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U-Bahnhof Rotes Rathaus. Foto: Paul Zinken/dpa
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Herausforderung U-Bahnhof „Ein gutes Gebäude muss sich gut anfühlen“

Oliver Collignon

Der Berliner Architekt über die gestalterischen Herausforderungen für den U-Bahnhof „Rotes Rathaus“.

Wir wussten von Anfang an, dass es eine besondere Herausforderung werden würde, mit dem Entwurf und dem Bau eines U-Bahnhofes an dieser Stelle der Bedeutung des Ortes gerecht zu werden. Hier, in der Mitte der Mitte Berlins, steht gleichsam die Wiege der Hauptstadt. Archäologen hatten genau hier kurz zuvor die Reste des Rathauses aus dem 14. Jahrhundert freigelegt.

Der gotische Backsteinbau hatte den Rat der Stadt beherbergt, er diente aber auch als Kauf- und Tuchhaus und für Glücksspiel. Eine Gerichtslaube grenzte an. Die Archäologen hatten den Blick in die Vergangenheit der Stadt freigelegt.

Gleich nebenan erhebt sich imposant die Gegenwart: das Rote Rathaus aus dem Jahr 1869, ein Wahrzeichen der Hauptstadt, Dienstsitz des Regierenden Bürgermeisters und Tagungsort des Senats von Berlin. Ein einzigartiger Ort und historisches Symbol des Berliner Bürgertums. Es war klar, dass hier etwas entstehen muss, das der Vergangenheit wie der Gegenwart gerecht werden muss – und in die Zukunft ragt.

Oliver Collignon, Architekt des Bahnhofs "Rotes Rathaus". Foto: Promo Vergrößern
Oliver Collignon, Architekt des Bahnhofs "Rotes Rathaus". © Promo

Gotische Technik in moderner Form findet sich im U-Bahnhof wieder

Mich haben die gotischen Bögen des Kreuzgewölbes der Tuchhalle des alten Rathauses inspiriert. Diese klare, baulich wie ästhetisch überzeugende gotische Technik sollte, übersetzt in eine moderne Form, ein prägendes Gestaltungselement des neuen Bahnhofes werden. Die tragenden Säulen in der Mitte des Bahnhofes haben mächtige pilzkopfartige Kapitelle in Form ellipsenförmiger Parabeln und funktionieren ähnlich wie die Tragwerke der gotischen Baumeister. Sie sammeln gleichsam die Kräfte des darüber lagernden Gewichts.

So ist es möglich, dass zwischen den Gleisen ungewöhnlich wenige und schlanke Säulen stehen. Diese Pilzkopfstützen lassen die imposante Bahnhofshalle als einen Raum wirken und wirken wie große Skulpturen. Die Berliner Senatsbaudirektorin Regula Lüscher nannte den Bahnhof am Tag des Richtfests einen „großartigen Raum, eine Kathedrale.“

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An der Seite zum historischen Rathaus soll nach unserem Entwurf eines Tages ein „archäologisches Fenster“ den Blick auf die Reste der alten Tuchhalle freigeben. Dann wird der architektonische Bezug noch klarer. Quasi im Vorübergehen wird den vorbeieilenden Fahrgästen damit ein eindrucksvoller Blick in die Vergangenheit der Stadt ermöglicht. Matthias Wemhoff, der Direktor des Berliner Museums für Früh- und Vorgeschichte, freut sich, dass sich auf diese Weise die architektonischen Wurzeln des alten Berlins in die Zukunft hinein verlängern.

