Wohnen in Berlin-Mitte ist für viele unbezahlbar - Berlin verliert zehntrausende Einwohner ans Umland. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa
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Hauptstadt fehlen 145.000 Wohnungen Mieten in Berlin steigen kaum im Vergleich zum Vorjahr

Trotz der stagnierenden Mietpreise bleibt der Markt angespannt: Jeder zehnte Single-Haushalt gibt die Hälfte des Einkommens fürs Wohnen aus. Auch die Kaufpreise steigen rasant.

Wer eine Wohnung in Berlin mieten möchte, musste im Durchschnitt 10,45 Euro je Quadratmeter im Monat bezahlen – und in der Innenstadt „flächendeckend 12 Euro“.

Das sind zwar nur ein paar Cent mehr als im vergangenen Jahr. Einen Zusammenhang mit der Einführung des Mietendeckels sehen die Verfasser des wichtigsten Berichtes über den Wohnungsmarkt von der landeseigenen Förderbank IBB aber nicht. Der Markt bleibe angespannt.

Die Mieten stiegen schneller als die Einkommen

Am deutlichsten ist die wachsende Wohnungsnot abzulesen an der Entwicklung der letzten fünf Jahre: In dieser Zeit stiegen zwar die Einkommen in der Stadt um fünf Prozent, doch dreimal schneller stiegen die „ortsüblichen Vergleichsmieten“ bestehender Mietverträge: um 15 Prozent.

Die Bevölkerung wuchs schneller als der Bestand an Wohnungen

Wenn wenigstens viele Wohnungen zusätzlich auf den Markt kämen, wäre Entspannung zu erwarten. Doch das Gegenteil ist der Fall: Der Bestand an Wohnungen wuchs zwar um drei Prozent, die Bevölkerung allerdings noch schneller, um fünf Prozent.

Bausenatorin Lompscher: "Wir sind gut gerüstet"

Berlins Senatorin für Stadtentwicklung Katrin Lompscher (Linke) sieht die Baupolitik dennoch auf einem gutem Weg: „Wenn die Zahlen im Neubau bei 16.700 Wohnungen jährlich bleiben, sind wir gut gerüstet für den Abbau der Knappheit“ am Wohnungsmarkt.

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Es sei zwar „einerseits bedauerlich“, dass die Zahl der genehmigten Neubauwohnungen zurückgegangen sei.

Andererseits würden zurzeit so viele Wohnungen wie seit Jahren nicht mehr gebaut.

IBB-Chef Jürgen Allerkamp zufolge fehlen allerdings „weiterhin rund 145.000 Wohnungen in der Stadt, die durch weiteren Wohnungsbau entstehen müssen“. Diesen Mangel deckt der Neubau nicht, da die Bevölkerung weiter wächst.

Lompscher konzentriert sich auf Bau von günstigen Wohnungen

Lompscher hat vor allem das Angebot der günstigen Wohnungen im Auge. Seit Einführung der neuen Wohnraumförderung seien 3200 Sozialwohnungen fertig gestellt worden – und 11.700 gefördert.

Durch den Neubau will sie das Angebot an subventionierten Mietwohnungen in der Stadt stabil halten bei „um die 100.000“ Objekte.

Immer mehr Sozialwohnungen fallen aus Mietpreisbindung

Seit Jahren fallen allerdings mehr Sozialwohnungen aus der Mietpreisbindung raus, weil der Förderzeitraum abgelaufen ist, als die sechs landeseigenen Gesellschaften bauen oder kaufen können. Private Firmen sind in diesem Markt praktisch nicht tätig.

Das Umland wächst

Laut Wohnungsmarktbericht der Förderbank IBB nahm Berlins Bevölkerung im Jahr 2018 um 31.300 Einwohner zu. Im vergangenen Jahr nahm der Zuzug etwas ab auf rund 20.000 wie das Amt für Statistik gemeldet hatte.

Stärker als Berlin wächst laut IBB-Bericht das Umland der Stadt: um 5,5 Prozent gegenüber fünf Prozent in Berlin. Das Umland profitiert dabei auch stark vom Zuzug von Berlinern.

Vor allem Junge ziehen nach Berlin

Gut möglich, dass vor allem Familien mit Kindern wegen der hohen Mieten in den Speckgürtel ziehen.

Dem Verfasser des Berichts, Arnt von Bodelschwingh, zufolge wächst Berlin überwiegend, weil viele 18- bis 30-jährige herziehen.,

„Studierende, Auszubildende, young professionals und zum Teil auch junge Familie mit kleinen Kindern“.

Die 30- bis 45-Jährigen dagegen tragen kaum noch zum Bevölkerungswachstums der Stadt bei. „Bei allen Altersgruppen über 45 Jahre gibt es Verluste“.

Hohe Preise schrecken ab

Gut möglich, dass die hohen Preise von Wohnungen und Häuser die Ursache dafür sind.

Fast jeder Zehnte, der alleine in Berlin lebt, gibt mindestens die Hälfte seines Nettoeinkommens für die Miete aus. Und die Kosten von Strom und Wärme kommen noch obendrauf.

28,2 Prozent geben Berliner fürs Wohnen aus

Im Durchschnitt zahlen die Berliner 28,2 Prozent ihres Nettohaushaltseinkommens fürs Wohnen. Besonders belastet sind Berliner, die ihre Wohnung nach dem Jahr 2015 gemietet haben.

Dass es in der Stadt an Familiengerechten Wohnungen fehlt, zeigt auch diese Zahl: 33.000 Haushalte leben mit drei und mehr Personen in Zwei-Raum-Wohnungen.

Nur ein geringer Anstieg gegenüber dem Vorjahr

Die berlinweite Angebotsmiete von 10,45 Euro je Quadratmeter entspricht einem Anstieg gegenüber dem Vorjahr von lediglich 13 Cent je Quadratmeter, was 1,3 Prozent entspricht.

Jede zehnte Wohnung wurde für unter 7 Euro angeboten, was einem leichten Anstieg gegenüber dem Vorjahr gleichkam (2018: Neun Prozent). 

Genossenschaften vermieten unter dem Durchschnitt

Dabei handelt es sich weit überwiegend um Objekte aus dem Bestand der sechs landeseigenen Wohnungsunternehmen. Auch Genossenschaften vermieten „deutlich unter dem Durchschnitt“, so Bodelschwingh: für 7,23 Euro je Quadratmeter durchschnittlich.

Immobilienpreise steigen 

Dagegen steigen die Immobilienpreise mit unvermindertem Tempo. Wer in der eigenen Wohnung leben will, musste im vergangenen Jahr erneut rund zehn Prozent mehr ausgeben für das Eigenheim: Durchschnittlich fast 550.000 Euro (2018: 500.000).

Coronakrise wird sich auf Wohnungsbau auswirken

Eigentumswohnungen kosten im Durchschnitt 4777 Euro je Quadratmeter (2018: 4368 Euro) – in Neubauten sogar 6000 Euro.

Zur Frage, wie sich die Corona-Epidemie auf den Wohnungsmarkt auswirken wird, sagte Senatorin Lompscher: "Das wird nicht ohne Spuren am Neubau vorbeigehen". Sie sei aber zuversichtlich, dass die Krise "nicht allzu lange anhält".

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