Clara Mayer gehört mit ihren 18 Jahren schon zu den prominenten Gesichtern der Fridays-for-Future-Bewegung in Berlin. Foto: Lisa Ducret/dpa
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Hinter den Kulissen von Fridays for Future Berlin Was die jungen Aktivisten treibt und wer sie sind

Die Schüler wollen wieder auf die Straße, am kommenden Freitag wird trotz Corona global gestreikt. Warum ist die Bewegung in Berlin besonders stark?

Blinkt das stumm geschaltete Handy mal wieder im Unterricht auf, muss sie flüstern oder sich rausschleichen. Die Lehrer sind schon genervt. Letztens stört die Deutsche Presse Agentur im Unterricht, Tage später ist es ein Fotograf einer Zeitschrift, der sie als Vertreterin von Fridays for Future ein Interview gegeben hat und der sie nun „in 15 Minuten“ zum Fotoshooting erwartet – von dem sie aber nichts weiß.

Ein anderes Mal muss sie sich aus Mathe aufs Klo verziehen, um einen ratlosen Lieferanten zu lotsen, der offenbar vor einem verschlossenem Geschäft steht, an dem er die bestellten Sticker und Flyer für die kommende Demo abgeben soll. Sie hat keine Ahnung, wie sie ihm von der Schultoilette aus helfen kann.

Lilith Reins junges und meist sehr fröhliches Gesicht, sie ist 17 Jahre alt, zeigt keine Spuren von Belustigung, als sie diese Geschichten erzählt. Sie wirkt eher wütend und ratlos zugleich: „Ich verkack’ hier mein Abi, weil ich total im Orga-Stress bin.“

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Auch Luis von Randow, 14 Jahre alt, der am Samstag vergangener Woche neben Lilith Rein auf der stoppeligen Wiese des Tempelhofer Felds sitzt, erzählt solche Geschichten. Letztens, als Klimaaktivisten dagegen demonstrierten, dass das Kohlekraftwerk Datteln 4 ans Netz geht, klingelt sein Handy. Er ist beim Familiengrillen im Garten der Großeltern, muss sich schnell entschuldigen, weil er, wie der Anrufer bettelt, „sofort eine Instagram-Story“ fertig machen soll.

Der Großvater war irritiert und hat die Dringlichkeit nicht verstanden. Doch im Grunde hat er in dieser Szene nur die fortschreitende Politisierung einer ganzen Schülergeneration am Beispiel seines Enkels beobachten können.

Der Klimawandel bewegt diese Jugendlichen – und macht sie hartnäckig, konsequent und ziemlich professionell.

Lilith und Luis gehören zur Fridays-for-Future-Bewegung, die sich mit Streiks während der Schulzeit weltweit für effiziente und schnelle Klimaschutzmaßnahmen einsetzt. Die Corona-Pandemie mit den wirtschaftlichen und sozialen Folgen hat die vielen geplanten Aktivitäten auf der Straße ausgebremst.

Lilith Rein und Luis von Randow sind Schuldelegierte und haben einen vollen Terminkalender, um die Orga-Arbeit zu schaffen. Foto: ale Vergrößern
Lilith Rein und Luis von Randow sind Schuldelegierte und haben einen vollen Terminkalender, um die Orga-Arbeit zu schaffen. © ale

Globaler Klimastreik ist am 25. September - auch in Berlin

Doch während der breiten Öffentlichkeit wohl vor allem noch die Debatten um das Schulschwänzen in Erinnerung sind, haben die Jugendlichen fleißig an ihrer Vernetzung und Organisation gebastelt.

Am kommenden Freitag wird man es sehen. Dann findet erstmals nach den großen Demonstrationen 2019 wieder ein globaler Klimastreik statt. Allerdings wird es aufgrund von Corona nicht wieder eine Groß-Demo geben, sondern verschiedene Aktionen, etwa eine Mahnwache vor dem Brandenburger Tor oder einen Fahrradkorso, alles mit Abstand, Masken und unter Einhaltung eines Hygienekonzepts.

