplanung ermittelt sind.

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