Die Berliner Zoos haben unter strengen Auflagen wieder geöffnet. Foto: Kay Nietfeld/dpa
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Idylle zwischen Flamingos und Steinböcken In Berlin sind Zoo und Tierpark wieder geöffnet

Seit Dienstag sind Tierpark und Zoo wieder geöffnet – für viele Besucher ist das trotz der Corona-Regeln eine Erlösung.

Maja starrt dem sibirischen Steinbock direkt in die Augen. Sie steht einen halben Meter vor seinen gefährlichen Hörnern und seinem zotteligen Kinnbart. Das Tier starrt zurück, völlig regungslos. Maja und der Steinbock stehen sich gegenüber wie zwei Pistolenhelden auf einer staubigen Straße im Wilden Westen vor dem letzten Duell.

Dann lächelt Maja, drei Jahre alt.

Die Mama steht ja neben ihr, außerdem ist der Steinbock bloß auf einer Tafel abgebildet; die steht am Rande des Geheges im Zoo, der reale Steinbock liegt acht Meter entfernt auf einer Steinplatte und döst im Sonnenschein.

Sarah Langwagen und ihre Tochter haben an diesem Vormittag bereits den Elefanten, Giraffen und Hühnern zugeschaut, jetzt also die Steinböcke. „Ich bin sehr froh, dass der Zoo wieder geöffnet hat“, sagt die Mutter. „Wenn jetzt auch noch die Spielplätze geöffnet hätten, wäre ich unermesslich glücklich.“

Na ja, zumindest der Zoo und der Tierpark haben seit Dienstag geöffnet, für die meisten Besucher wohl eine Erlösung. Sechs Wochen lang sahen die Tiere nur ihre Pfleger, das Coronavirus hatte den gewohnten Alltag jäh unterbrochen.

Der Botanische Garten allerdings öffnet erst am 5. Mai wieder, und auch erst mal nur das komplette Freigelände. Die Gewächshäuser dagegen bleiben geschlossen. Karten kann man nur über ein Online-Ticketing kaufen. Maximal 1000 Besucher dürfen gleichzeitig in den Garten, es gibt Zeitfenster für die Gäste.

Jeweils 2000 Besucher dürfen am Vor- und am Nachmittag in den Zoo

Immerhin 2000 Besucher dürfen gleichzeitig in den Zoo, 3000 sind es sogar im Tierpark, allerdings auch nur in einem Zeitfenster. Es gibt Vor- und Nachmittagsgruppen, sodass täglich insgesamt 4000 (Zoo) beziehungsweise 6000 (Tierpark) Besucher eingelassen werden. In Spitzenzeiten besuchen ansonsten im Normalfall täglich jeweils bis zu 18 000 Besucher den Tierpark und den Zoo. Basis für die aktuellen Besucherzahlen sind die jeweiligen Wegflächen, die Gäste sollen ja genügend Abstand zueinander halten können.

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Und natürlich gelten die bekannten Regeln. Abstand bei der Warteschlange vor den Kassen, Abstand bei den Tierbeobachtungen, in die Toilette darf immer nur eine Person, der Rest wartet an Markierungen. Sechs Mitarbeiter haben bei Rundgängen nichts anderes zu tun, als auf die Einhaltung der Gesundheitsmaßnahmen zu achten. „Es haben sich alle an die Regeln gehalten, es gibt keine Meldungen über Beschwerden, weder im Zoo noch im Tierpark“, sagte Philine Hachmeister, Pressesprecherin des Berliner Zoos und Tierparks. Das war durchaus zu erwarten.

Nicht alle Tickets für den Zoo sind am ersten Tag verkauft worden

Dafür ist am Ende des Tages eine andere Bilanz überraschend: Für den Zoo sind nicht alle Tickets verkauft worden, weder für Vor- noch für Nachmittag. Im Tierpark sieht es etwas besser aus, da sind zumindest für den Nachmittag alle Karten weggegangen. 120 000 Dauerkarten sind im Umlauf, der Zoo hatte gebeten, dass nicht alle Interessenten gleich am ersten Tag auf die Anlagen strömen. Aber mit dieser Zurückhaltung hatten die Verantwortlichen nun auch wieder nicht gerechnet.

Das hastig installierte Ticketsystem ist freilich noch nicht völlig ausgereift. Jahreskartenbesitzer ohne Internetanschluss klagen, dass sie nicht an Karten kommen. Tickets gibt es nur online. „Wir bemühen uns um eine Lösung“, sagt Pressesprecherin Hachmeister.

Gekommen sind am Dienstag vor allem Eltern mit ihren Kleinkindern, aber die Besucher verteilen sich beachtlich. Selbst vor dem Panda-Außengelände beobachteten nur wenige, wie einer der Bären in aller Gemütsruhe seine Bambusstauden vertilgte. Andererseits, das Innengehege der Pandas ist ja auch geschlossen, die beiden Jungen bekommt man nicht zu Gesicht. Sonst würden sich hier zu viele Besucher drängen. Auch die Seelöwenshow und die kommentierte Fütterung im Zoo fallen aus, im Tierpark ist die Greifvogel-Show gestrichen.

Sahra Parlar und ihrer Mutter Martina Holz ist das völlig egal. Sie sitzen auf einer Bank in der Nähe der Giraffen, daneben schläft in einem Kinderwagen Emin, acht Monate alt, der Sohn von Sahra Parlar. „Es ist so leer“, sagt sie, „So angenehm war es ja noch nie hier.“ Ihre Mutter und sie besitzen Jahreskarten, sie kennen ganz andere Zeiten. Im Normalfall sind sie mindestens zwei Mal pro Woche da.

Im Zoo gibt es Wickeltische für Mütter, ein Vorteil gegenüber dem Park

Sahra Parlar genießt im Zoo auch ganz praktische Vorteile, wichtige Aspekte für eine junge Mutter. „Hier habe ich eine Toilette, hier habe ich einen Wickeltisch, das habe ich im Park ja alles nicht.“ Ihrer Mutter dagegen ist viel wichtiger, was sie im Zoo nicht hat. „Keine E-Roller, keine Fahrräder, keine Skater.“ Nur Ruhe.

Die genießt auch Sabine Müller*. Sie steht mit ihrem Kinderwagen vor dem Gehege der Flamingos. Ihre Tochter Maria*, ein Jahr alt, klammert sich an eine kniehohe Brüstung und beobachtet die Vögel, die durch die Anlage stolzieren. In kurzen Abständen ertönt durchdringendes Geschnatter. „Ich habe mich wirklich sehr gefreut, dass der Zoo wieder geöffnet hat“, sagt Sabine Müller. Auch sie besitzt eine Jahreskarte, auch sie kommt regelmäßig. Und am liebsten geht sie dann zu den Giraffen.
Maja und ihre Mutter zieht es dagegen aus einem ganz speziellen Grund zu den Steinböcken. „Wir sind beide im Tierkreiszeichen Steinbock geboren, im Januar“, sagt Sarah Langwagen. Die Lieblingstiere ihrer Tochter leben allerdings ein paar Meter weiter. „Sie haben tolle Arme und Beine, deshalb mag ich sie so sehr“, sagt Maja. Und deshalb müssen die Beiden jetzt noch unbedingt zu den Faultieren.

*Name geändert

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