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Beim Pop-up-Hochzeitsfestival konnten Paare spontan und kostenfrei heiraten. Foto: dpa/Jörg Carstensen
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Hochzeitsfestival in Berlin „Möchten Sie mit Konfetti beworfen werden, wenn Sie sich küssen?“

Annika Grosser

Pop-up-Zeremonie statt Planungsstress: In Neukölln gaben sich am Samstag zahlreiche Paare beim Hochzeitsfestival das Ja-Wort. Ein Besuch.

Weiße Kleider, rote Herzluftballons, klingende Sektgläser – mehrere Hochzeitspaare, jung und alt, wuseln über den Neuköllner Herrfurthplatz. Irgendwo spielt jemand Elvis Presleys „Can’t Help Falling in Love“ auf der Klarinette. Die Musik wird von mittelstarken Windböen über den Platz getragen, hinüber zum Eingang der Genezarethkirche. Dort hat am Samstag ein Pop-up-Hochzeitsfestival stattgefunden – für alle Paare, die sich ohne großen Planungsstress oder Standesamt in der Kirche das Ja-Wort geben wollen.

„Mit dem Hochzeitsfestival wollen wir mal etwas Neues ausprobieren, experimentieren“, sagt Susanne Kachel. Sie ist Pfarrerin im Segensbüro Berlin, ein Angebot der evangelischen Kirche, das die Aktion veranstaltet hat. Zwölf weitere Pfarrer:innen kümmern sich um die Trauungen, sagt Kachel.

Das Hochzeitsfestival findet dieses Jahr zum ersten Mal statt. Im November soll es ein Totenfest zum Ewigkeitssonntag geben und fürs nächste Jahr ist ein großes Tauffestival geplant – eventuell sogar im Schwimmbad oder an der Spree.

Für eine klassische kirchliche Trauung muss das Paar standesamtlich verheiratet und mindestens eine:r von beiden Kirchenmitglied sein. „Wir wissen, dass es Menschen gibt, die das nicht wollen oder aus finanziellen Gründen nicht können, die aber trotzdem gerne eine Segenszeremonie feiern möchten“, sagt Kachel.

Nach Kirchenmitgliedschaft werde beim Hochzeitsfestival nicht gefragt. Wer aber schon standesamtlich verheiratet ist, könne sich nach der Trauung auf Wunsch ins Kirchenbuch eintragen lassen. Die Segenszeremonie ist kostenfrei. Das Segensbüro finanziert die Aktion komplett selbst, unter anderem aus einem Innovationsfonds der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz.

Auch eine Rikscha samt Blechdosen steht für die verheirateten Paare vor der Kirche bereit. Foto: Jörg Carstensen/dpa Vergrößern
Auch eine Rikscha samt Blechdosen steht für die verheirateten Paare vor der Kirche bereit. © Jörg Carstensen/dpa

Termine gab es vorab für Hochzeiten in der Kirche, draußen unterm Hochzeitsbaum oder am Abend begleitet von elektronischer Musik. Die 28 Plätze, die zur Anmeldung zur Verfügung standen, waren vor Beginn bereits ausgebucht. Es gab allerdings auch Platz für spontane Trauungen unter einem Hochzeitsbogen – die sind gut besucht.

„Möchten Sie mit Konfetti beworfen werden, wenn Sie sich küssen?“

Für jede Trauung ist ein halbstündiger Zeitslot vorgesehen. Im Vorhinein gibt es ein kurzes Pfarrer:innen-Gespräch, um wichtige Fragen zu klären, wie: „Möchten Sie mit Konfetti beworfen werden, wenn Sie sich küssen?“

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Dann wird ein Segensvers ausgesucht, ein Song gespielt, und ein Hochzeitsband geflochten. Ringe wer will, Kuss, und schon ist die Zeremonie wieder vorbei. Hinterher gibt es Erinnerungsfotos, Rikscha-Fahrten und Sekt. Danach könne man noch über den Markt schlendern, wo an den Ständen Blumen und Schmuck angeboten werden.