Die Groß-Demos wurden von Corona ausgebremst, die Klimaaktivisten fürchten, dass vielen das Klimathema egal geworden ist. Foto: Christophe Gateau/dpa Vergrößern
Die Groß-Demos wurden von Corona ausgebremst, die Klimaaktivisten fürchten, dass vielen das Klimathema egal geworden ist. © Christophe Gateau/dpa

Das ist auch den jungen Veranstaltern wichtig, auf ihrer Webseite rufen sie dazu auf, sich an die Hygieneregeln zu halten. Der Rest der vielen Aktionen wird digital stattfinden.

Berlin wird aufgrund der zahlreichen Mitglieder in der Stadt dennoch eine herausragende Rolle an diesem Tag spielen. Allein dem Berliner Instagram-Account der Fridays folgen rund 37 000 Menschen, andere Städte wie Leipzig oder Düsseldorf kommen auf knapp 10 000.

Die Geschichten, die Lilith, Luis und andere erzählen, zeugen von einer großen Verantwortlichkeit, die sie körperlich spüren, und die sie dazu bringt, Regeln zu brechen und womöglich, im nächsten Schritt, auch zivilen Ungehorsam zu leisten. Viele dieser jungen Menschen sagen im Gespräch, dass sie eine Last tragen, die zu viele Erwachsene nicht tragen wollen, nämlich die der Überlebensfrage auf diesem Planeten.

Was Ursula von der Leyen sagt ist für die Schüler graue Theorie

Lilith, Luis und die anderen Fridays sehen in der Klimafrage eine Systemfrage, „es geht um soziale Gerechtigkeit“, sagt Lilith. Sie beziehen Stellung auch zur Situation der Geflüchteten in Moria oder solidarisieren sich mit der „Black Lives Matter“-Bewegung. „Wir können nicht nachhaltig leben, wenn unser System auf Ausbeutung aller Ressourcen gebaut ist und auf Ausbeutung ärmerer Menschen.“

Die Ankündigung einer Ursula von der Leyen, EU-Kommissionschefin, die Klimaziele zu verschärfen und beim CO2-Ausstoß bis 2030 um mindestens 55 Prozent unter den Wert von 1990 zu kommen, ist für die Jugendlichen graue Theorie.

Ansprache in Brüssel auch für mehr Klimaschutz: Ursula von der Leyen, EU-Kommissionspräsidentin. Foto: dpa Vergrößern
Ansprache in Brüssel auch für mehr Klimaschutz: Ursula von der Leyen, EU-Kommissionspräsidentin. © dpa

Die Fridaysbewegung in Berlin ist straff organisiert. An mehr als 100 Berliner Schulen gibt es Schülerdelegierte. Sie sammeln sich auf Bezirksebene und entsenden weitere Delegierte in die Landesebene. Diese Struktur ist unabhängig von den klassischen Schülervertretungen in den Schulen oder den Bezirks- und Landesschülervertretungen. Der Austausch findet über die sozialen Netzwerke statt.

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In Berlin wie anderswo sind die klimabewegten Schüler mit anderen Klima-Gruppen gut vernetzt, wie etwa „Extinction Rebellion“, „Ende Gelände“ oder dem Jugendrat der Generationen-Stiftung, der für einen Generationenrettungsschirm mobilisiert. Unterstützt wird Fridays for Future auch von zahlreichen Erwachsenengruppen, wie den „Wissenschaftlern for Future“ oder auch Eltern oder Großeltern for Future.

Der Gründer des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung, Hans Joachim Schellnhuber, sagte im Tagesspiegel über die Jugendbewegung: „Der Schulterschluss von Wissenschaft und Jugend beim Kampf für eine neue Gesellschaft, die nachhaltig wirtschaftet und lebt, ist wie ein Urknall. Wir brauchen diese Heldinnen und Helden, die noch nicht einmal volljährig sind.“

Gründer des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung, Hans Joachim Schellnhuber Foto: Armin Lehmann Vergrößern
Gründer des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung, Hans Joachim Schellnhuber © Armin Lehmann

Diese Minderjährigen sind an den eigenen Schulen gut organisiert – das ist ihre Basis. Doch hat sich grundsätzlich etwas verändert. Während vor zehn Jahren die Klima- und Umwelt-AGs in den Schulen selbst von Schülern noch eher belächelt wurden und nicht besonders frequentiert waren, sind sie heute die kleinsten Einheiten, aus denen heraus für die großen Demos mobilisiert und organisiert wird.

