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„Niemand setzt seine Kinder in ein Boot, außer das Wasser ist sicherer als das Land“. Ein Gemälde aus Moria. Foto: A. Messinis/AFP
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Gestrandet ohne Eltern Therapiebedarf bei geflüchteten Jugendlichen in Berlin steigt

Marian Schuth

Janina Meyeringh arbeitet mit unbegleiteten geflüchteten Kindern und Jugendlichen. Zu ihr kommen zunehmend schwere Fälle – und vermehrt Mädchen.

Wenn ein Jugendlicher im Gespräch nicht mehr den Dolmetscher, sondern sie – die Therapeutin – anschaut, weiß Janina Meyeringh: „Jetzt ist das Vertrauen da.“ Die Kinder- und Jugendpsychologin arbeitet mit minderjährigen Geflüchteten und hilft ihnen zu verarbeiten, was sie auf der Flucht erlebt haben.

„Ein 15-jähriger Afghane, der dieses Jahr nach Berlin gekommen ist, beschäftigt mich massiv“, erzählt Meyeringh. „Er war in Gefangenschaft und gerät in eine Angst, in der er nichts mehr wahrnimmt. Er müsste stationär behandelt werden, aber mit seiner Gefängniserfahrung ist das für ihn nicht hilfreich“, erzählt die 40-Jährige im Kreuzberger Hinterhofbüro des Vereins Xenion, für den sie arbeitet. Dorthin kommen Jugendliche, weil sie verzweifelt sind, nicht schlafen können, Flashbacks haben und um ihre Familien fürchten.

Janina Meyeringh versucht, sie zunächst zu stabilisieren, indem sie Strategien für Momente vermittelt, in denen die schlimmen Erinnerungen hervorbrechen. „Der eine beißt in eine Zitrone, ein anderer stellt sich unter die kalte Dusche.“ Diese Reize holen die Jugendlichen aus ihren Erinnerungen zurück in die Gegenwart. Gerade in der Corona- Zeit, in der es an Ablenkung fehlt, kommt bei vielen das Erlebte hoch.

Berlin sei zwar in Sachen Jugendhilfe gut aufgestellt, sagt Janina Meyeringh. Aber es müsse mehr Therapie-Möglichkeiten für Geflüchtete geben. „Manchmal habe ich das Gefühl, wir können nur die schlimmsten Fälle aufnehmen. Deren Behandlung ist unheimlich wichtig, aber die Menschen, bei denen das Trauma noch nicht chronisch ist, hätten fast bessere Erfolgschancen, wenn man frühzeitig helfen könnte.“ Xenion hat eine Warteliste mit dauerhaft rund 40 Personen und Wartezeiten bis zu acht Monaten.

Daneben ist in Berlin das „Zentrum Überleben“ auf die Therapie unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge (UMF) spezialisiert. Dazu kommen Angebote der Caritas und des „Gesundheitszentrums für Flüchtlinge“ sowie weiterer Träger wie des BBZ und niedergelassener Therapeuten. Im vergangenen September ist das Lager Moria auf der griechischen Insel Lesbos abgebrannt, dort waren zeitweise 20.000 Geflüchtete und Migranten untergebracht.

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Seitdem sind mindestens drei junge Flüchtlinge aus Moria bei Meyeringh gewesen. „Aber wenn ich Menschen in Krisensituationen sehe, frage ich nicht, woher kommst du und was ist passiert. Damit hole ich alles Schlimme hoch. Erst am Ende der durchschnittlich zweijährigen Therapie kommt die Traumabehandlung. Manchmal beende ich auch eine Therapie – der Person geht es viel besser – und wir haben nie über ihr Trauma gesprochen.“

Von einigen weiß Meyeringh, dass sie in Moria waren, bei anderen vermutet sie es: „Ich habe von mehreren Jugendlichen gehört, die in Griechenland einen Suizid versucht haben. Da denkt man natürlich an die Hoffnungs- und Ausweglosigkeit in den Lagern.“

Mehr freiwillige Vormundschaften - trotz Corona

Die Therapien werden über das Jugendamt finanziert, allerdings braucht es für jede einen eigenen Antrag. Das bedeutet einen bürokratischen Aufwand, den sich der Verein in der Zukunft gerne sparen würde. Die Therapien werden aber in der Regel bewilligt, da bei unbegleiteten Jugendlichen mit ihrer „Inobhutnahme“ das Kinder- und Jugendhilfegesetz greift.

