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Boddien meint: Das Schloss ist rattenscharf - genau wie ein Porsche

Grundsteinlegung in Berlins Mitte Der lange Weg zum Stadtschloss

Haltung, noch in haltlosen Situationen. Er kennt sie gut. Da hilft es auch, alle seine Vornamen einzeln aufzuzählen: Wilhelm Dietrich Gotthard Hans Oskar. So hießen die von Boddiens, die kurz vor seiner Geburt im Krieg gefallen sind. „Ich bin eine lebendige Traueranzeige.“ Will sagen: Der Einzelne ist (nur) Glied einer Kette. Die Familie hatte über die Jahrhunderte hinweg Offiziere hervorgebracht, „blaue Röcke eben“. Blau waren einst die Uniformen der Preußischen Armee.

Bei ihm sind es bloß noch die Streifen im Schlips, gut gewählt zum hellbeigen Anzug. Die meisten feinhart gezogenen Linien der Lebensreife im Gesicht verdankt er wohl den letzten über zwanzig Schloss-Jahren. Keine schlechte Steinmetzarbeit des Lebens! Wer nur genügend lang den Blick auf die schönen Details der in Handarbeit wiederherzustellenden Fassade des Schlosses richtet, die von Boddien aus Spenden finanzieren will, bekommt den Bildhauerblick, auch auf Menschen. Alles an dem Mann scheint gewinnend, wohltemperiert. Contenance! Gewinnt man so Schlachten?

Vor seinem höchstens sieben Quadratmeter großen Humboldt-Box-Büro, kaum geräumiger als das ärmliche Hamburger Nachkriegszimmer, in dem seine Großmutter zur aristokratischen Lebenshaltung aufrief, haben sich zwei riesige gelbe Betonmischer aufgestellt. Das ungewisse Licht einer Schwebe zwischen Tag und Nacht fällt hinein. Das Licht also, in dem von Boddien fast ein Vierteljahrhundert lang ausgeharrt hat.

Er sieht sich als Mann mit dem Besen, gewissermaßen als oberste Reinigungskraft des Volkes, aber nach Art der Könige: „Treppen werden von oben nach unten gefegt“, sagt er gern. Ist selbst die richtige Raumpflege zuletzt eine ziemlich monarchische Angelegenheit? Oder will er nur der Schönheit die Schleppe tragen? Schönheit liege im Gefühl, sie sei nicht rational begründbar, glaubt er.

Wahrscheinlich würden ihm die Haupterbauer des Schlosses Andreas Schlüter und Eosander von Göthe aus ganzem Herzen widersprechen. Wie sehr glaubte doch gerade das Zeitalter des Barock ans Rationale. Aber Boddien bleibt dabei: 85 Prozent Emotion und 15 Prozent Verstand, das ist der Mensch.

„Warum kaufen Männer denn einen Porsche? Weil er so nützlich ist?“ Weil er rattenscharf ist, sagt Boddien. Sinngemäß. Rattenscharf, genau wie das Schloss. Erklärt Boddien, um seine Liebe im nächsten Augenblick doch tief rational zu begründen: „Ich habe mich in seinen goldenen Schnitt verliebt.“ In eine Proportion also, in etwas tief Regelhaftes.

Auch für Wilhelm von Boddien stellte sich irgendwann die große Frage fortschreitenden Lebens: Soll-das-schon-alles-gewesen-sein? Traktoren, Melkanlagen und Mähdrescher? Und der frühere Wandzeitungsredakteur fand statt des großen Nichts in der Mitte von Berlin drei Eremiten in Charlottenburg, die dort – „völlig vereinsamt“ – an der Schlomo arbeiteten. „Die Schlomo war die Schlossmonografie“, erklärt Boddien, „und ich stand als Fan vor den dreien.“ Sie erkannten ihre Chance sofort.

So kam es, dass der Hamburger Landmaschinenverkäufer bald mit geschlossenen Augen durch fast hundert der über tausend Zimmer des Hauses laufen konnte, das er doch nie gesehen hatte. Einschließlich des Weißen Saales, der Gigantentreppe, des Alabastersaals, des Bernsteinzimmers und der Erasmuskapelle?

So leicht, so mühsam wird man Schlosseigentümer!

Denn Eigentum ist – schon nach Karl Marx – nichts anderes als lebendige Aneignung. Vielleicht kannte von Boddien damals auch schon den Gesichtsausdruck aller 48 Adler der Schlossfassade. Keiner gleicht dem anderen. Wie der Mensch. Das ist Realismus! Das ist: Kunst!

Über dem obersten Schlossfassadenverantwortlichen hockt auch so ein schräger Vogel, auf einem Helm. Und der Helm scheint, samt Adler, direkt auf Boddiens Kopf zu sitzen. Es ist ein Wandrelief, die Plastik eines Fassadenteils. Darunter sind zwei gekreuzte Keulen. Lauter Herrschafts- und Kraftsymbolik, natürlich. Steinerne Zitate vom Forum Romanum bis zum Versailler Schloss. Was den König erhöhte, erhöht das nicht im Zweifel auch uns? Und was ihn erniedrigt hätte, erniedrigt das nicht auch uns? In jedem steckt ein König. Auch so lässt sich Demokratie begründen: Nur das Beste! Für alle!

Aber um Adler und Keulen ging es nie, nie zuerst. Es geht um die „Rettung der Stadtgestalt“, erklärten ein Autor und ein Verleger schon Anfang der 90er vor Journalisten auf der leeren Parkplatz-Mitte Berlins. Das Schloss sei der Bezugspunkt von allen Seiten. Zeughaus, Unter den Linden, Marstall, Museumsinsel – alles laufe darauf zu, agitierten Joachim Fest und Wolf Jobst Siedler. Die Vertreter des gedruckten und gesprochenen und gesendeten Wortes blickten erst auf den asbesthaltigen Palast der Republik, der auch noch, wie sie eben gehört hatten, vollkommen falsch stehe, und dann mit großem Mitleid auf Joachim Fest und Wolf Jobst Siedler.

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