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In den vergangenen Jahren wurde das Märkische Viertel grundsaniert. Foto: Thilo Rückeis
© Thilo Rückeis

Günstig im Vergleich mit anderen Linien Warum die U8 in Berlin nicht verlängert wird

Versprochen wurde die U-Bahn-Anbindung des Märkischen Viertels schon 1971. Passiert ist bisher nichts. Wieso?

Seit gut 50 Jahren wurde den Bewohnern des Märkischen Viertels (MV) eine U-Bahn versprochen. Seit Dienstag steht nun fest: Daraus wird nichts. Vier Verlängerungen von U-Bahnen wurden untersucht, lange drei Jahre.

Die U8 ins MV belegte dabei nur den dritten Platz. Gewonnen haben die beiden Enden der U7, zum BER und nach "Heerstraße Nord" der Rudolf-Wissell-Siedlung in Spandau. Komplettiert wird die Niederlage für den Bezirk Reinickendorf mit dem Aus für eine U6-Anbindung zum ehemalige Flugfeld Tegel, auf dem die "Urban Tech Republic" entstehen soll.

Erstellt wurden die Machbarkeitsstudien von Planern der BVG im Auftrag des Senats, es wurden Vor- und Nachteile abgewogen. Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) will nun – in die Tiefe gehende – so genannte Kosten-Nutzen-Untersuchungen (KNU) beauftragen für die beiden Enden der U7. Darin wird der volkswirtschaftliche Nutzen ermittelt, nur wenn das Ergebnis positiv ist, gibt es Geld vom Bund. Berlin müsste nur etwa 25 Prozent der Baukosten tragen.

Für U8 und die U6 wird es eine solche KNU nicht geben, eine politische Entscheidung der Koalition. Vor allem Grüne und Linke waren bislang gegen neue U-Bahnen. Und natürlich ist es eine Geldfrage.

Zwar ist die U8 die „billigste“ Linie mit 329 Millionen Euro, auch umgerechnet auf Baukosten pro Fahrgast schneidet die U8 am besten ab mit 13.160 Euro pro Fahrgast. Am teuersten ist die U6 mit 27.200 Euro pro Fahrgast, also doppelt so viel.

Die Argumente gegen die U8-Verlängerung

Und dennoch die Entscheidung gegen das Märkische Viertel. Wieso? Die Senatsvorlage nennt vor allem zwei Argumente: Der Wilhelmsruher Damm wäre auf Jahre eine Großbaustelle. Da wenden Bezirkspolitiker zu Recht ein, dass beim Bau der U5 der Boulevard Unter den Linden eine hässliche Großbaustelle war.

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Zweites Argument: Die U8 würde in einer „Sackgasse“ enden, nämlich am Senftenberger Ring im Norden des Viertels. Ein Weiterbau – in ferner Zukunft – Richtung Pankow wäre verbaut, auch eine Verknüpfung mit der Heidekrautbahn wäre unmöglich.

Etwas Hoffnung sendet der Senatsbeschluss gleichwohl: Sollten die Verlängerungen der U7 sich als wirtschaftlich erweisen, könnte man immer noch für die U8 eine KNU beauftragen. Der U6-Abzweig ist völlig tot, der Senat setzt dort auf die Straßenbahn.

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Letztlich ist aber nicht die aktuelle grüne Verkehrssenatorin Schuld an der schlechten Bewertung der U8, sondern die Stadtplaner vor 60, 70 Jahren. In einem im Januar 1971 vom Senat veröffentlichten Heft „Das Märkische Viertel“ wurde dessen Bewohnern die U-Bahn für 1979 versprochen. Zur gleichen Zeit entstand übrigens im Süden Neuköllns die Gropiusstadt, noch in der Bauzeit wurde 1970 die U7 eröffnet, mehrere Bahnhöfe erschließen das kompakte Viertel gut.

1994 immerhin erreichte die U8 den Rand des MV, nämlich den S–Bahnhof Wittenau. Gewonnen war damit für die Bewohner wenig - die S-Bahn fuhr ja bereits seit 1984 in BVG-Regie. Bei der Eröffnung der U8 gestand der damalige Bausenator Wolfgang Nagel (SPD) 1994 ein, dass das Geld alle sei, ein Weiterbau „nicht sinnvoll“.

Die 400-Meter Tunnel bringen nicht viel

„Kompakt“, das ist übrigens der entscheidende Vorteil der Gropiusstadt. Das Märkische Viertel ist sehr weitläufig, zwischen den Hochhausriegeln am Dannenwalder Weg und den Blöcken am Senftenberger Ring liegen große Gebiete mit Einfamilienhäusern und Kleingärten.

Dazwischen liegt der Wilhelmsruher Damm, unter dem von Westen kommend die U-Bahn verlängert werden könnte. Schon vor zwei Jahren hatte ein Verkehrsplaner im Tagesspiegel geurteilt: „Diese periphere Anordnung der Wohnschwerpunkte schließt selbst eine relativ grobe Erschließung durch eine Schnellbahn aus.“

Und genau zu dem Ergebnis kam jetzt die Machbarkeitsstudie der BVG. Die Planer erwarten nur 25.000 Fahrgäste pro Tag, deutlich weniger als bei der U7 (35.000 bis 40.000). Eine U-Bahn lässt sich nur finanzieren, wenn der Busverkehr anschließend massiv reduziert wird. Das gelingt kaum im MV, der Dannenwalder Weg hätte von der U-Bahn gar nichts.

Die Reinickendorfer SPD und die Berliner CDU sind enttäuscht. „Ein schwarzer Tag für den Nahverkehr in Reinickendorf“, teilte der SPD-Abgeordnete Jörg Stroedter mit. Die Berliner CDU, die in ihrem Verkehrskonzept von Juni 2020 auf die U-Bahn setzt, kritisierte die Pläne als „vage und unzureichend“.
Die CDU hatte 2016 für die U8-Verlängerung die niedrige Summe von 85 Millionen genannt. Begründung: „Der Tunnel liegt seit Jahren da.“ Genau das Argument bemühten am Mittwoch der SPD-Abgeordnete Stroedter und der Reinickendorfer SPD-Bundestagskandidat Torsten Einstmann: „Große Teile des Tunnels sind bereits vorhanden und es kann losgehen.“

Tatsächlich sind 440 Meter Tunnel da: nämlich die Kehranlage. Natürlich müsste an einem neuen Ende der U8 wieder eine Kehranlage gebaut - und bezahlt – werden.

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