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Büroarbeit: In diesem Winter arbeiten offenbar mehr Personen in Büros obwohl die Corona-Lage schlechter ist als im Frühjahr 2020 und obwohl Treffen trotzdem virtuell stattfinden. Foto: Ottmar Winter/PNN
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Homeoffice schlecht möglich Wie Berlins Arbeitgeber Mitarbeiter-Präsenz im Büro rechtfertigen

Viele Arbeitgeber setzen die Homeoffice-Wünsche der Politik nur halbherzig um – mit teils abenteuerlichen Begründungen.

Nach all den Wochen ohne Schulen, Kitas, ohne Besuche in Restaurants, Kneipen, Kinos, Theatern und Fitnessstudios und mit anhaltend hohen Infektionszahlen geht die Politik immer intensiver auf die Suche nach Schuldigen für dieses Nicht-in-den-Griff-Bekommen der Coronakrise. Gefunden werden Arbeitgeber, die die Strategie der Kontaktvermeidung vermeintlich untergraben, indem sie mit kreativen Begründungen die Belegschaft in die Büros holen – oder passiv Zutritt gewähren. Wie man’s nimmt.

Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) und Arbeitssenatorin Elke Breitenbach (Linke) wollen sich am Donnerstagnachmittag mit Vertreterinnen und Vertretern von Wirtschaft und Gewerkschaften zusammenschalten, um das Problem zu erörtern. Mit am virtuellen Tisch sitzen unter anderem die Kammern, die Gewerkschaften DGB, IG Metall und Verdi sowie die Unternehmensverbände UVB und der Bitkom.

„Ziel ist es, gemeinsam nach Möglichkeiten zu suchen, wie die Kontakte am Arbeitsplatz und auf dem Weg dahin noch weiter reduziert werden können“, heißt es in der Wirtschaftsverwaltung.

Die Gesandten der Wirtschaft reagieren allergisch auf entsprechende Vorwürfe, wie sie vergangene Woche auch der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) formuliert hatte. Die von der Grünen-Politikerin Laura Sophie Dornheim in die Medien getragene Debatte zum Hashtag #MachtBuerosZu provoziert ebenso (Lesen Sie hier den Gastbeitrag der Politikerin zum Thema).

Dornheim pflegt eine Liste mit Hinweisen von Angestellten, die von Druck berichten, trotz Pandemie persönlich bei der Arbeit zu erscheinen. Darunter sind nicht nur „systemrelevante“ Betriebsstätten: Auf der unveröffentlichten Liste findet man neben Privatfirmen, auch Behörden, öffentlich-rechtliche Institute, Stiftungen, das Büros eines Bundestagsabgeordneten der Grünen. Halten diese Arbeitgeber ihre Mitarbeitenden etwa für immun?

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Eine oder ein Mitarbeiter der Deutschen Rentenversicherung Bund in der Soorstraße in Westend klagt: „Das Maskentragen wurde erst von kurzer Zeit und dann nur, wenn man nicht am Platz ist, eingeführt, an Homeoffice ist nicht zu denken. Aber es gibt einen Wisch damit man die Ausgangssperre legal brechen darf, um zur Arbeit zu kommen.“

Auf Nachfrage schickt die Rentenversicherung ein Dementi. Die Möglichkeiten des Homeoffice nutzten in dem Dienstgebäude in der Soorstraße aktuell rund 60 Prozent der Mitarbeitenden, teilt der Sprecher mit. Es gäbe aber einige, die eine Tätigkeit ausüben, die nicht für das Homeoffice geeignet sei. Zum Beispiel in der Datenerfassung, der Postverteilstelle, der Botendienst oder der Bereich, der für eine schnelle Störungsbehebung etwa im IT-Bereich. Auch sei darauf hinzuweisen, dass ein Arbeiten im Homeoffice freiwillig sei. „Nicht alle Mitarbeitenden wollen dies oder haben die häusliche Möglichkeit, dies zu nutzen.“

Umdenken ist möglich

Aber die Politiker und die Virologen, die sie beraten, wollen es. Und sie stellen fest: Pendler, die beim ersten Lockdown im März und April 2020 mit der S-Bahn gefahren sind, konnten in der Regel auch in der Hauptverkehrszeit einen freien Vierersitzplatz ergattern. Heute sind Bahnen deutlich voller. Und das kann kaum an den Touristen liegen. Es liegt wohl wirklich an Arbeitgebern beziehungsweise ihren Angestellten, die nicht mehr zu Hause arbeiten dürfen – oder wollen.

