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Aufgeben ist keine Option

Gesichter der Stadt Ganz Berlin auf einem Mast - die Geschichten hinter den Zetteln

Huch, was ist denn da passiert? Übers Wochenende sind auffällig viele Masten entlang der Torstraße kahl. Wie sauber geputzt sehen sie aus, nur ein paar hartnäckige Kleberreste sind noch zu sehen. Oje, es wird doch jetzt keiner flächendeckend meinen Kiez reinigen, während ich mitten in der Recherche stecke?

Apropos: Wer säubert überhaupt Laternenmasten?

Dienstag

Anruf bei der BSR, Hotline der Abteilung Straßenreinigung. Sind Sie zufällig zuständig für vollgeklebte…? „Da muss ich mal kurz die Chefin fragen.“ Acht Sekunden später: „Nein, damit haben wir nichts zu tun.“ Ich soll mal beim Straßen- und Grünflächenamt nachfragen. Anruf bei der Straßenverkehrsbehörde Pankow, laut Internetseite „zuständig für die Gewährleistung der Sicherheit und Ordnung des öffentlichen Straßenverkehrs“. Kurze Frage: Reißen Sie die Plakate und Zettel an Laternen und Ampeln ab? Nein, das ist nicht unsere Baustelle, sagt der Sachbearbeiter. Er erklärt mir: Die Straßenverkehrsbehörde ordnet zwar die Aufstellung der Verkehrszeichen an. Wenn sie aber erst mal stehen, sind andere zuständig.

Schließlich finde ich folgenden Hinweis: „Für die öffentliche Beleuchtung ist die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, Abteilung X – Tiefbau verantwortlich.“ Für „den Betrieb, die Wartung, die Instandhaltung und die Schadensbeseitigung der öffentlichen Beleuchtung einschließlich der beleuchteten Verkehrszeichen“ hat Berlin einen externen Dienstleister engagiert, die „Vattenfall Europe Netzservice GmbH“.

Also macht Vattenfall die Masten sauber. Nachfrage bei Pressesprecherin Julia Klausch. Fröhlicher Plausch am Telefon, meine Fragen soll ich dann aber doch lieber noch mal schriftlich einreichen. Nach sechs Stunden sind die zitierfähigen Antworten da: „Das Entfernen von Aufklebern, Plakaten oder Zetteln erfolgt regelmäßig im Zuge der Korrosionsschutzmaßnahmen (i.d.R. beim Anstrich der Maste). Falls die technische Funktion der Beleuchtungsanlage beeinträchtigt ist, findet die Entfernung unverzüglich statt.“ Und was ist mit den Ampeln? „Für die Berliner Lichtsignalanlagen ist die Firma Alliander zuständig.“

Wieder was gelernt: Ampelmasten sind nicht gleich Laternenmasten. Kontaktaufnahme mit dem nächsten Unternehmen. Die deutsche Alliander AG, hundertprozentige Tochter der niederländischen Alliander NV, betreibt „Strom- und Gasnetze sowie öffentliche Beleuchtung und Lichtsignalanlagen“. In Berlin managt man seit 2006 „im Rahmen eines für die Stadt attraktiven Private-Partnership-Modells“ alle Verkehrsampeln. Um Presseanfragen kümmert sich die Agentur Dr. Zitelmann PB, laut Selbstbeschreibung „das führende Beratungsunternehmen in Deutschland für strategische Positionierung und Kommunikation von Immobilien- und Fondsgesellschaften“. Interessant – heißt das, Alliander schielt nach mehr als nach den Berliner Ampeln? Der Sache könnte ich vielleicht ein anderes Mal auf den Grund gehen, diesmal will ich nur ein paar harmlose Antworten zum Thema Zettelchen. Nach zwei Tagen meldet sich ein promovierter Agenturmitarbeiter zurück. Leider könne er keine meiner Fragen beantworten. Ich soll es doch mal bei Frau Augenstein versuchen, der Staatssekretärin und Sprecherin des Berliner Senats. Ihr Ernst?, frage ich.

