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Mit dem Innovationscampus Siemensstadt 2.0 verbinden sich große Hoffnungen für den Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort Berlin. Foto: Siemens AG
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Historische Schwäche zur Stärke machen So könnte Berlin zum Zentrum der Digitalisierung werden

Sebastian Turner

1941 begann in der Hauptstadt das Computer-Zeitalter. Derzeit gibt es die größten Entwicklungen in den USA, Berlin ist strukturschwach. Wie lange noch?

Der russisch-sowjetische Wirtschaftswissenschaftler Nikolai Kondratjew untersuchte vor 100 Jahren die „Langen Wellen in der Konjunktur“. Da die Wellen auch nach schmerzhaften Krisen des Kapitalismus irgendwann einen Aufschwung vorsahen, geriet er in Konflikt mit dem leninistisch-stalinistischen Dogma des unausweichlichen Niedergangs aller Marktwirtschaft.

Diese wissenschaftliche Beobachtungsgabe bezahlte er 1928 mit dem Verlust seiner Forschungsstelle, 1930 mit der Freiheit und 1938 schließlich mit dem Leben. Der Kapitalismus erneuert sich regelmäßig – diese antikommunistische Gotteslästerung führte zu seiner Hinrichtung durch die Henker Stalins. Die Theorie seiner Mörder ist widerlegt, während seine Überlegungen noch heute wichtige Inspirationen liefern. Nach seinem Tod gab Joseph Schumpeter den „Langen Wellen“ den Namen „Kondratjew-Zyklen“.

Ausgehend von herausragenden Basisinnovationen ergeben sich die genannten langen Wellen, die etwa alle 50 Jahre aufeinander folgen, einander ablösen und im Aufschwung neuen Wohlstand mit sich bringen. Die Dampfmaschine ist für Kondratjew so eine Basisinnovation, die Eisenbahn, das Automobil oder die Elektrizität. Was er nicht mehr erleben konnte, war die Erfindung der elektronischen Datenverarbeitung und der digitalen Vernetzung durch das Internet. Man darf aber annehmen, dass er beides in seine Liste aufgenommen hätte.

Aus der Sicht der Medien ragt die Basisinnovation der Digitalisierung sogar über die von Kondratjew erlebten Innovationen hinaus. Aus ihrer Sicht wird nicht eine 50-Jahres-Welle, sondern eine 500-Jahre-Welle abgelöst. Das Grundstürzende dieser Innovation lässt sich in einer einfachen Gleichung zwischen Sender und Empfänger ausdrücken.

Bis vor 500 Jahren galt die Gleichung 1:1. Auf einen Sender kommt ein Empfänger: das Zeitalter der Individualkommunikation. Es reichte von den Höhlenmenschen bis zu Johannes Gutenberg. Gutenberg änderte die Gleichung, jetzt hieß sie: 1:n. Ein Sender kann unendlich viele Empfänger erreichen. Dieses Zeitalter der Massenkommunikation erstreckt sich von Johannes Gutenberg bis zu Thomas Gottschalk. Wir Zeitgenossen haben das seltene Privileg, am Schnittpunkt dieser 500-jährigen Riesen-Kondratjew-Wellen zu leben.

Die prägende Welle entstand in Berlin

Mit etwas Lokalpatriotismus kann man sagen: Die heute prägende Welle wurde in Berlin ausgelöst. In den vierziger Jahren schuf Konrad Zuse die Grundlage der Basisinnovation für das heute sich mit großer Wucht entfaltende Zeitalter der Massen-Individualkommunikation. Der rechenfaule Bauingenieur Zuse stellte am 12. Mai 1941 in Berlin den ersten programmierbaren Rechner der Welt vor. Damit änderte er die Gutenbergsche Gleichung von 1:n in n:n. Computer plus Vernetzung – das, was wir Digitalisierung nennen – macht aus den unendlich vielen Empfängern zugleich auch unendlich viele Sender.

1989 präsentierte Konrad Zuse einen Nachbau seiner im Zweiten Weltkrieg in Berlin zerstörten Rechenmaschine Z1. Foto: picture-alliance / gms Vergrößern
1989 präsentierte Konrad Zuse einen Nachbau seiner im Zweiten Weltkrieg in Berlin zerstörten Rechenmaschine Z1. © picture-alliance / gms

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Wir Zeitgenossen können die Folgen dieser Innovation kaum abschätzen. Wenn wir aber die Umwälzungen betrachten, die Gutenbergs Druckmaschine mit beweglichen Lettern vor einem halben Jahrtausend auslöste, dann bekommen wir einen Eindruck der Dimensionen.