Luis von Randow sagt: „Wenn Leute die Schule verlassen, kommen immer neue nach.“ Lilith Rein ergänzt: „Es wird nicht aufhören, das ist sicher.“

Viele, die schon aus der Schule heraus sind, verschreiben sich der Bewegung ganz und gar, wie etwa Liliths und Luis’ Mitstreiterin Clara Mayer, 18 Jahre alt, die schon auf der Aktionärsversammlung von VW gesprochen hat oder bei Markus Lanz saß.

Im ZDF, als sie für eine Reportage Grünen-Ikone Hans-Christian Ströbele traf, sagte sie: „Wir haben gelernt, Technik zu koordinieren, mit Politikern und Journalisten zu sprechen, formal korrekte Briefe zu schreiben und darin unsere Forderungen zu artikulieren.“ Man habe mehr gelernt, als in allen Schuljahren kombiniert zusammen.

Clara Mayer auf einer Schülerdemo in Berlin. Foto: imago images / epd Vergrößern
Clara Mayer auf einer Schülerdemo in Berlin. © imago images / epd

Die Schule hilft als Versammlungsort, hier sieht man sich, kann man reden. Auch mit aktiver Unterstützung der Klima- oder Umwelt-AGs an Schulen, aus denen viele Schülerdelegierte stammen, hat die Berliner Fridays-Truppe Arbeitsgruppen für viele Themen installiert: für politische Kommunikation, Pressearbeit, Social Media, Strukturen, Mobilisierung, Material und Organisation oder auch für die Essensversorgung auf Demonstrationen.

Heimliche Parolen mit Sprühkreide vor der Schule

Der Aufwand neben der Schule ist hoch. In der Schule sind nicht alle begeistert. Luis und Lilith haben mit anderen Weggefährten zwiespältige Erfahrungen gemacht. Luis sagt, er sei nicht gerade mit offenen Armen für seine Streik-Aktivitäten empfangen worden, und Lilith findet: „Politischer Kampf stößt in der Schule sehr schnell an Grenzen und wird oft abgestraft und diskreditiert.“

Luis sprühte mit seinen Leuten schon heimlich mit Sprühkreide Parolen vor die Schule und verteilte auf dem Schulhof so lange Flyer, „bis wirklich jeder einen hatte“. Schließlich gelang es ihm, einen ganzen Bus mit Schülern seiner Schule vollzubekommen, um im September 2019 auf die große Demo zu fahren.

Luis von Randow kümmert sich vor allem um den Instagram-Account der Berliner Fridays Foto: Armin Lehmann Vergrößern
Luis von Randow kümmert sich vor allem um den Instagram-Account der Berliner Fridays © Armin Lehmann

Trotz der Erfolge beklagen beide die oft restriktive, kompromisslose Einstellung von Schulen im Allgemeinen. Und sie loben die Schulen, über die sie von anderen hören, die die Streiks als „außerordentliches Engagement“ für die Gesellschaft interpretieren und „damit auch würdigen“, wie Lilith und Luis finden.

Doch werde im Unterricht über Klimawandel diskutiert, dann „darf es oft nie politisch werden“. Politisch meint hier vor allem konfliktgeladene Diskussionen, die auch Lehrer schnell überfordern können. Lilith sieht hier den größten Widerspruch. Es werde ihnen beigebracht, welche Probleme es gebe und dass es um die Erde nun doch schon sehr schlecht bestellt sei.

FDP-Chef Lindner hat sich mit seinem Tweet keinen Gefallen getan

„Aber was wir jetzt dagegen konkret tun sollen und können, wird nicht gesagt.“ Außer, sie verdreht die Augen, es gehe um nachhaltiges Waschpulver, das ihnen eine Lehrerin empfahl.

