Wirschaftssenatorin Ramona Pop (Bündnis 90/Die Grünen Berlin) findet, es gibt in Berlin noch viel zu tun in Sachen Gleichberechtigung. Foto: dpa
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Gleichberechtigung in Berlin Der Anteil weiblicher Führungskräfte kommt nicht voran

Unternehmen, Verbände und der Senat: Alle beteuern, sie wollten den Anteil von Frauen in Führungsposition steigern. Die Praxis sieht anders aus.

Möchte man wissen, wie es um die Gleichberechtigung der Geschlechter steht, ist das vielleicht wichtigste Kriterium die Verteilung von männlichen und weiblichen Führungskräften in Unternehmen. Dass Männer dort statistisch stark überrepräsentiert sind, ist allgemein bekannt. Auch, dass im Osten der Republik der Frauenanteil in Chefetagen deutlich höher liegt als im Westen, wurde oft beschrieben. Dieses Phänomen hat vor allem historische Gründe: Die von Männern dominierte DDR-Führung hatte für die Arbeitswelt eine aktive Frauenförderpolitik betrieben, wie auch immer man diese im Detail nachträglich bewerten will.

Neu ist aber die Erkenntnis, dass dieser ostdeutsche Vorsprung auf dem Weg zur Gleichheit stagniert – und zwar in fast allen Ost-Ländern. Das geht aus Zahlen der Bundesagentur für Arbeit (BA) hervor, die dem Tagesspiegel vorliegen. Demnach ist der Anteil von Frauen, die Führungs- oder Leitungspositionen besetzen, in Ostdeutschland von 35,2 Prozent im Sommer des Jahres 2013 leicht auf 35,0 Prozent im Sommer 2018 gesunken. In allen westdeutschen Ländern stieg er hingegen – im Schnitt von 23,6 auf 24,9 Prozent.

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In Berlin, das sich gern als Labor für den gesellschaftlichen Fortschritt versteht, verharrte der Anteil von Leitungs- und Führungskräften innerhalb dieser fünf Jahre exakt bei 36,4 Prozent. In Brandenburg fiel er von 34,5 auf 34,1 Prozent. Nimmt man allein die „Führungskräfte“ – so definiert die BA „Expertinnen mit Leitungsfunktion“ betraut mit Aufgaben mit „hohem Komplexitätsgrad“ – sank der Anteil in Berlin sogar von 36,7 auf 35,9 Prozent, in Brandenburg von 36,9 auf 36,4 Prozent.

Frauenanteil im öffentlichen Dienst sank in Berlin

Die Bundesagentur weist auf ein besonderes Phänomen der Hauptstadt hin: In den Branchen, in denen Frauen in fast allen Bundesländern stark vertreten sind, sind in Berlin deutliche Rückgänge in Führungspositionen (inklusive Aufsicht, einer etwas weiter gefassten Führungskategorie) zu verzeichnen. So sei in der Hauptstadt der Anteil von Frauen im öffentlichen Dienst binnen fünf Jahren stark von 60,5 Prozent auf 49,5 Prozent gesunken, erklärt Doris Wiethölter von der BA-Regionaldirektion Berlin-Brandenburg. Männliche Chefs sind in Berlins öffentlichem Dienst mit 50,5 Prozent also neuerdings in der Mehrheit. Auch im Gesundheits- und Sozialwesen, Erziehung und Unterricht und im Gastgewerbe seien die Anteile von Frauen in Führungspositionen zurückgegangen.

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Immerhin seien in Berlin die Frauenanteile in Branchen, in denen Frauen in Führungspositionen traditionell deutlich weniger vertreten sind, gestiegen, geht aus der neuen BA-Statistik hervor: Im verarbeitenden Gewerbe zum Beispiel von 17,5 auf 20 Prozent, in den Branchen rund um Information und Kommunikation von 28,7 auf 32,1 Prozent, im Verkehr und Lagerei von 21,6 auf 24,8 Prozent. Und sogar auf dem Bau, der Männerdomäne schlechthin, leicht – von 6,3 auf 6,9 Prozent.