Schutzmaske an den Nagel gehängt: Die Unternehmen, die weiter Personal im Büro beschäftigen, rechtfertigen dies unter anderem mit Hygienekonzepten. Dazu zählt das Bereitstellen von Mund-Nasen-Schutzmasken oder Desinfektionsmitteln. Foto: Imago Vergrößern
Schutzmaske an den Nagel gehängt: Die Unternehmen, die weiter Personal im Büro beschäftigen, rechtfertigen dies unter anderem mit Hygienekonzepten. Dazu zählt das Bereitstellen von Mund-Nasen-Schutzmasken oder Desinfektionsmitteln. © Imago

Doch Umdenken ist möglich. Eine Mitarbeiterin aus der Zentrale der Berliner Sparkasse am Alexanderplatz hatte dem Tagesspiegel Anfang Dezember gesagt, ihr sei mehrfach signalisiert worden, dass Homeoffice beim Vorstand nicht gern gesehen sei. Am Mittwoch berichteten sie von Änderungen seit dem Jahreswechsel. Und ein Unternehmenssprecher erklärt, die Berliner Sparkasse habe „eine pragmatische und ideologiefreie Haltung zur mobilen Arbeit“. Dort wo es sinnvoll und machbar ist, habe man die Voraussetzungen für mobiles Arbeiten geschaffen.

„In Rekordzeit“ sei die Anzahl der Beschäftigten, die mobil arbeiten können, von 1600 Anfang März auf heute 2500 erhöht worden. Das entspreche fast 70 Prozent der Gesamtbelegschaft.

„Bei Storck wird alles getan, damit Homeoffice nur die absolute Notlösung bleibt. Auch für Teams und Jobs die man (mindestens) genauso gut zu Hause machen könnte“, berichtete jemand der Politikerin Laura Sophie Dornheim über den Süßwarenhersteller mit Sitz in Reinickendorf. „Schon im ersten Lockdown hat jeder Mitarbeiter einen Brief bekommen, den man im Notfall vorzeigen kann und der aussagt, dass man zur Berliner Nahrungsversorgung gehört.“

Bei Stock war man auf die Nachfrage des Tagesspiegels offenbar gut vorbereitet, so schnell kam die extrem ausführliche Antwort – inklusive dem Hinweis, dass sich besagte Politikerin im August Paris vor der berühmten Wallfahrtskirche Sacré-Cœur selbst fotografiert habe. „Es drängt sich der Eindruck auf, die Eigenbeschränkung falle ersichtlich schwerer“, schreibt der Storck-Sprecher. Dornheim betont, dass sie selbst seit Monaten im Homeoffice arbeitet und Paris seinerzeit kein "Hotspot" der Pandemie gewesen sei.

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„In einem produzierenden Unternehmen ist Präsenz von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unverzichtbar“, stellte er klar. Das gelte für den gesamten gewerblichen Bereich, also die Produktion und produktionsnahen Abteilungen wie etwa die Werktechnik, die Logistik oder Fachbereiche wie die Qualitätssicherung oder die Produktentwicklung. „Selbst in klassischen Verwaltungstätigkeiten, ist ein Verzicht auf Präsenz im Büro mitunter nicht generell möglich“, behauptet er.

Im Veterinäramt in Charlottenburg-Wilmersdorf besteht Präsenzbetrieb

Den Senatorinnen Pop und Breitenbach dürfte eine leidenschaftliche Debatte bevorstehen. Vielleicht fragt heute auch jemand, warum der Senat in seiner ab Sonnabend geltenden Novelle der Infektionsschutzverordnung die Öffnung von Betriebskantinen wieder erlaubt (§15, Abs. 2). Politik, Gewerkschaften und Unternehmen gleichermaßen müssen sich fragen lassen, ob sie genug für die Digitalisierung getan haben – nicht erst seit Ausbruch der Pandemie.

Berlins Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne), hier ebi einem Termin im September 2020, will gemeinsam mit Arbeitssenatorin Elke Breitenbach (Linke) die Wirtschaft überzeugen, weniger Mitarbeiter in die Büros zu holen. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa Vergrößern
Berlins Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne), hier ebi einem Termin im September 2020, will gemeinsam mit Arbeitssenatorin Elke Breitenbach (Linke) die Wirtschaft überzeugen, weniger Mitarbeiter in die Büros zu holen. © Bernd von Jutrczenka/dpa

Kurios wird es, wenn ausgerechnet Profis beim Infektionsschutz die 13 gerade sein lassen. Im Veterinäramt im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf „gibt es kein Homeoffice. Alle anwesend. Teilweise zu zweit im kleinen Büro und gemeinsame Autofahrten (einer vorn, einer hinten bei offenem Fenster)“, schreibt jemand als Hinweis. „Es gab keinerlei Präsenzreduzierung im ganzen Jahr.“ Das Amt bestätigt den andauernden Präsenzbetrieb und begründet diesen mit „dringlichen Tierseuchenbekämpfungsmaßnahmen“ gegen Geflügelpest und die Afrikanische Schweinepest „sowie vielen weitere hoheitliche Tätigkeiten.“

Auch ein angehender Handwerksmeister wundern sich, dass ein Dozent der Handwerkskammer Frankfurt (Oder) auf Präsenzunterricht in der Berufsbildungsstätte Hennickendorf drängt. Sein Vorgesetzter verspricht Freiwilligkeit für die Schüler, dazu vorbildlichste Hygienekonzepte und verweist auf die wirtschaftlichen Existenzen, die auf der Kippe stünden, sollten die teils selbstständigen Meisteranwärterinnen und -anwärter ihre Prüfungen nicht ablegen können. Von den gesundheitlichen Existenzen, die derzeit auf der Kippe stehen, ist bei kaum einem der genannten Arbeitgeber die Rede.

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