Vor einiger Zeit, noch im Bau: Die Station "Rotes Rathaus". Foto: picture alliance/dpa Vergrößern
Vor einiger Zeit, noch im Bau: Die Station "Rotes Rathaus". © picture alliance/dpa

Die Lage des neuen Bahnhofs stellte mich als Architekt vor einige Herausforderungen. An diesem geschichtsträchtigen Ort befinden sich verschiedenste Funde der Archäologen, die erhalten bleiben sollten. Dies verlangte, dass der Bahnhof so kompakt wie möglich geplant werden musste. An seiner schmalsten Stelle reicht er bis auf drei Meter an das Rote Rathaus heran. Schlitzwände mussten 30 Meter tief in das Erdreich getrieben, und es musste sichergestellt werden, dass der politische Betrieb in der Berliner Regierungszentrale in der mehrjährigen Bauzeit nicht erschüttert wurde. Die Einhausungen der Aufzüge zum unterirdischen Bahnhof unmittelbar vor dem Roten Rathaus sind transparent und stören den Blick auf die Rathausfassade nicht.

Schwung und Dynamik des Reisens unter der Erde wird dargestellt

Transparenz auch im U-Bahnhof selbst: Um zum jeweils anderen Bahnsteig zu gelangen, queren die Fahrgäste eine von zwei Zwischenebenen mit schräg stehenden Glaswänden, die den Blick freigeben auf die imposante Halle mit ihrer geradezu festlichen Ausstrahlung.

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Die Trasse der U-Bahn-Schienen im Bahnhof verläuft leicht kurvig und im Gefälle – und damit auch die Bahnsteige. Dieser aus der Einmaligkeit des Ortes geborene Umstand unterstützt den Charakter, den ich dem U-Bahnhof verleihen wollte. Er spiegelt den Schwung und die Dynamik des Reisens unter der Erde wider. In der Planung führten diese Vorgaben der Trasse dazu, dass komplexe geometrische Themen gelöst werden mussten.

Ich bin fasziniert von der Dynamik der unterirdischen Bewegung des Verkehrs. Für mich ist der U-Bahnhof Teil dieser Bewegung. Die Bahnen gleiten rein und raus, vernetzen die Menschen der Stadt. Der Mensch ist Teil dieser Bewegung. Der Weg führt ihn von oben nach unten und dann weg durch einen Tunnel an einen anderen Ort, wo ihn wieder etwas ganz Neues erwartet. Es ist ein Fluss. Und es soll ein Erlebnis sein. Ich habe nicht den Plan gehabt, dass der Bahnhof ein Schauspiel wird. Das eigentliche Drama ist die Dynamik des Verkehrs, die Bewegung. Diesem Erlebnis des Fahrgastes soll meine Architektur folgen. Diese Dynamik drückt sich in der Gestaltung aus, in den Schrägen und den Rundungen der Wände und Stützen.

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Für mich ist ein U-Bahnhof weit mehr als nur eine Funktion in einer Verkehrsinfrastruktur. Die Menschen, die ein Gebäude nutzen und betrachten, sollen sich wohlfühlen damit. Ein gutes Gebäude muss sich gut anfühlen. Den Einstieg in den Untergrund haben wir als ein unterhaltsames Wechselspiel von Hell und Dunkel gestaltet.

Beim Eintritt in die Unterwelt erwartet die Reisenden dann ein U-Bahnhof, der nicht den üblichen Sehgewohnheiten entspricht. Anthrazitfarbene Terrazzo-Platten an den Wänden geben dem Transitraum eine ganz eigene Identität und eine edle Ausstrahlung. Die Wände wie die kunstvolle Beleuchtung bringen Wärme und vermeiden die oft übliche Nüchternheit von Bahnhöfen.

Die Räume und Gänge, in denen sich die Fahrgäste künftig zum Bahnsteig bewegen, sind ausgerundet und unterstützen das Gefühl von „Fluss“. Die Menschen sollen gern in diesen Bahnhof hinabsteigen und sich dort auch gern aufhalten. So haben wir mit klaren, reduzierten Formen, die ich in meiner Architektur gern verwende, ein Bauwerk geschaffen, in dem die Orientierung leicht fällt, das Ruhe und Dynamik gleichzeitig vermittelt. Verbunden mit einem Bezug auf das historische Berlin, das nebenan noch in der Erde schlummert.

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