Solche Erlebnisse prägen das allgemeine Gefühl, trotz des Engagements nicht ernst genommen zu werden.

Niemand hat diesen Eindruck so befeuert wie FDP-Chef Christian Lindner mit seinem Tweet: „Von Kindern und Jugendlichen kann man aber nicht erwarten, dass sie bereits alle globalen Zusammenhänge, das technisch Sinnvolle und das ökonomisch Machbare sehen. Das ist eine Sache für Profis …“

Auch Lehrer sind oft keine Profis, weder bei Klimafragen noch politischen Debatten. Und selbst wenn sie welche sind, sind sie zur politischen Neutralität verpflichtet. Viele fürchten, dass man ihnen politischen Aktivismus vorwirft, wenn sie politisch diskutieren.

Stephan Noth ist ein erfahrener Lehrer und kennt das Problem und den großen Frust der Schüler. In seiner Schule in Steglitz-Zehlendorf leitet er nebenbei seit elf Jahren die Klima-AG. Er sagt am Telefon, man habe sehr gut beobachten können, wie die Fridays-for-Future-Bewegung nicht nur die Politisierung der Schüler gepusht habe, sondern eben gleichzeitig deren Drang, auch nach außen zu treten, „also heraus aus der Schule“.

Die Schülerinnen und Schüler seiner AG haben etliche Projekte hinter sich, mit denen sie immer wieder Preise beim Klimawettbewerb der Berliner Schulen gewonnen haben. Legendär ist schon der jährliche CO2-Einsparwettbewerb aller zehnten Klassen.

Plakate kleben ist erlaubt, offizielle Schulkanäle nutzen verboten

Noch vor Corona hat die Schule auf Initiative der Klima-AG begonnen, mit Eltern, Lehrern, Schülern einen Klimaschutzplan für die Schule zu erstellen. Auf den Feldern Energie, Konsum, Mobilität werden konkrete Handlungsempfehlungen erarbeitet.

Doch Noth sagt: „Sowie unsere Projekte eine Außenwirkung für Schule oder Bezirk haben, gibt es Lob. Aber wehe, es geht um aktives politisches Engagement wie Streiks und Demoteilnahmen. Dann ist Schluss.“ Als die Klima-AG gerade für den europaweiten autofreien Tag am 22. September an der Schule auch Lehrer über den Vertretungsplan animieren wollte, hieß es: Das sei ein offizieller Kanal, sie sollten lieber Plakate kleben.

Lilith und Luis haben vor allem gelernt, dass politisches Engagement und die dazugehörige Organisation harte Arbeit sind. Gleichzeitig fragt Lilith sich öfter, ob sie noch die Noten schafft, die sie braucht, um später Jura zu studieren.

Lilith Rein macht unter anderem die Pressearbeit bei den Berliner Fridays und organisiert gerade einen Influencer-Tag. Foto: Armin Lehmann Vergrößern
Lilith Rein macht unter anderem die Pressearbeit bei den Berliner Fridays und organisiert gerade einen Influencer-Tag. © Armin Lehmann

Jetzt, wenige Tage vor der globalen Demo, soll sie noch eine Veranstaltung mit Influencern organisieren, diese sollen wiederum helfen, im Netz die Leute für den 25. September zu mobilisieren.

Luis musste seine Aktivitäten einschränken, wie er sagt, die Noten litten zu sehr. Jetzt kümmert er sich um den Berliner Instagram-Account der Bewegung, baut Storys, schneidet Videos zusammen und postet Aktionen und Informationen, etwa wie man Schuldelegierter wird oder sich in den Bezirken melden kann. Am Demo-Tag wird er auf einem Lautsprecherwagen sein und die Menge anfeuern und mit Infos versorgen.

Die Organisation der Fridays-Aktivitäten im Netz oder auf der Straße ist das eine, das Überwinden der eigenen Hemmungen, das Austarieren der eigenen Skrupel und Ängste das andere.

