Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland
Viele stehen bereit: Freiwillige bieten am Hauptbahnhof Tag für Tag ihre Hilfe an, um ukrainische Flüchtlinge aufzunehmen. Foto: REUTERS/Fabrizio Bensch
© REUTERS/Fabrizio Bensch

Hilfe für die Menschen aus der Ukraine Was man bei der Aufnahme Geflüchteter beachten muss

Der Einsatzwille der Menschen für Ukraine-Flüchtlinge ist groß. Doch gut gemeint ist nicht immer gut. Was man beachten muss, wenn man jemanden aufnimmt.

Wenn sich jemand in Berlin mit der Unterstützung für Geflüchtete auskennt, dann ist es Diana Henniges, Gründerin von „Moabit hilft“, heute längst hauptamtlich dort beschäftigt und auch als Dozentin sowie Beraterin tätig. So viele Menschen sind jetzt ergriffen von Krieg und Flucht, dennoch sollte man als Helfer:innen einiges beachten, wie Henniges empfiehlt. Gerade sollten Menschen etwa nicht wahllos mit Hilfskonvois zur Grenze starten, denn an der von Polen in die Ukraine gebe es einen Auto- und LKW-Stau.


GEBEN, ABER RICHTIG
Bitte vorausschauend und nicht über den Bedarf hinaus sammeln, rät Henniges: „Bitte nicht den hundertsten Schneeanzug für Kinder spenden, es wird bald Frühling. Gebraucht würden BVG-Tickets, für die erfahrungsgemäß anstehenden, vielen Behördengänge.


DIE PANDEMIE IST NICHT VORBEI
Viele Menschen sind im Ausnahmezustand, zuallererst die Geflohenen. Aber auch die Helfenden, mit einem nie erahnten Krieg quasi um die Ecke. Dennoch: „Zum Alltag gehört, dass auch die Pandemie noch nicht vorbei ist“, sagt Henniges. Es kämen viele Menschen, die nicht geimpft seien. „Bitte daran denken, mindestens einen Schnelltest zu machen.“ Und auch Helfende können andere anstecken.


NICHT NAIV AGIEREN
So sehr die Bilder aus dem Krieg aufwühlen und viele am liebsten ihr letztes Hemd geben würden, es solle bitte niemand die Sicherheitsregeln des normalen Alltagslebens über Bord werfen.



[Für alle, die Berlin schöner machen, gibt es den Tagesspiegel-Newsletter „Ehrensache“. Er erscheint immer am zweiten Mittwoch im Monat. Hier kostenlos anmelden: ehrensache.tagesspiegel.de.]


Henniges hat gerade eine junge Frau erlebt, die alleine lebt und gleich vier junge, ihr völlig fremde Männer aufnehmen wollte. „Sie würden ja auch nach einer Diskonacht eher nicht einfach drei Männer mit nach Hause nehmen“, gibt die Hilfe-Erfahrene zu bedenken. Oder da ist der Mann, der einzig und allein Männer um die Zwanzig aufnehmen will. Es kommen jetzt viele junge Frauen mit Kindern an, und es gebe leider auch Aufnahmewillige mit schlechten Absichten, das sollten die Vermittelnden im Kopf haben.


AUFNEHMEN - MEHR ALS EINE WG

Die Hilfe-Expertin freut es natürlich, wie viele Geflüchteten-Unterstützer:innen, dass jetzt so viele Menschen Ukrainer:innen bei sich zu Hause aufnehmen wollen. Doch Hilfe-Neulinge sollten Henniges’ Erfahrung nach einige Dinge mit bedenken, damit das Wohnverhältnis klappt. „Komme ich damit klar, dass eine Mutter tage-, wochen- und monatelang weinend oder depressiv auf den Anruf ihres Mannes wartet, der nicht kommt? Dass das Kind vielleicht jede Nacht einnässt? Dass ein Mann früh morgens immer durch die Küche pilgert, weil er nicht mehr schlafen kann?“ Der Krieg kommt mit seinem Leid noch näher ins Leben. Es kann trotzdem wunderbar gut gehen, nur im Kopf haben müsse man es. Auch Geld könne fehlen, viele Behördengänge stehen an.


