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Berlins Gesundheitssenatorin Ulrike Gote warnte am Montag bei der Vorstellung eines Hitzeaktionsplans für das Gesundheitswesen vor den gesundheitlichen Belastungen bei großer Hitze. Foto: dpa/Christoph Soeder
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„Hitzewellen sind lebensbedrohlich" Berlins Gesundheitswesen soll besser auf Extremtemperaturen vorbereitet sein

Daniel Böldt

Berlins Gesundheitssenatorin Gote stellte am Montag einen Hitzeaktionsplan vor. Denn Todesfälle aufgrund heißer Temperaturen nehmen zu.

Berlins Gesundheitssenatorin Ulrike Gote (Grüne) hatte auch am kühlen und verregneten Montag keine Schwierigkeiten, die Dringlichkeit ihres Auftritts deutlich zu machen. Das Thema könnte präsenter nicht sein, sagte Gote bei der Vorstellung der Hitzeschutzpläne für das Berliner Gesundheitswesen.

Einen Tag nachdem am Wochenende die erste Hitzewelle des Sommers Berlin mit weit über 30 Grad Celsius erfasst hatte, präsentierte Gote zusammen mit der Ärztekammer Berlin und der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit am Montag Maßnahmen, mit denen sich die Gesundheitseinrichtungen in Zukunft besser auf die Folgen langanhaltender Extremtemperaturen vorbereiten sollen.

Dafür erarbeitete das Bündnis sogenannte Musterhitzeschutzpläne, die in den kommenden Tagen und Wochen in den Einrichtungen bekannt gemacht werden sollen.

„Die Klimakrise ist Realität in Deutschland und sie ist Realität in Berlin“, sagte Gote nicht nur angesichts der jüngsten Hitzewelle. Die zunehmenden Hitzeperioden würden „eine große gesundheitliche Belastung auf ganz vielen Ebenen“ darstellen. In den Jahren 2018 bis 2020 seien in Berlin über 750 Menschen an den Folgen von extremer Hitze gestorben, sagte Gote.

Laut Peter Bobbert, Präsident der Ärztekammer Berlin, sind ist das noch konservativ gerechnet. Genaue Daten ließen sich aufgrund der vielfältigen gesundheitlichen Folgen von Hitze nur schwer erheben. Was sich beobachten lasse, sei, dass hitzebedingte Todesfälle zunehmen. „Machen wir so weiter wie bisher, werden wir in eine gesundheitliche Katastrophe hineinlaufen“, sagte Bobbert.

Peter Bobbert, Präsident der Ärztekammer Berlin Foto: Ärztekammer Berlin Vergrößern
Peter Bobbert, Präsident der Ärztekammer Berlin © Ärztekammer Berlin

„Hitzewellen sind lebensbedrohlich"

„Für ältere und vorerkrankte Menschen und insbesondere für diejenigen, die allein wohnen, sind Hitzewellen lebensbedrohlich. Wir müssen als Gesellschaft die vulnerablen Gruppen vor dieser Gefahr schützen“, sagte Bobbert.

Kern des am Montag vorgestellten Konzepts ist ein zentrales Warnsystem, das laut Gote bereits in den kommenden Tagen eingeführt werden soll. Basierend auf den offiziellen Hitzewarnungen des Deutschen Wetterdienstes sollen bei Extremtemperaturen über das Einsatzleit- und Lagezentrum der Polizei alle relevanten Multiplikatoren und über diese alle Einrichtungen in Gesundheitseinrichtungen alarmiert werden.

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Dazu gehören die stationäre und die ambulante Gesundheitsversorgung, der Öffentliche Gesundheitsdienst, der Katastrophenschutz samt Feuerwehr sowie Pflegedienste und -einrichtungen. Ausgehend von diesen Warnungen sind die Akteure angehalten, spezifische Maßnahmen zu treffen, um die gesundheitlichen Folgen von Hitze abzufedern.

Festgehalten wurden diese Maßnahmen in von dem Bündnis erarbeiteten Musterhitzeschutzplänen für die einzelnen Sektoren. So sieht etwa der Musterplan für Krankenhäuser vor, bei der Warnstufe 1 des Deutschen Wetterdienstes (gefühlte Temperatur über 32 Grad Celsius an mindestens zwei aufeinander folgenden Tagen) gefährdete Patient:innen verstärkt im Blick zu haben, ausreichend Getränke für Mitarbeitende, Patient:innen und Besucher:innen bereitzustellen sowie Fenster und Jalousien tagsüber geschlossen zu halten.

