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Dicker Rauch liegt über Beelitz. Dort wuchs der Waldbrand auch auf 200 Hektar an. Foto: AFP/Odd ANDERSEN
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Großfeuer in Beelitz und Treuenbrietzen Brandenburgs Innenminister befürchtet „extrem gefährlichen Waldbrandsommer“

Jeannette Hagen

Zwei Großbrände auf mehreren Hundert Hektar halten Einsatzkräfte und Bevölkerung in Atem. Ministerpräsident Woidke schätzt die Lage gefährlicher als 2018 ein.

Als Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) am Sonntagabend in Treuenbrietzen eintrifft, kämpfen die Einsatzkräfte der Feuerwehr bereits seit mehr als zwei Tagen gegen die Flammen, die sich durch staubtrockene Kiefernwälder fressen.

Zunächst waren es 20 Hektar Wald, die Lage schien halbwegs unter Kontrolle. Am Sonnabend waren es dann maximal 60 Hektar. Doch über Nacht und am Sonntag fachten Winde die Flammen an. Am Ende des Tages standen 200 Hektar Wald in Flammen, mit Frohnsdorf, Tiefenbrunnen und Klausdorf mussten die ersten Dörfer evakuiert werden, mehrere Hundert Menschen sind betroffen. Am Abend stabilisierte sich die Lage.

20 Kilometer weiter nördlich bei Beelitz, vor den Toren Potsdams und Berlins, dann die nächsten beiden Großbrände. Von den Seen rundherum, an denen sich die Ausflügler tummelten, waren die massiven Rauchwolken zu sehen. Am Abend meldete der Landkreis, dass bei Beelitz 200 Hektar Wald in Flammen stünden. Die Flammen schlugen hoch, verbreiteten sich geschwind. Beelitz stand in einer Rauchwolke, die ersten Straßenzüge wurden evakuiert.

„Das Feuer steht etwa 1 bis 1,5 Kilometer vor der Grenze der Stadt“, sagte der Beelitzer Bürgermeister Bernhard Knuth am späten Nachmittag. Im Rathaus stellte der Krisenstab Einwohnerlisten zusammen. Am Abend immerhin teilte Knuth mit, dass sich die Flammen seit Stunden nicht weiter ausgebreitet hätten.

Es ist heiß, der Rauch nimmt die Luft zum Atmen

Als Woidke in Treuenbrietzen vor die Presse tritt, blickt er ernst in die Kameras. Erinnerungen werden wach an das Jahr 2018. Für viele in der Gegend südwestlich von Berlin ist es ein Déjà-vu. Damals hatten dort 400 Hektar Wald gebrannt, teils auf munitionsbelastetem Gebiet. Es ist heiß, der Rauch nimmt die Luft zum Atmen.

Neben Woidke steht der Landrat von Potsdam-Mittelmark, Marko Köhler (SPD). Er hatte eine halbe Stunde zuvor die Evakuierung von Klausdorf bei Treuenbrietzen angeordnet. Wie schon 2018, als das Feuer dann doch kurz vor dem Dorf zum Stillstand kam.

Wie ist die Lage? Dietmar Woidke am Sonntagnachmittag in Frohnsdorf. Foto: AFP/Odd ANDERSEN Vergrößern
Wie ist die Lage? Dietmar Woidke am Sonntagnachmittag in Frohnsdorf. © AFP/Odd ANDERSEN

„Wenn ich heute den Vergleich ziehe zu 2018 ist die Lage deutlich gefährlicher“, sagt Woidke. „Wir haben eine sehr dramatische und auch dynamische Lage. Der Brand ist innerhalb kürzester Zeit zu einem Großbrand geworden“, sagt der Regierungschef. „Drehende Winde und Böen, die das Feuer immer wieder neu anfachen und in unterschiedliche Richtungen treiben.“ Das mache die Bekämpfung der Flammen wahnsinnig schwer. „Wir müssen gemeinsam alles tun, um diese Lage so zu beherrschen, dass vor allen Dingen Menschen kein Schaden widerfährt. Deswegen auch die Evakuierungen“, sagt Woidke.

Immer wieder schauen die Helfer hoch in den Himmel: Wo bleibt der angekündigte Regen? Brandenburgs Innenminister Michael Stübgen (CDU) sagt, es zeichne sich eine leichte Entspannung ab. Es sei zu hoffen, dass am Montagmorgen Gewitter und viel, viel Regen kämen.

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Die Feuerwehr wurde nach dem verheerenden Jahr 2018 neu aufgestellt. Es wurden neue Löschwagen beschafft, die bis zu 5000 Liter Wasser an Bord haben, Waldbrandschneisen wurden an neuralgischen Punkten geschlagen. Nun sind auch Feuerwehren aus Sachsen-Anhalt und Berlin gekommen, sie unterstützen und helfen nun mit bei der Brandbekämpfung.