Das hat auch Hannah Pirot durchgemacht. Sie ist 16 Jahre alt und erzählt ihre Geschichte am vergangenen Samstag um 9 Uhr morgens im Schneidersitz auf einem Poller auf der Kreuzberger Admiralsbrücke. Der Weg, den sie gegangen ist, war „quälend“, wie sie sagt, hat ihr „schlaflose Nächte und heftige Diskussionen mit der Mutter eingebracht“; die sie aber unbedingt hinter sich wissen wollte.

Heute ist sie stolz auf sich, anfangs zweifelte sie und dachte: „Ich stürze dann in der Schule total ab, bekomme viel Ärger.“ Die Mutter sah bereits das Abitur in Gefahr. Hannah lacht heute darüber und sagt, „es ging gleich ums Ganze“.

Als sie zu Beginn des Jahres 2019 erstmals von Freunden auf die Fridays gestoßen wird, weiß sie wenig über den menschengemachten Klimawandel. Die Vorträge und Reden, die sie dann hört, sowie die Hintergründe, die sie sich anliest, sind zunächst „ein Angstschock“.

Hannah Pirot ist Schülerdelegierte in Kreuzberg und engagiert sich in verschiedenen Teams der Bewegung. Foto: privat Vergrößern
Hannah Pirot ist Schülerdelegierte in Kreuzberg und engagiert sich in verschiedenen Teams der Bewegung. © privat

Aber dann spürt sie auf der ersten großen Demo in Berlin mit 5000 Teilnehmern ein Gemeinschaftsgefühl und beschließt, wie sie erzählt: „Das ist die Sache, auf die du gewartet hast, für die es sich zu kämpfen lohnt.“ Sie habe sich plötzlich verantwortlich gefühlt und fand, dass sie unmöglich nichts tun könne.

Gleichzeitig ist da der Kampf mit sich selbst, ihrem polternden schlechten Gewissen und mit einigen Lehrern, die sie wie eine unsympathische Rebellin behandeln. Eine sagt zu ihr: „Demonstrier doch Samstag, dann ist alles gut.“ Als die Mutter überzeugt ist, beschließt sie: „Ziviler Ungehorsam ist wichtig.“

Ziviler Ungehorsam - wie weit ist man bereit zu gehen?

Sie streikt fortan regelmäßig. Schließlich kommt der Informatiklehrer auf sie zu und sagt, er könne sie nur bewerten, wenn sie mindestens 40 Prozent der Zeit anwesend ist, sie habe aber nur 20 Prozent erreicht. Sie fragt sich, ob sie dann trotz guter anderer Noten womöglich die 10. Klasse gar nicht bestehen kann.

Die Gewissensfragen, mit denen sich die Jugendlichen beschäftigen, sind groß. Und Teil ihrer Politisierungserfahrung. Hilfe kommt hier von den älteren Aktivisten, etwa Extinction Rebellion. In deren Handbuch „Wann wenn nicht wir“ wird die Frage des zivilen Ungehorsams ausführlich behandelt. So heißt es einerseits: „Regeln zu brechen, verschafft euch Aufmerksamkeit und zeigt der Öffentlichkeit…, dass ihr es ernst meint und furchtlos seid.“ Andererseits wird klar eingefordert: „Es muss gewaltfrei bleiben!“

Hannah Pirot ist das Risiko in der Schule eingegangen, aber sie macht sich intensiv darüber Gedanken, wo sie ihre Grenzen des zivilen Ungehorsams zieht. Sie sagt: „Ich möchte jetzt keine Vorstrafen riskieren, dann könnte ich vielleicht bestimmte Berufe gar nicht ausüben.“ Sie versucht, abzuwägen. Doch sie spürt da auch einen Drang, mehr Risiko zu gehen. Sie fragt sich: „Würde ich mich auf Demos auch irgendwo anketten lassen?“ Die Antwort ist offen, Argumente hat sie aber schon gesammelt.