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Bei der Warnstufe 2 (gefühlte Temperatur über 38 Grad Celsius) sollen Patient:innen unter anderem aktiv mit der erforderlichen Trinkmenge versorgt und gefährdete Menschen in kühlere Zimmer verlegt werden.

Die einzelnen Maßnahmen mögen zum Teil banal erscheinen, sagte Bobbert, aber es sei wichtig, diese einmal konkret festzuhalten und somit alle Beteiligten für die Gefahren von Hitze zu sensibilisieren.

Zu den Empfehlungen bei akuter Hitze sehen die Musterhitzeschutzpläne darüber hinaus vorbereitende Maßnahmen vor, wie zum Beispiel die Schulung von verantwortlichem Personal und die Erfassung besonders heißer und kühler Räume in der jeweiligen Einrichtung. Langfristig soll beim Bau oder Umbau von Gebäuden auf ausreichend Hitzeschutz geachtet werden, etwa mit Isolierung oder Dach- und Fassadenbegrünung.

Es wird heißer – vor allem in Städten

Das Umweltbundesamt bezeichnet Hitze in seiner „Klimawirkung- und Risikoanalyse 2021“ als den „mit Abstand wichtigsten klimatischen Einfluss“ auf die menschliche Gesundheit. Hitzewellen traten in Deutschland in den vergangenen Jahren deutlich häufiger auf als in den Jahrzehnten davor. Meteorelogen gehen davon aus, dass sich diese Entwicklung aufgrund des Klimawandels in den kommenden Jahren noch verstärkt.

Gerade in Städten steigen die Temperaturen während Hitzewellen durch die flächendeckende Versiegelung und dichte Bebauung besonders stark an.

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Dennoch habe das Thema Hitze bis vor wenigen Jahren im Gesundheitsbereich so gut wie keine Rolle gespielt, sagte Martin Herrmann, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit. Das habe sich in letzter Zeit zwar etwas gebessert, einige Kommunen in Deutschland hätten sogenannte Hitzeaktionspläne erarbeitet.

„Aber in der Umsetzung sind wir noch nicht weit“, sagte Herrmann. Besonders die Gesundheitsberufe seien bisher ausgeklammert gewesen. In Berlin sei es nun erstmals gelungen, diese konzeptionell in die Hitzevorsorge einzubinden.

Vorausgegangen war dem ein Beschluss der Gesundheitsministerkonferenz im Jahr 2020. Die Landesminister:innen fordert damals, Hitzeaktionspläne innerhalb der nächsten fünf Jahre zu erarbeiten, „um gesundheitliche Gefahren für die Bevölkerung zu minimieren“. In Berlin wurde daraufhin ein Pilotprojekt gestartet, dessen Ergebnis die gestern vorgestellten Musterhitzeschutzpläne sind.

„Pläne allein werden keine Menschen retten“

Inwieweit aus dieser Theorie jedoch Praxis wird, hängt stark von den Einrichtungen selbst ab. Eine Finanzierung der Maßnahmen sei aus ihrem Haus nicht zu stemmen, sagte Gesundheitssenatorin Gote. Und auch eine verpflichtende Umsetzung der Maßnahmen – etwa im Vergleich zum Hygieneschutzkonzept – ist nicht vorgesehen.

Man wolle durch „Kommunikation und Interaktion schaffen, dass es nicht nur Theorie bleibt“, sagte Bobbert. Nach dem Sommer werde man evaluieren, was gut und was schlecht gelaufen sei. Das Helmholtz-Zentrum für Gesundheit und Umwelt in München werde die Maßnahmen wissenschaftlich begleiten, sagte Herrmann.

„Die wissenschaftliche Fundierung ist sehr wichtig.“ Er setzt außerdem auf einen internationalen Austausch mit Ländern, in denen Hitzeschutz bereits eine größere Rolle spielt. Dennoch sei die Umsetzung am Ende entscheidend: „Die Pläne allein werden keine Menschen retten“, sagte Herrmann.

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