Die mächtigste Institution der damaligen Zeit, die Kirche, hatte bis zu diesem Zeitpunkt jede Erschütterung abwenden können. Sie nannte die Angreifer Ketzer und verbrannte sie. Martin Luther konnte mit der Druckerpresse die mächtigste Institution seiner Zeit erschüttern und spalten. Zu den folgenden Umwälzungen gehören die Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges ebenso wie die Aufklärung, die Demokratisierung des Wissens durch Bibliotheken und die Gleichschaltung mit dem Volksempfänger. Als das Magazin „Time“ im Jahr 2000 den wirkmächtigsten „Menschen des Jahrtausends“ wählte, entschied sich die Redaktion für Johannes Gänsfleisch Gutenberg aus Mainz in Deutschland, den Begründer der Massenkommunikation.

Das Gutenberg-Denkmal vor der Commerzbank-Zentrale in Frankfurt am Main (Hessen). Foto: picture alliance / dpa Vergrößern
Das Gutenberg-Denkmal vor der Commerzbank-Zentrale in Frankfurt am Main (Hessen). © picture alliance / dpa

Wir können uns nicht vorstellen, was die Massen-Individualkommunikation in den nächsten Jahrzehnten und Jahrhunderten mit sich bringen wird, aber eine Zäsur wird es sein. Die schräge Kommunikation von Heranwachsenden auf Sozialen Medien ist erst der Anfang, auch wenn diese Halbstarken über 70 Jahre alt sind und im Weißen Haus tweeten.

Führt die Digitalisierung zu galaktischen Gatekeepern namens Google, Facebook oder Apple, neben denen Hugenberg und Berlusconi wie Zwerge erscheinen? Erwartet uns eine mediale Demokratisierung durch aufgeweckte junge Leute, die Greta oder Rezo heißen und auch diese Gatekeeper nicht stoppen können? Zerfällt die Öffentlichkeit in halbinformierte Echokammer-Radikale, die erst mit Worten und dann Waffen wie in den USA aufeinander einschlagen? Alle diese Entwicklungen zeichnen sich heute nebeneinander ab und der Ausgang ist offen, oder besser: Er liegt in unseren Händen als Bürger und Journalisten, als Gesetzgeber, Leser, User und Wähler jeglichen Geschlechts.

Die Strukturschwäche der Hauptstadt ist historisch bedingt

Mit Basisinnovationen beginnt immer ein New Deal des Wohlstands. Die Karten werden neu verteilt, alle können ihr Glück versuchen, aber das sogenannte Innovator’s Dilemma sorgt dafür, dass sich ausgerechnet diejenigen, die die letzte Basisinnovation bestens beherrschen, selbst dabei im Weg stehen, die nächste zu erkennen oder gar zu nutzen.

Was bedeutet das für Berlin? Die historische Strukturschwäche Berlins, die durch Nationalsozialismus, Krieg und Teilung begründet und durch Ost-Berliner Zwangswirtschaft und West-Berliner Misswirtschaft verfestigt wurde, ist in Ausmaß und Mischung einzigartig.

Sebastian Turner ist seit 2014 Tagesspiegel-Herausgeber und ein Impulsgeber für die Digitalisierung. Foto: Thilo Rückeis Vergrößern
Sebastian Turner ist seit 2014 Gesellschafter und Herausgeber des Tagesspiegels und ein Impulsgeber für die Digitalisierung. © Thilo Rückeis

Ein oberflächlicher, unfairer, aber erhellender Vergleich mit anderen deutschen Zentren und den dortigen Unternehmenszentralen macht das deutlich. Denken Sie ans hessische Frankfurt: Dort dominieren Börse und zu gut bezahlte Banker. In Stuttgart – die führenden Unternehmen heißen Daimler, Porsche, Bosch – finden Sie den hart erstreikten Tariflohn der IG Metall und ein Zentrum der Mobilität. Hamburg hat mit Hafen, Hapag, Kühne und Nagel, Tchibo, Otto und Edeka den Handel und wohlhabende Händler. In München stehen Allianz, Münchner Rück und Siemens, Linde und BMW für Wohlstand aus Finanzen und Ingenieurwesen.

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In Berlin haben wir mit Alba, Dussmann, Piepenbrock, Gegenbauer, Berlin Recycling und BSR einen deutlichen Branchenschwerpunkt bei Müllbeseitigung und Mindestlohn. Das ist zumindest in einer Hinsicht eine gute Nachricht: Das Innovator’s Dilemma steht Berlin nicht im Weg, wenn man von der vollendeten Mülltrennung einmal absieht.

Laien mögen spotten, Historiker aber wissen: Von Vorkenntnissen nicht belastet zu sein, kann ein großer Vorteil sein. Wie am 21. Juli 1840 zwischen dem Anhalter Bahnhof und Jüterbog: An diesem Tag übertrumpfte bei einer Wettfahrt der Berliner Eisenbahn-Novize August Borsig mit seiner neuen Lokomotive das Lokomotiven-Original von George Stephenson aus Newcastle. Auch Siemens und Rathenaus AEG setzten als Gründer und Industrienovizen aus Berlin Maßstäbe in Telefonie und Elektrizität. Sie übertrafen die industriellen Vorbilder in Großbritannien und setzten sich für Jahrzehnte an die Spitze von Innovation und Wohlstand.

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