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"Schöne blonde Frau! Wo bist du?"

Gesichter der Stadt Ganz Berlin auf einem Mast - die Geschichten hinter den Zetteln

In den letzten Tagen hat mein Mast deutlich sein Antlitz verändert. Die oberste Schicht ist weg, ein großes Plakat wurde abgerissen oder ist verweht. Darunter ist das verblichene Alte zum Vorschein gekommen. Ich fingere an den Zettelfragmenten herum. Das hier klingt interessant: „Kostenlose Lie… Boxatwo…“. Große, gut lesbare 0800-Nummer.

Freitag

Gerrit Reinders freut sich mächtig, dass ich mich mit ihm unterhalten will. Überhaupt freut er sich kolossal. Über sein neues Leben in Berlin, seine Unternehmensgründung, seine Aufträge. Es ist Freitag, viertel nach neun, wir sind in der Oranienstraße auf eine Apfelschorle verabredet. Am Straßenrand winden sich dicke Schmerbäuche um die Laternen. Hunderte Plakate übereinander haben aus einst schlanken Masten dralle Skulpturen gemacht. In Kreuzberg wird noch geklotzt, nicht gekleckert. Dagegen wirkt die Ausstattung meiner Mitte-Masten spärlich und zahm.

Reinders ist 30 Jahre alt und kommt aus Amsterdam. Früher hat er als Wirtschaftsprüfer gearbeitet, sagt er. „War schön – aber das hier ist besser.“ Vor einem Jahr hat er die Boxatwork GmbH gegründet. Die Idee ist simpel: In Berlin ziehen ständig tausende Menschen um. Die meisten von ihnen hassen den Aufwand, der damit verbunden ist. Boxatwork verleiht große, stabile Plastikumzugskisten, die sich zigfach wiederverwenden lassen. Die Boxen werden geliefert und wieder abgeholt. Und wer will, kann sie samt überflüssigem Hausrat auch gleich einlagern lassen. Drei Investoren sind mit im Boot, zwei holländische, ein deutscher. Eine Million Euro haben sie in das Unternehmen gesteckt, damit soll Reinders den Berliner Umzugsmarkt umkrempeln. Mit Kampfpreisen von 1,49 Euro pro Kiste gelingt das schon ganz gut: zwölf Festangestellte, Tendenz steigend.

Für seine Offline-Marketingstrategie hat das Unternehmen Anfang 2015 rund 20 000 Euro ausgegeben. 15 000 Euro gingen für die Plakatierung von Großflächen im Stadtgebiet drauf. 3500 Euro kostete es, 5000 kleinere Plakate und 5000 Flyer verteilen zu lassen. Die Straßenzüge mit den Ampel- und Laternenmasten hat Reinders gezielt bei einem Dienstleister gebucht. Dass die Werbung wahrgenommen wurde, konnte er bald an Klickzahlen und Anfragen ablesen. Seit Frühling sind die Aufträge durch die Decke gegangen. Das erste Lager am Stadtrand ist schon voll. „Jetzt wachsen wir nach Hamburg.“ Dependancen in Köln und München sind ebenfalls geplant.

Montag

Irgendwie deprimiert mich der Pfahl heute. Jeder will ein Produkt verkaufen, einen Kurs bewerben, ein Event promoten, eine Dienstleistung anbieten. Verständlich. Aber wo bleibt der Rest, wo bleiben Kunst, Irritation, Gefühle?
Vor einigen Wochen war mir an einem anderen Pfahl vor dem Frannz Club in der Kulturbrauerei ein Zettel aufgefallen. Keine Copyshop-Ware, sondern ein Unikat. Selbst gemalte, knubbelige Comic-Schrift, die Innenräume der Buchstaben liebevoll mit Tupfen und Strichen versehen: „Schöne Blonde Frau! Wo bist du? Wir standen um 3 Uhr zusammen auf der Treppe… Du hast gelächelt. Wir haben 1 mal getanzt. Ich würde dich gerne wiedersehen. Ernstgemeinte Zuschriften an...“

Das Blatt, mit einer Klarsichtfolie vor Regen geschützt, hing nur wenige Tage. Aber wie viele Passantinnen mögen davorgestanden und sich beim Lesen einen Augenblick lang vorgestellt haben, sie seien gemeint? Ich schicke eine ernstgemeinte Zuschrift an die angegebene E-Mail-Adresse: „Was wurde eigentlich damals aus Ihrer Suche? Konnten Sie die Frau wiederfinden? Oder kam die Liebe auf anderen Wegen zu Ihnen?“
Keine Antwort.

Donnerstag

Vielleicht ist es nur Zufall, dass auch Wim Westerveld aus Holland kommt. Vielleicht auch nicht. In Amsterdam, so hatte es mir Unternehmensgründer Reinders erklärt, sind Aufkleber, private Zettel und wilde Plakatierung im öffentlichen Raum nicht gestattet. Wer auf sich aufmerksam machen will, bedruckt Schutzhüllen für Fahrradsattel. Alles andere wird von den Behörden nicht geduldet. Westerveld, Professor für Typografie und Schriftgestaltung an der Kunsthochschule Weißensee, erzählt Ähnliches von Den Haag: „Da ist es ganz sauber und ordentlich, fast wie in der Schweiz.“

In den letzten Monaten hat er mit einer Gruppe Studierender den öffentlichen Raum in Berlin untersucht. „Die Stadt ist ein hybrider semiotischer Kosmos“, stand in der Semesterankündigung. Der Professor, ungefähr Mitte 50, groß, schlaksig, steht jetzt mit mir in der Oderberger Straße, gemeinsam lassen wir die Oberflächen auf uns wirken. Überall Farbe, überall Schrift: Die Tafel vor dem Café mit den liebevoll gemalten Kreidebuchstaben. Der schwarze Fahrradständer mit Cola-Reklame. Die Graffitis und Tags auf den Hauswänden gegenüber. Die Logos auf dem Baucontainer vor der Schwimmbadbaustelle. Der Stromkasten mit den Konzertplakaten. Die kleinen Läden gegenüber mit ihren Schaufenstern und Leuchtkästen. „Die Stadt spricht nicht nur durch ihre Architektur“, sagt Westerveld. Im Gegenteil: „Die Fassaden verschwinden hinter der Masse der Beschriftungen, die Architektur tritt zurück.“

Ich will mich mit ihm über die Litfaßsäule unterhalten, diese Berliner Erfindung von 1854. Damals bekam der Drucker Ernst Litfaß die Genehmigung, neuartige Plakatsäulen aufzustellen. Man wollte damit der wilden Plakatierung Einhalt gebieten. Litfaß entwickelte daraus ein Geschäftsmodell, das Politik und Wirtschaft gleichermaßen gefiel. Werbetreibende hatten nun die Garantie, dass ihre Plakate über bestimmte Zeiträume zu sehen waren, ohne überklebt zu werden. Die Behörden wiederum konnten die Inhalte der Verlautbarungen vorab bequem kontrollieren und zensieren.

Frage an den Professor: Könnte man sagen, dass mit der Litfaßsäule eine Disziplinierung und Kommerzialisierung des öffentlichen Raums stattgefunden hat? Und dass deshalb die Zettel und Aufkleber an meinem Pfahl auch als eine Art subversiver Rückeroberung der Stadt gelesen werden können? Den Gedanken findet Westerveld durchaus interessant, aber meine These ist ihm eine Spur zu steil. „Die Beklebung wird ja zugelassen. Wenn es ein subversiver Akt sein sollte, müsste man dort kleben, wo es wirklich irritiert oder wehtut.“

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