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Einzelne Glasfaserkabel: Bis 2030 will die Deutsche Telekom, die diese Technologie lange verschmäht hatte, zwei Millionen Berliner Haushalte anschließen. Foto: picture alliance / dpa
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"Gigabit-Hauptstadt Berlin" Senat und Internetfirmen treiben Ausbau mit Glasfaser und 5G voran

In Berlin sind erstmals Vertreter des Senats, der Bezirke und der Telekom-Unternehmen zu ihrem "Lenkungskreis für die Gigabit-Hauptstadt" zusammengekommen

Es ist nicht bekannt welche Art von Datenleitung Berlins Wirtschaftssenator Stephan Schwarz für seine Privatwohnung gebucht hat bei seinem Internetanbieter. Sie war immerhin stabil genug, dass der parteilose Politiker am Montagnachmittag trotz Quarantäne per Video an einer wichtigen Sitzung teilnehmen konnte, zu der er eigentlich persönlich am Euref-Campus in Schöneberg erwartet worden war: Unter Leitung der Regierenden Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) fand dort die konstituierende Sitzung des Lenkungskreises „Gigabit-Hauptstadt Berlin“ statt.

Es war der mehr oder minder feierliche und verbindliche Start zu einem möglichst flächendeckenden Ausbau der Versorgung mit schnellem Internet. Das Ziel: Berlins Unternehmen wie Privatkunden sollen zu Hause und unterwegs jederzeit ohne Wartezeiten auf alle Daten zugreifen können. Gesprächsgrundlage für dieses Gremium war ein Beschluss des vorherigen Senats von Mitte Juni 2021, der sich nach Vorgesprächen mit den führenden Telekommunikationsunternehmen auf besagte „Gigabit-Strategie“ verständigt hatte. Das Kunstwort bezieht sich auf den Anspruch, dass überall in Berlin Download-Raten von einem Gigabit pro Sekunde (entspricht 1000 Megabyte pro Sekunde) erreicht werden.

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Giffey, Schwarz, so wie Vertreterinnen und Vertreter von Senatsverwaltungen, Bezirken sowie von sechs Unternehmen der Telekommunikationswirtschaft bekräftigten am Montag ihren Willen zur Zusammenarbeit bei der Umsetzung der Strategie. Sie unterzeichneten eine gemeinsamen Erklärung, in der aller beteiligten ihre Bereitschaft erklären, die nötigen Schritte für eine Versorgung abzustimmen und mögliche Hindernisse schnell aus dem Weg zu räumen.

"Wir haben heute einen wichtigen Meilenstein auf dem Weg zur Gigabit-Hauptstadt Berlin erreicht“, sagte Giffey zum Ende der Sitzung, die dann auch für Pressevertreter öffentlich war. Der weitere Ausbau der digitalen Infrastruktur sei „eine wesentliche Voraussetzung für das Berlin der Zukunft in der Innenstadt wie in den Außenbezirken“, ergänzte sie. Dabei sei entscheidend, „dass wenn wir flächendeckend sagen, auch flächendeckend meinen.“

Perspektiven für die Ortsteile am Stadtrand

Die Beschlüsse bezögen sich ausdrücklich auch auf alle Berliner Dörfer und Ortsteile am Stadtrand, nicht nur auf den Bezirk Mitte, in dem die Versorgung schon lückenlos sei. Der Plan stärke die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschafts- und Technologiestandortes Berlin und fördert Wachstum“, sagte Giffey weiter. „Gute Internetversorgung hat etwas mit Lebensqualität zu tun, mit Teilhabe und etwas mit Wirtschaftskraft“.

Seitens der Wirtschaft nahmen Vertreter der Unternehmen Deutsche Telekom, Vodafone Deutschland, Tele Columbus, Colt Technology Services, DNS:NET Internet Service und Vattenfall Eurofiber teil. Der Vertreter der Telekom gab bekannt, dass sein Unternehmen seine Anstrengungen beim Glasfasernetzausbau verdoppeln will. Bis zum Jahr 2030 wolle man zwei statt einer Million Berliner Haushalte direkt mit einer solchen schnellen Datenleitung verbunden haben, was Giffey und Schwarz ausdrücklich begrüßten.

Gigabit-Anschlüsse bereits heute verfügbar

Anschlüsse mit Downloadraten von einem Gigabit (Gbit) beziehungsweise 1000 Megabit (Mbit) pro Sekunde sind heute noch selten. Anbieter wie die Deutsche Telekom oder Vodafone können Interessenten bereits heute in ausgewählten Wohnquartieren derartige Anschlüsse anbieten, aber nicht flächendeckend. In vielen Gebieten sind bestenfalls ein Zehntel der künftig angestrebten Downloadgeschwindigkeit verfügbar. Mit einer Übertragungsrate von einem Gbit/s lassen in nur einer Sekunde Daten für eine volle Stunde Netflix-Filme oder gar 16 Stunden Musik bei Spotify herunterladen.