Hannah Pirot beim Interview auf der Admiralsbrücke in Kreuzberg. Foto: ale Vergrößern
Hannah Pirot beim Interview auf der Admiralsbrücke in Kreuzberg. © ale

Erstens: „Ist nicht großes Unrecht von denen begangen worden, die diese Klimakrise zugelassen haben?“

Zweitens: „Warum soll ich brav in der Schule lernen, wenn die Welt untergeht.“

Bevor Corona vieles ausbremst, gehört Hannah zum Versorgungsteam. Sie macht Termine mit Bäckereien, überredet diese zu Spenden, holt mit zwei Freunden dann die großen Säcke voller Brot und Gebäck ab, schleppt sie durch die Berliner S- und U-Bahn zu den jeweiligen Demo-Treffpunkten.

Doch der Orga-Druck ist nichts gegen den Druck der Tatsachen, die die Erderwärmung beschreiben. Diese Fakten besagen etwa, dass das 1,5-Grad-Ziel von Paris kaum noch erreichbar ist, dass es sehr bald Hunderttausende Klimaflüchtlinge geben könnte. Dann wäre Moria Alltag wie auch die Feuersbrünste in Kalifornien.

Doch die derzeit größte Angst der Klimaaktivisten ist: dass die Coronapandemie mit ihren wirtschaftlichen und sozialen Folgen die Klimarettung völlig aushebeln oder am Ende sogar unmöglich machen könnte.

Hannah ist sich mit ihren 16 Jahren über die möglichen psychischen Folgen sehr bewusst. Sie kennt andere, die depressiv geworden sind. Sie sagt: „Wir helfen uns da selbst.“ In der Fridays-for-Future-Bewegung werden regelmäßig Workshops angeboten, um die eigene Widerstandsfähigkeit zu stärken und um zu lernen, dass man trotzdem „glücklich sein darf“, wie es Hannah formuliert. Auch die Psycholog*innen for Future unterstützen sie. Hannah sagt lachend: „Wir haben übrigens auch eine eigene Awareness-AG.“

Doch die eigene Bewusstseinsmachung führt immer häufiger zum radikalen Hinterfragen der Antworten Erwachsener. Letztens diskutiert Hannah im Abgeordnetenhaus mit Vertretern verschiedener Parteien. Ein Grünen-Abgeordneter lobt, die Jugendbewegung habe ihn dazu gebracht, sich zu trauen, die autofreie Innenstadt zu fordern.

Hannah ist erst erfreut, denkt: „Hey, das ist doch ein Erfolg.“ Später als sie wieder zu Hause ist, hinterfragt sie den Satz. Sie sagt darüber: „Wir haben offenbar erreicht, dass über unsere Forderungen gesprochen wird. Aber mehr auch nicht.“

Auf der Straße fühlen sie sich frei und stark - in der Schule wird gebremst

Umso länger sie darüber nachdenkt, was sie erlebt, umso wütender wird sie. Vor einigen Wochen ist sie bei einer digitalen Konferenz der Vereinten Nationen (UN) Gast: „Jeder zweite Satz hat lautete, wir müssen handeln. Aber es wird nicht gehandelt.“ Dem eigenen Handeln der Schüler sind enge Grenzen gesetzt. Auf der Straße erleben sie die Kraft der freien Meinungsäußerung, in der Schule aber sollen sie vor allem projektbezogen agieren. Das ist für viele ein Widerspruch, den sie immer mehr thematisieren.

In Steglitz-Zehlendorf sind beispielsweise die Klimaretter-AG des Droste-Hülshoff-Gymnasiums ebenso wie die Klima-AG des Goethe-Gymnasiums Institutionen in der Szene. Die Klima-AG hat schon für alle Schulen in Steglitz-Zehlendorf einen Klimakongress organisiert – und ist damit bewusst aus der Schule nach außen getreten.

Ella Engeli geht auf die Lichterfelder Goethe-Schule und engagiert sich dort in der Klima AG. Foto: ale Vergrößern
Ella Engeli geht auf die Lichterfelder Goethe-Schule und engagiert sich dort in der Klima AG. © ale

An einem Freitag nach der Schule sitzen Johanna Schoele und Paul Eisenhardt vom Droste sowie Ella Engeli vom Goethe noch auf dem Schulhof zusammen. Alle sind bei den Fridays aktiv. Sie sind sich einig darüber, dass die eigenen schulinternen Projekte „zur Mobilisierung der Bewegung total wichtig sind“. Dass sie aber auch spalten können.