[Wenn Sie alle aktuellen Nachrichten live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]


IMMER DIESE ERWARTUNGEN
Aus der Geflüchtetenhilfe seit 2015 weiß Henniges, dass gut gemeint nicht automatisch immer gut sein muss. „Viele Helfende stülpen den Geflüchteten ihre eigenen Erwartungen über.“ Dabei sei es wichtig, den Menschen und ihren Bedürfnissen Raum zu lassen. Einfache, aber wichtige Fragen sind: Haben Sie, hast Du da gut geschlafen? Was brauchst Du oder brauchen Sie? Erfahrungsgemäß werden sich auch viele Menschen erst nach einer langen Zeit auf Berlin und Deutschland einlassen, zuerst alles halbherzig machen, weil das Gefühl und der Wunsch da ist: Ich will ja wieder zurück.

Hat Erfahrungen seit 2015/16 in der Flüchtlingshilfe: Diana Henniges, Gründerin von Moabit hilft e.V. Foto: Kai-Uwe Heinrich Vergrößern
Hat Erfahrungen seit 2015/16 in der Flüchtlingshilfe: Diana Henniges, Gründerin von Moabit hilft e.V. © Kai-Uwe Heinrich

Und der Helfende sollte eigene Grenzen beachten, sich Ruhepausen und Abstand gönnen. Und, sofern Sprachkenntnisse das ermöglichen, bitte keine Fragen stellen wie: „Sie haben sicher Schlimmes erlebt! Was denn genau?“ Das kann Traumata wieder hochholen. Sondern das Gefühl geben: Jetzt sind Sie in Sicherheit.


BITTE OFFEN SEIN
Etliche Berliner:innen und Brandenburger:innen haben nach Erfahrung von Henniges das Klischee im Kopf, alle Ankommenden seien europäisch vertraut aussehend. Aber auch in der Ukraine lebten viele Nationen, und jeder Mensch hat Humanität verdient.


[Ukraine-Hilfe im Kiez - immer wieder Thema in den bezirklichen Newslettern vom Tagesspiegel, ganz unkompliziert und kostenlos bestellen unter leute.tagesspiegel.de]

Jetzt kostenlos bestellen


KEINE KINDER ALLEIN AUFNEHMEN
Minderjährige, unbegleitete Kinder und Jugendliche – sie sind absolut schutzbedürftig und dürfen nicht von irgendjemandem mit nach Hause genommen werden. Die Clearingstelle des Landesjugendamtes muss sie aufnehmen – bitte die Polizei anrufen, wenn ein Kind auffällt (Kontakt per Mail an: umf-lja@senbjf.berlin.de).


RECHTLICHE TIPPS
Der Verein „Moabit hilft“ ist erfahren in der Rechtsberatung. Bitte nicht für Ukrainer:innen Asyl beantragen, das bringt Nachteile, die Aufnahme wird anders vom Bund geregelt. Hier der Kontakt zu Moabit hilft e.V., Turmstr. 21, Haus R, 10559 Berlin, jeweils Montag bis Freitag 11 - 16 Uhr, Telefon 030 35057538, Email: info@moabit-hilft.com. Im Internet steht auch eine exakte Spendenberdarfsliste.


AUCH MIT ENTTÄUSCHUNGEN UMGEHEN
Diana Henniges hat es wie andere erlebt, dass sich jemand, um den sie sich gekümmert hat, nie wieder meldete. Oder dass ein junger Mann den Sohn des Hauses negativ beeinflusste. „Es gibt Misserfolgs- und Erfolgsgeschichten“, sagt sie. Aber nicht verzagen, meint sie, die positiven Erlebnisse überwiegen.

Zur Startseite