Auftaktsitzung des Lenkungskreises "Gigabit-Hauptstadt Berlin" am Montag am Euref-Campus in Schöneberg. Auf dem Schirm: Franziska Giffey und Stephan Schwarz. Foto: Frederic Schweizer Vergrößern
Auftaktsitzung des Lenkungskreises "Gigabit-Hauptstadt Berlin" am Montag am Euref-Campus in Schöneberg. Auf dem Schirm: Franziska Giffey und Stephan Schwarz. © Frederic Schweizer

Die Ausrüster wollen bis 2030 alle Haushalte mit Glasfaser-Anschlüssen (FTTB/H) oder Fernsehkabel mit der Technologie Hybrid Fiber Coax (HFC) angeschlossen haben. Doch Surfen und Streamen soll auch ohne Kabel gehen: Bis spätestens 2025 soll Berlin über eine vollständige Versorgung aller Haushalte, Unternehmensstandorte und oberirdischer Verkehrswege mit dem neusten Mobilfunkstandard 5G verfügen. 5G ermögliche noch weitaus schnellere Übertragungsraten. Dafür werde aber taugliche Endgeräte benötigt.

Unternehmen sollen Finanzierung weitgehend allein stemmen

Der Wirtschaftssenator unterstrich die Bedeutung der digitalen Infrastruktur für die Zukunft der lokalen Unternehmen und erklärte, dass es auch auf eine Vereinheitlichung und Vereinfachung der Anträge ankomme, um den Internetunternehmen die Arbeit zu erleichtern. „Es geht auch darum, alternative Verlegungsmethoden vorzutreiben, um Baustellen zu vermeiden“, fügte Schwarz hinzu. Auch die Standortsuche für Mobilfunkmasten müsse vereinfacht werden.

Der Senator sicherte zudem die Hilfsbereitschaft der Verwaltung zu, stellte aber bei der Gelegenheit klar, dass die Finanzierung vor allem von den Telekomunternehmen selbst gestemmt werden müsse. „Wir gehen davon aus, dass die wesentliche Versorgung durch den Markt erfolgen kann.“ Allenfalls bei kleineren Lücken könne man über gezielte Anreize reden.

Berline Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) bei der Auftaktsitzung des Lenkungskreises am Montag. Links neben ihr: Oliver Igel (SPD), der Bezirksbürgermeister von Treptow-Köpenick. Foto: Frederic Schweizer Vergrößern
Berline Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) bei der Auftaktsitzung des Lenkungskreises am Montag. Links neben ihr: Oliver Igel (SPD), der Bezirksbürgermeister von Treptow-Köpenick. © Frederic Schweizer

Mit der Erklärung verständigten sich „alle für die Umsetzung der Gigabit-Strategie relevanten Akteure darauf, gemeinsam auf die Erreichung der Strategieziele hinzuarbeiten, Ausbauhemmnisse zu beseitigen und den eigenwirtschaftlichen Gigabitausbau der Telekommunikationsunternehmen durch investitionsfreundliche Rahmenbedingungen voranzutreiben“, hieß es in der gemeinsamen Erklärung. Hinsichtlich der drängendsten Herausforderungen sowohl bei den leitungsgebundenen Anschlüssen als auch des 5G-Mobilfunkausbaus habe man Maßnahmen ausgemacht und priorisiert, die nun von der Fachebene umgesetzt werden. Federführend für das Land Berlin treibt die Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe koordinierend den Gigabitausbau voran.

Bis dahin ist Improvisation gefragt

Der Lenkungskreis mit Teilnehmern aus Verwaltung und Unternehmen soll das zentrale Monitorings- und Steuerungsgremium sein, um diese Ziele zu erreichen. Zudem treffen sich Spezialisten in Arbeitskreisen, um Detailfragen für die Entscheidungsträger und Entscheidungsträgerinnen vorzubereiten. Die Gremien sollen „mehrfach“ im Jahr zusammenkommen, hieß es.

Bis Politik, Veraltung und Netzbetreiber die Versorgungslücken geschlossen haben, braucht es offenbar individuelle Übergangslösungen. Ob zufällig oder nicht: Ebenfalls am Montag gaben die Netzwerke der örtlichen Einzelhändler am Kurfürstendamm und am Tauentzien bekannt, dass sie ein öffentliches W-Lan für Besucher entlang der 1,2 Kilometer langen Einkaufsmeile eingerichtet haben. Darüber hätten sich Journalisten, die am Montag vom Euref-Campus berichtet haben, auch gefreut. Freies Internet gab es nicht.

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