In Deutschland bekommen sie einen Vormund gestellt, jemanden, der die elterlichen Rechte wahrnimmt. Vom Staat gibt es einen Amtsvormund, aber in vielen Fällen ist die persönlichere Einzelvormundschaft hilfreich.

Akinda, ein Projekt von Xenion, schult und vermittelt die Ehrenamtlichen. Projektkoordinator Ronald Reimann berichtet: „Im Jahr 2020 hat sich die Zahl derer, die sich freiwillig als Vormünder gemeldet haben, fast verdoppelt – trotz Corona. Viele haben sich an uns gewandt, weil sie zum Beispiel gesehen haben, was in Moria passiert ist.“

Die Therapeutin Janina Meyeringh aus Berlin-Steglitz arbeitet für Xenion mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen. Foto: Marian Schuth Vergrößern
Die Therapeutin Janina Meyeringh aus Berlin-Steglitz arbeitet für Xenion mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen. © Marian Schuth

„Ich habe insgesamt das Gefühl, dass die Schwere der Menschenrechtsverletzungen zugenommen hat“, sagt Janina Meyeringh. „Ich sehe fast nur noch Jugendliche, die Erfahrung mit Folter, Zwangsprostitution oder Menschenhandel gemacht haben. Vor vier oder fünf Jahren waren es noch zwischen zehn und 20 Prozent. Viele kommen aus afrikanischen Ländern, die über Libyen fliehen mussten und dort Folter erlebt haben.“

Mehr Mädchen kommen zur Therapie

Die meisten stammten aber aus Afghanistan, einige auch aus Syrien. Nachdem Meyeringh früher zu 90 Prozent männliche junge Flüchtlinge betreut hat, sind es heute rund ein Drittel Mädchen. „Die meisten davon kommen aus afrikanischen Ländern, sind zwischen 16 und 17 Jahren alt. Sie haben sich nicht freiwillig auf den Weg gemacht, da spielen Menschenhandel und Zwangsprostitution eine Rolle.“

Auch andere Vereine beobachten, dass mehr weibliche junge Flüchtlinge zu ihnen kommen, die Senatsjugendverwaltung verzeichnet allerdings für 2020 keine Veränderung am Geschlechterverhältnis der Neuankommenden. Der Bundesfachverband für UMF (BumF) wiederum sieht bundesweit einen Anstieg an neuen Asylanträgen von Mädchen von 14 Prozent im Jahr 2017 auf 22 Prozent bis Januar 2020.

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Laut einer Sozialarbeiterin der Caritas kämen viele Mädchen unter zwölf Jahren, größtenteils junge Kurdinnen aus Syrien oder dem Nordirak, sowie Afghaninnen.

Aus Gesprächen mit den Mädchen habe die Sozialarbeiterin erfahren, dass diese von ihren Familien aus den griechischen Lagern vorgeschickt wurden. Zum einen als Schutz, weil Mädchen es dort wegen sexualisierter Gewalt noch schwerer als Jungen haben, und zum anderen, weil die Familien sich bei einem Mädchen höhere Chancen auf Asyl erhofften. Deutschland schiebt Geflüchtete unter 18 Jahren nicht ab; und wenn unbegleitete Jugendliche Asyl erhalten, können sie ihre Familie nachholen.

Übersetzen von Sprache und Kultur

Janina Meyeringhs Therapien finden in einem Dreieck aus Therapeutin, Übersetzer und Jugendlichen statt. „Viele Kollegen sagen, man kann sich über den Umweg eines Dolmetschers nicht richtig nahekommen. Aber ich sehe ihn als Bereicherung.“ Denn ein Dolmetscher vermittelt auch zwischen den Kulturen.

„Sie haben denselben Hintergrund wie die Neuangekommenen, sind aber auf ihrem Weg zehn Schritte weiter. Aber wir müssen die Finanzierung immer wieder beantragen. Viele könnten woanders mehr verdienen. Wir kämpfen deshalb für eine bessere Honorarverordnung.“ Angesichts all der Eindrücke erzählt Janina Meyeringh, dass ihre „ Freunde sagen, ich hätte ein bisschen Leichtigkeit verloren“.

„Aber wenn man weiß, was mit den Menschen passiert, wie sie in Moria leben mussten, dann kann man die Augen nicht mehr davor verschließen.“ Es macht sie stolz, wenn sie Jugendlichen dabei helfen kann, mit ihrem Schrecken und dessen Symptomen umzugehen. Der erste gemeinsame Schritt ist gemacht, wenn die Jugendlichen im Gespräch vom Dolmetscher zu ihr schauen.

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