Bis Sonntagabend waren rund 1400 Kräfte im Einsatz, weitere wurden erwartet. Auch die Hilfsorganisationen stehen bereit. Es ist alles eingespielt. „Da ist in den letzten Jahren viel passiert“, sagt auch der Ministerpräsident Woidke. „Aber es hilft natürlich nur da, wo wir wirklich auf die Fläche rauf können.“

Woidke: „Zigtausende munitionsbelastete Hektar Fläche“

Was der Regierungschef meint, ist die Altmunition, die in den Brandenburger Wälder herumliegt. Auch Weltkriegsmunition, aber vor allem wurden zahlreiche Gebiete von den Sowjets und der DDR militärisch genutzt. Seit Freitagabend gab es bei Treuenbrietzen im brennenden Wald Detonationen. „Ich kann nicht verantworten, dass ein Helfer vielleicht in eine Fläche geht, wo er durch explodierende Munition verletzt oder im schlimmsten Fall sogar getötet werden kann“, sagt Woidke.

Das sei im Umland von Berlin das Hauptproblem: „Es gibt hier zigtausende munitionsbelastete Hektar Fläche.“ Zwar hat Brandenburg eine ausgeklügelte, technisch hochgerüstete Waldbrandüberwachung, doch die nutzt nichts, „wenn man nicht auf die Flächen kann und den Waldbrand dann bekämpfen kann, wenn es noch ein kleiner Brand ist“, sagt Woidke. Aus einem kleinen Brand kann in kürzester Zeit ein Großbrand werden – und Dörfer und Städte bedrohen.

Bundeswehr-Hubschrauber holen Löschwasser aus den Seen

Auch die Bundeswehr hilft mit mehreren Hubschraubern, die Wasser aus den umliegenden Seen holen und über den Brandherden abwerfen. Das ist oft die einzige Chance gegen die Flammen. Am Einsatzort in Treuenbrietzen ist neben Woidke auch Generalmajor Carsten Breuer, er ist Kommandeur des Kommandos Territoriale Aufgaben der Bundeswehr in Berlin.

Bizzare Szenerie. Badegäste hocken am Strand des Seddiner Sees, während ein Löschhubschrauber der Bundeswehr Wasser schöpft. Foto: dpa/Stephanie Pilick Vergrößern
Bizzare Szenerie. Badegäste hocken am Strand des Seddiner Sees, während ein Löschhubschrauber der Bundeswehr Wasser schöpft. © dpa/Stephanie Pilick

„Wir sind hier zur Zeit im Einsatz mit rund 40 Soldatinnen und Soldaten“, sagte Breuer. Vor allem komme es darauf an, die Technik der Bundeswehr zur Verfügung zu stellen. „Wir haben heute über den Tag drei CH53 – die großen Hubschrauber mit 5000-Liter-Wasserbehältern darunter – im Einsatz gehabt“, sagt der Generalmajor. Am Abend kam der vierte Hubschrauber. Das helfe besonders in einer so wechselhaften Lage, in der das Feuer schnell die Richtungen ändere, sagt Breuer. Die Anzahl der Hubschrauber werde am Montag noch auf sieben erhöht.

„Gleichzeitig haben wir auch noch zwei Pionierpanzer im Einsatz“, sagt Breuer. Diese könnten zum Beispiel Brandschneisen schieben. Unter bestimmten Bedingungen könnten sie außerdem in das munitionsbelastete Gebiet hineinfahren. „Die Soldatinnen und Soldaten, die drin sind, sind durch die Panzerung geschützt.“

Stübgen: Viele Hubschrauber gerade für G7-Gipfel in Bayern

Die Brandenburger sind froh über die Nothilfe. Aber sie war nicht leicht zu bekommen, wie Innenminister Stübgen am Abend im RBB verrät. Die Stadt Treuenbrietzen und der Landkreis Potsdam-Mittelmark hätten bereits am Freitag Hubschrauber angefordert, um die Brände zu bekämpfen, sagt er. Hilfe sei „frühzeitig“ nachgefragt worden. „Das Problem war, dass alle Hubschrauber derzeit in Bayern sind wegen der Sicherung des G7 Gipfels."

Mit Blick auf die steigende Zahl der Waldbrände und die große Trockenheit in Brandenburg sagte Stübgen: „Wir müssen uns voraussichtlich noch besser aufstellen, das kostet allerdings viel Geld.“

Die Waldbrandsituation habe sich angekündigt. „Wir hatten einen faktisch regenfreien März und im Mai und Juni Regen, der nicht gereicht hat, um den Boden durchzuweichen. Was wir bräuchten, ist langanhaltender Landregen“, sagt Stübgen. Wenn sich die Niederschlagsmenge nicht bedeutend erhöhe, bestehe die Gefahr, „dass wir in Brandenburg einen extrem gefährlichen Waldbrandsommer haben werden“. Dafür müssten Land und Bund – nach vier sehr trockenen Sommern in Brandenburg – Lösungen finden.

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