Polizei im Einsatz (Symbolbild). Foto: Tsp
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Gruppen prügeln sich in Brandenburg Was steckt hinter den Massenschlägereien in Rheinsberg?

Julius Geiler

Zwei Abende in Folge kommt es zu Großeinsätzen im nordbrandenburgischen Rheinsberg. Ist Selbstjustiz der Grund für die Konflikte?

Die Aufregung ist groß in Rheinsberger Facebook-Gruppen. Man macht sich Sorgen um das Image des Ortes. Die sonst so beschauliche Kleinstadt ist mehrere Tage lang zum Schauplatz eines Konfliktes zwischen zwei Männergruppen geworden. Es wird überregional berichtet und das erste Mal seit Langem steht nicht das berühmte Rheinsberger Schloss im Fokus der Pressemeldungen. 

In rechten Social-Media Kanälen wird der Name der Stadt in einem Atemzug mit den Metropolen Stuttgart und Frankfurt am Main genannt, in denen es in den vorgegangenen Wochen zu schweren Ausschreitungen zwischen jungen Erwachsenen und der Polizei gekommen ist. 

Pegida-Gründer Lutz Bachmann teilte über den Messengerdienst Telegram einen Beitrag zu den Vorfällen in der Ostprignitz und schreibt dazu: „Die bunte Vielfalt in Rheinsberg in Brandenburg, ca. 9000 Einwohner und jede Menge Eventmanager“, in Anlehnung an die Äußerung des Stuttgarter Polizeipräsidenten Franz Lutz, dass die Täter der Stuttgarter Krawallnacht der „Event- und Partyszene“ zuzurechnen wären. 

Der Vergleich hinkt allein schon deswegen, weil es in Rheinsberg nicht zu Plünderungen oder vergleichbarer Gewalt gegen Polizeibeamte gekommen ist, wie etwa in Stuttgart und Frankfurt. Auch stellt sich die Gesamtsituation in Rheinsberg nach einer näheren Betrachtung vollkommen anders dar.  
Am Donnerstag kommt es in der östlichen Rheinsberger Wohngegend „Am Stadion“ zu einer Auseinandersetzung zwischen zwei Gruppen. Auf einem Video, das dem Tagesspiegel vorliegt, ist zunächst ein verbal ausgetragener Konflikt zwischen zwei Personen zu sehen. Nach Angaben von Augenzeugen soll es sich dabei um einen Deutschen und einen Tschetschenen handeln. Inhalte der Auseinandersetzung sind akustisch nicht zu verstehen. 

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Rundherum stehen dutzende Männer beider Parteien und verfolgen das Streitgespräch, als die Situation plötzlich eskaliert. Beginnend durch einen Schubser artet der Streit zu einer Massenschlägerei aus. Die Polizei spricht später von 15 bis 20 beteiligten Personen, die teils auf brutale Art und Weise aufeinander einschlugen.

Sieben Menschen werden verletzt, acht Männer im Alter von 20 bis 46 Jahren festgenommen. Mehrere Autos beteiligter Personen werden im Rahmen der Auseinandersetzung beschädigt.  

Am Folgetag stellte die Polizei im Stadtgebiet mehr als 100 Tschetschenen fest, darunter viele von außerhalb angereiste Personen. Die Stimmung wird seitens der Behörden erneut als „sehr aufgeheizt und aggressiv“ beschrieben.

Am Freitagabend ist die Polizei jedoch wesentlicher besser vorbereitet als am Tag zuvor. Mehr als 51 Platzverweise werden ausgesprochen, zwei Personen landen im Polizeigewahrsam, ein Beamter wird leicht verletzt. Die Polizei schweigt auch am Wochenende zu den tatsächlichen Hintergründen des Konflikts und verweist auf laufende Ermittlungen.  