Ella ist 17 Jahre alt und geht in die 12. Klasse. Sie hat erlebt, wie irritiert Lehrer, Schüler und Eltern waren, als die Klimagruppe auf den Widerspruch aufmerksam machte, dass man einerseits zertifizierte Klimaschule sei, andererseits aber mit dem Flugzeug auf Klassenreise geht.

Klima als Querschnittsfach wäre eine gute Idee

Die Diskussion und die Abstimmungen über den Antrag auf Flugreisen zu verzichten, trafen den Kern auch der allgemeinen gesellschaftlichen Auseinandersetzung, die jeder kennt: Wie weit bin ich selbst bereit zu gehen. Ella erinnert sich an Gespräche mit Mitschülern, Freunden, die entgeistert fragten: „Wollt ihr gar keinen Spaß?“ Am Ende setzt sich die Klima-AG durch. Ella findet: „Wir haben auch an den Schulen genug zu tun, wenn wir für unsere Ziele kämpfen.“

Am Droste-Gymnasium veranstaltet die Klimaretter-AG jedes Jahr einen großen Projekttag für die ganze Schule; mit einem Erklärvideo, wie man einen solchen Tag organisiert, hat die AG 2018/2019 den landesweiten Schulwettbewerb gewonnen. Doch wichtiger ist Johanna, 17 Jahre alt, und Paul, 14 Jahre alt, dass „bei uns das Thema in vielen unterschiedlichen Fächern beachtet wird“. Ideal wäre, finden beide, ein eigenes Unterrichtsfach, in dem das Thema aus verschiedenen Richtungen angegangen wird, wirtschaftlich, sozial, technisch.

Paul Eisenhardt geht auf das Droste-Hülshoff-Gymnasium in Zehlendorf und engagiert sich in der Klimaretter AG. Foto: ale Vergrößern
Paul Eisenhardt geht auf das Droste-Hülshoff-Gymnasium in Zehlendorf und engagiert sich in der Klimaretter AG. © ale

Auch Johanna, Paul und Ella haben sehr persönliche Entwicklungen durchlebt. Johanna, die in die 12. Klasse geht, drückt es so aus: „Ich habe mich getraut und dann gemerkt, ich kann was tun.“

Aber das, was es mit ihr gemacht hat, ist schon schwieriger für sie zu formulieren. „Ich war das typisch brave Schulmädchen, ich wusste nicht, ob es schlimm ist, wenn ich streike und schwänze.“

Johanna ist in der siebten Klasse, als sie zum ersten Mal den Projekttag der Klimaretter-AG erlebt und sie ist „sofort begeistert“ und schließt sich der AG an. Sie hat auch Projekte gemacht, die man wohl von solchen Gruppen erwartet: Mülltrennung, Recycling, Veggie Day, nachhaltige Cafeteria. Alles verändert hat sich für sie, als Greta Thunberg, schwedische Pionierin der Schulstreiks am Freitag, auftauchte. Fortan traute sich Johanna, auf Demos zu gehen und Regeln zu brechen.

Johanna Schoele geht auf das Zehlendorfer Droste-Hülshoff-Gymnasium und arbeitet in der Klimaretter AG mit. Foto: ale Vergrößern
Johanna Schoele geht auf das Zehlendorfer Droste-Hülshoff-Gymnasium und arbeitet in der Klimaretter AG mit. © ale

Und dennoch quälte sie immer eine Frage, der einen Leistungsgedanken implizierte: „Bin ich mit dem, was ich mache, politisch genug?“

Die Schule, das war immer die wirklich wichtige Institution im Leben, in der man zu funktionieren habe. Es war so gewesen, als gehöre Schule nicht zum Leben da draußen. Doch jetzt hat sie sich dank der Fridays doch noch als Schule fürs Leben entpuppt. Und Johanna findet, dass sie alle mit ihrem Tun bei den Fridays „auf der staatlichen Ebene angekommen sind“. Sie sind jetzt selbst Politik.

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