Aber Aufgeben ist keine Option. Ich schreibe an die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt. Nach drei Tagen meldet sich deren Sprecherin Petra Rohland und diktiert mir, zack, zack, die Fakten per Telefon: Ampelanlagen gibt es rund 2100 in Berlin, Leuchten rund 220.000. Für Ampelanlagen gilt: „Die Beklebungen werden nur entfernt, wenn es die Sicherheit gefährdet. Zum Beispiel, wenn das Leuchtfeld zugeklebt ist. Die übrigen Beklebungen werden nicht regulär entfernt.“ Ähnlich sieht es aus bei der Straßenbeleuchtung: „Wilde Plakate und Aufkleber werden nur entfernt, wenn planmäßige Schutzanstriche durchgeführt werden.“ Oder bei Reparaturen. Planmäßige Schutzanstriche finden alle zehn Jahre statt. In der Zwischenzeit darf da hängen, was will. Da ist Berlin großzügig.

Freitag

Worüber ich mich seit Jahren wundere: Warum sehen eigentlich alle Handwerkerzettel gleich aus? Format DIN A6, farbiges Papier, dazu Textbausteine, die erstaunlich frei von Schreibfehlern sind: „Renovierungen aller Art: Tapezieren, Sperrmüll entsorgen, Entrümpelung. Sauber, schnell & preiswert“. Immer Handynummern, nie Firmennamen. Haben alle Berliner Schwarzarbeiter denselben Grafikdesigner? Oder gibt es im Netz digitale Vorlagen?

Entrümplungsanruf Nummer eins, Freitagmittag. Guten Tag, Journalistin, Tagesspiegel, ich schreibe über diese Zettel. Der Mann am anderen Ende lacht laut. „Ich bin auch Journalist, aber aus Bulgarien.“ Ob ich ihm ein paar Fragen…? Nein, jetzt nicht. „Ich bin grade auf der Baustelle.“ Lieber am Wochenende.

Entrümplungsanruf Nummer zwei, Sonntag, früher Nachmittag. Hallo, ich noch mal, passt es jetzt? „Guck doch mal auf die Uhr!“, sagt der Mann, wieder hörbar belustigt. Er sei am Arbeiten, beziehungsweise gerade auf dem Weg nach Zehlendorf. Ich soll mich nachher noch mal melden, ab sechs.

Entrümplungsanruf Nummer drei, vier, fünf, sechs und sieben, Sonntagabend bis Montagfrüh. Keiner hebt ab. Irgendwann ist das Handy ausgestellt. Der bulgarische Journalist hat es sich offenbar anders überlegt.

Mittwoch

Muss ich wohl andere Experten befragen. Zu Besuch bei Copy Clara in der Tucholskystraße in Mitte. Wolf Jaeschke arbeitet seit 20 Jahren hier, was er nicht über Kopien weiß, weiß niemand. Kommen zu Ihnen auch Leute, die Zettel für Masten produzieren? „Ja, aber mittlerweile nicht mehr so viele wie früher, vielleicht zehn in der Woche.“ Und kopieren Sie hier auch diese typischen Handwerkerzettel, die in der ganzen Stadt hängen? Nein, die werden im digitalen Offsetdruck gemacht, das ist viel billiger. Und warum sehen die alle gleich aus? Vorgefertigte Produktionsstufen, erklärt Jaeschke: große Druckmaschinen, Zehntausender-Auflage.

Der Durchschnittszettel des Durchschnittsberliners, der zum Kopieren in einen Copyshop geht, fällt anders aus: Format DIN A5, gerne bunt, Stückzahl höchstens im unteren dreistelligen Bereich. Angeboten werden Nachhilfeunterricht, Gesangsstunden, wissenschaftliche Schreibarbeiten. Jaeschkes Beobachtungen: Gesangsannoncen sind oft per Hand gestaltet, die Ghostwriter dagegen bevorzugen eine sachlich gehaltene Kopiervorlage in Schwarz-Weiß. Bei entlaufenen Tieren dagegen machen die Leute immer (!) Farbkopien: „Da werden keine Kosten und Mühen gescheut.“

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