Auslöser war womöglich ein Angriff auf einen Bootsverleih

Nach Tagesspiegel-Informationen ist den Rheinsberger Auseinandersetzungen ein Angriff auf einen Mitarbeiter eines Hausboot-Verleihs durch einen tschetschenisch sprechenden Mann vorausgegangen. Der Hintergrund des Angriffs ist unklar. Mehrere deutsche und polnische Kollegen des Angegriffenen stellen daraufhin die tschetschenische Familie des mutmaßlichen Täters zu Rede, als es zur Massenschlägerei kommt.

Offenbar mobilisiert daraufhin die in Rheinsberg lebende Familie Verwandte und Freunde, die sich am Freitagabend im Wohnviertel einfinden.

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Darunter sind auffallend viele junge Männer, deren Social-Media-Profile teilweise eindeutige Verbindungen zu der ultrarechten türkischen Gruppierung „Graue Wölfe“ aufweisen.

Auf der Instagram-Seite eines Beteiligten heißt es auf Tschetschenisch: „Wir freuen uns, dass wir alle zusammenhalten. Die anderen werden es nicht auf sich beruhen lassen. Aber wir dann auch nicht. Wir wissen jetzt, wo sie sind“, und weiter sinngemäß: „das sind keine Männer, das sind Ziegen“.  

Bereits 2018 gab es Berichte über tschetschenische Clanstrukturen

Probleme mit tschetschenisch-stämmigen Personen sind im Landkreis Ostprignitz-Ruppin nichts Neues. Bereits 2018 berichtete die "Märkische Allgemeine Zeitung" über entsprechende Clanstrukturen in Wittstock, Kyritz, Wusterhausen und Neuruppin, die regelmäßig durch ihr kriminelles Verhalten mit der Polizei aneinandergeraten.  

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Noch am Samstag äußert sich Bürgermeister Frank Schwochow (Freie Wähler) in einem Facebook-Statement zu dem Konflikt in seiner Stadt: „Racheaktionen und Selbstjustiz sind in Deutschland nicht üblich und dürfen es auch nicht werden“, heißt es da, und weiter: „Das erste Ziel muss sein, dass endlich wieder Ruhe und Ordnung ins Wohngebiet kommt.“ 

Darüber hinaus geht der Bürgermeister hart mit dem Landkreis Ostprignitz-Ruppin ins Gericht. „Ich bedauere, dass die zuständigen Behörden, darunter auch der Landrat, sich weiter wegducken und nicht zu erreichen sind“, schreibt Schwochow.

Er selbst kündigt an, die Präsenz von Sicherheitskräften weiter hochzuhalten. So war auch am Samstagabend die Polizei mit erhöhter Mannschaftsstärke im Stadtgebiet unterwegs.

"Wer angefangen hat oder nicht, spielt keine Rolle mehr"

Derweil lässt das Unternehmen des an der Auseinandersetzung beteiligten Mitarbeiters am Samstagabend ebenfalls in einem Facebook-Post verlauten, dass man den Streit mit den Tschetschenen beigelegt hätte. Der Hausboot-Verleiher berichtet von einem Schlichtungsgespräch mit Polizei, Staatsschutz, einem an der Auseinandersetzung beteiligten Tschetschenen sowie einem Streitschlichter der tschetschenischen Community. „... wer angefangen hat oder nicht spielt nun auch keine Rolle mehr. Leider war die Stimmung auf beiden Seiten aufgeheizt und somit passieren Dinge, die nicht passieren sollten“, teilen die Betreiber des Verleihs mit und möchten klarstellen, dass „alle Unklarheiten mit den tschetschenischen Mitbürgern geklärt wurden.“ 

Auch wenn sich die Polizei am Vormittag auf Nachfrage, ob es auch Samstagabend zu erneuten Auseinandersetzungen gekommen ist, zunächst nicht äußern wollte, ist es gemäß Informationen des Tagespiegels nach den zwei polizeilichen Großeinsätzen von Donnerstag- und Freitagabend, am Samstag tatsächlich ruhig geblieben in Rheinsberg.

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