Manja Schreiner, Chefin der Fachgemeinschaft Bau Foto: Kai-Uwe Heinrich Vergrößern
Manja Schreiner, Chefin der Fachgemeinschaft Bau © Kai-Uwe Heinrich

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), der größten Forschungseinrichtung der Zentrale der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg, untersucht seit 14 Jahren intensiv den Anteil von Frauen in Führungspositionen. Deren Forscherinnen und Forscher stellten in einem Ende 2017 veröffentlichen Bericht mit Blick auf Gesamtdeutschland nüchtern fest: „Der Anteil von Frauen auf der obersten Führungsebene in Betrieben der Privatwirtschaft ist seit zwölf Jahren nahezu konstant: Rund ein Viertel dieser Positionen ist von Frauen besetzt.“

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Wie kann das sein? Im Bund regiert eine Kanzlerin, und in Berlin seit 30 Jahren die SPD, der man gemeinhin eher eine frauenfördernde Politik unterstellt als den konservativen Unionsparteien. Seit zweieinhalb Jahren sind im Land Berlin auch die Grünen im Senat. Sie fordern gemeinsam mit SPD und Linken Frauenförderung in ihrem Koalitionsvertrag „Die Hälfte der Macht den Frauen“, wie eine Kapitelüberschrift lautet. Zwar haben Gesetzgeber keinen direkten Einfluss auf die Personalpolitik privater Unternehmen – es gibt bisher lediglich ein Quote für Aufsichtsräte börsennotierter Unternehmen. Vor dem Hintergrund ist speziell der erwähnte stark sinkende Anteil von Chefinnen im Öffentlichen Dienst erklärungsbedürftig.

Ramona Pop: "Noch viel zu tun in Sachen Gleichberechtigung"

Offenbar hat die Politik in dieser Frage keinen Einfluss – oder macht ihn nicht genügen geltend? „Diese Zahlen zeigen, dass es auch in der Berliner Wirtschaft noch viel zu tun gibt in Sachen Gleichberechtigung“, sagt Wirtschaftssenatorin Pop (Grüne). „Wo wir Verantwortung tragen, wie bei den Landesunternehmen, sind deutlich mehr Frauen in Spitzenpositionen.“ Ihre Wirtschaftsverwaltung lege einen besonderen Fokus auf die Förderung und Stärkung von Frauen in der Wirtschaft, beispielsweise mit Maßnahmen wie dem Unternehmerinnenpreis oder Vernetzungs- und Informationsformaten.

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IHK-Präsidentin Beatrice Kramm. © Thilo Rückeis

Auch Berlins Wirtschaftsorganisationen versuchen mittlerweile, Frauen besser in Stellung zu bringen. Udo Marin, Geschäftsführer des Vereins Berliner Kaufleute und Industrieller (VBKI) nannte den Frauenanteil von 20 Prozent unter seinen Mitgliedern in einem Tagesspiegel-Interview vor wenigen Tagen selbstkritisch „nicht gut genug“. Bei der Handwerkskammer (HWK) wird bald Carola Zarth, Inhaberin eines Charlottenburger Kfz-Werkstattbetriebes, die Führung des Präsidiums übernehmen. Ein Signal. Aber was bringt es? Bei der noch größeren Industrie- und Handelskammer (IHK) hat Beatrice Kramm, Inhaberin einer größeren TV-Produktionsfirma in Adlershof, schon seit drei Jahren den Hut auf – ebenfalls ehrenamtlich.

Carola Zarth, die künftige Präsidentin der Handwerkskammer. Foto: promo Vergrößern
Carola Zarth, die künftige Präsidentin der Handwerkskammer. © promo

Die IHK-Präsidentin würdigt, dass die Hälfte der Beschäftigten in Berlin weiblich ist, und dass Berlin auch beim Anteil von Frauen in Führungspositionen Berlin (35,0 Prozent) insgesamt besser dastehe als der Bundesdurchschnitt (27,2). „Zur Wahrheit gehört aber auch, dass wir noch einen langen Aufholprozess vor uns haben. Alte Rollenbilder bei Führungs- und Fachkräften müssen aufgebrochen werden“, fordert sie. Man müsse den Kulturwandel in Gesellschaft und Wirtschaft weiter vorantreiben. „Eine offene Unternehmenskultur und eine Arbeitswelt, die von Respekt und Wertschätzung geprägt ist, sind für unsere moderne Wirtschaft von fundamentaler und zukunftsweisender Bedeutung“. Diese verbessere nicht nur die Work-Life-Balance, sondern mache Arbeit produktiver und Unternehmen nachweislich erfolgreicher, glaubt Kramm. Aus diesem Grund habe die IHK Berlin, gemeinsam mit der Gleichstellungssenatorin Dilek Kolat (SPD) und der Handwerkskammer, die Kampagne „Gleichstellung gewinnt. Kulturwandel in Unternehmen“ ins Leben gerufen.

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Ob diese und andere Initiativen die Gleichstellung in Berlin voranbringen, wird man in fünf Jahren erfahren. Dann dürfte die Neuauflage dieser Statistik veröffentlicht werden.

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