Mit einer Harley Davidson rollte Bräutigam Stefan Schneider über den Herrfurthplatz. Foto: Annika Grosser Vergrößern
Mit einer Harley Davidson rollte Bräutigam Stefan Schneider über den Herrfurthplatz. © Annika Grosser

Steffi Großmann-Raschke und Tobias Raschke sind an diesem Tag die ersten, die unterm Hochzeitsbaum gesegnet werden. Dieser steht direkt neben der Kirche, dekoriert mit bunten Stoffstreifen, Lichterketten und Girlanden. Unter einem kleinen Zeltdach stehen eine Sängerin und ein Keyboarder, die bei der Zeremonie einen ausgewählten Song spielen – zehn Stück haben sie im Repertoire. Das Paar hat sich „Make You Feel My Love“ von Adele ausgesucht.

Pünktlich zu ihrem Termin setzt Nieselregen ein. Steffi und Tobias lassen sich davon aber nicht beirren. In Sandalen und Turnschuhen, weißem Sommerkleid und weinrotem Anzug geben sie sich das Ja-Wort.

„Man macht so viel im Leben, wieso nicht noch mal heiraten“

Steffi hatte von der Veranstaltung auf Instagram gehört. „Man macht so viel im Leben, wieso nicht noch mal heiraten“, sagt sie. Die beiden sind bereits standesamtlich verheiratet, wollen sich aber nun in Anwesenheit ihres Sohnes noch einmal trauen. Der beobachtet das Geschehen vom Arm seines Vaters aus, gekleidet in Hemd, Fliege und Krümelmonsterjacke, und freut sich über das Blütenkonfetti.

Ins Kirchenbuch eintragen lassen wollen sie sich nicht. „Das war nur für uns“, sagt Tobias nach der Zeremonie. Begleitet werden die beiden nur von ihrem kleinen Sohn und einer gemeinsamen Freundin. In Hemd, Fliege und Krümelmonsterjacke beobachtet der Junge das Geschehen in den Armen seines Vaters und freut sich über das Blütenkonfetti.

Stefan Schneider und Astrid Sander-Schneider flechten bei ihrer Segenszeremonie in der Genezarethkirche das "Band der unendlichen Liebe". Foto: Annika Grosser Vergrößern
Stefan Schneider und Astrid Sander-Schneider flechten bei ihrer Segenszeremonie in der Genezarethkirche das "Band der unendlichen Liebe". © Annika Grosser

Auch Astrid Sander-Schneider und Stefan Schneider haben schon vor zweieinhalb Jahren standesamtlich geheiratet und wollen sich nun kirchlich trauen lassen. Das war Astrid wichtig. „Mein Mann macht da zum Glück mit“, sagt sie. Sie habe schon als Mädchen von einem großen Mann auf einem schwarzen Motorrad geträumt. Heute ist dieser Traum wahrgeworden: Stefan rollt auf einer Harley Davidson auf den Herrfurthplatz. Vorne am Motorrad hat er mit einer medizinischen Maske einen Blumenstrauß befestigt, den er ihr schmunzelnd überreicht.

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Die beiden spielen zusammen in einer 80er-Jahre-Band, Stefan ist Bassist und Astrid Sängerin. Die Bandmitglieder sind bei der Hochzeit mit dabei. Für die Zeremonie haben sich Astrid und Stefan „You Are The Sunshine Of My Life“ von Stevie Wonder gewünscht.

Ihre Trauung findet in der Kirche statt. Er steht in Hemd und Lederjacke vor dem Altar, sie komplett in Weiß, mit Korsett, Netzstrumpfhose und Felljacke. Das gleiche Kleid habe sie auch bei ihrer standesamtlichen Hochzeit getragen.

Sie werden gesegnet, stecken sich ein zweites Mal die Ringe an, küssen sich und verlassen unter Blütenregen die Kirche – Zeit für die nächste Hochzeit.

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