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Auch am Pfahl gelten Regeln

Gesichter der Stadt Ganz Berlin auf einem Mast - die Geschichten hinter den Zetteln

Dann erzählt er von Walther Ruttmanns Dokumentarfilm „Berlin – die Sinfonie der Großstadt“ von 1927, den er neulich seinen Studenten gezeigt hat. „Man sieht darin, wie viel Kommunikation damals auf der Straße stattfand. Auf den Litfaßsäulen wurden Nachrichten veröffentlicht. Die Menschen standen davor und lasen.“ Diese Funktion ist inzwischen in den Hintergrund gerückt. Stattdessen verschwimmen unzählige Botschaften und Bilder zu einer Gesamtkulisse. Wer durch Berlin läuft, badet in einem Meer aus Schrifttypen, Mitteilungen und Zeichen. Viele Bewohner und Touristen mögen das, weil es sich nach Vielfalt anfühlt, nach Kreativität und Toleranz

Freitag

Endlich, die erste Frau! Bisher haben nur Männer auf meine Anrufe und Mails reagiert, Frauen reagierten zögerlicher. Kathrin Eckhorn wird mir gleich erklären, warum das so ist. Vorher muss ich ihr noch ein paar Komplimente machen, schließlich ist sie so was wie die ungekrönte Zettel-Klebe-Königin von Prenzlauer Berg. Ich weiß nicht, wie oft ich in den letzten Jahren ihre Annonce gesehen habe. Immer das gleiche Querformat, immer der gleiche Text: „Zeichnen steht im Vordergrund; jedoch werden andere Techniken auch unterstützt, bzw. können ausprobiert werden. Eine Gruppen-Bildbesprechung am Ende der Stunde wird von mir angeleitet.“ Dazu ein Foto und eine Kurzbiografie: Kunststudium, seit 1986 freischaffende Künstlerin, „zahlreiche Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen“.

Mit anderen Worten: Seit 30 Jahren hält sich Kathrin Eckhorn als Künstlerin in Berlin über Wasser. Das muss man auch erst mal schaffen. „Ich bin zwischendurch auch putzen gegangen“, sagt die 49-Jährige. Meist aber hat sie von Auftragsarbeiten gelebt. Sie ist als Zeichnerin auf Schiffen oder Messen aufgetreten, „oder ich habe Tiere gemalt, auf Kinder- und Familienfesten gezeichnet“. Seit drei Jahren unterrichtet sie Laien in der Kunst des Porträtzeichnens, immer dienstags im Kunsthaus Prenzlauer Berg. Es kommen die unterschiedlichsten Leute, sagt sie, „vom Kinderarzt bis zur Frisörin, von der Schauspielerin bis zum Taxifahrer“. Damit dem Kurs nie die Teilnehmer ausgehen, klebt sie ständig und überall. Oft mehrere Stunden am Stück, oft mehrmals in der Woche.

„Es gibt interne Regeln, die man beachten sollte“, erklärt sie mir. Zum Beispiel: Nicht direkt mittig auf andere Zettel draufkleben, wenn drum herum noch Platz ist. „Damit macht man sich echt unbeliebt.“ Sie hat schon heftige Wortwechsel erlebt, Streit und Diskussionen direkt am Mast. Vor allem mit den Entrümplern. „Die kleben überall drüber“, sagt Eckhorn.

Systematisch, Straße um Straße, geht sie schon lange nicht mehr vor. Eher nach Intuition. „Man hat es irgendwann im Gefühl, wo am meisten abgerissen oder am schnellsten überklebt wird.“ Manche Straßen kann man sich sowieso sparen, sagt sie. Rund um den Kollwitzplatz gebe es Anwohner, die sehr auf Sauberkeit achten. „Sie patrouillieren täglich mit Müllsäcken und schneiden, kratzen und reißen alles ab, was an den Laternen und Ampeln hängt.“ Das seien aber nicht die zugezogenen Eigentumswohnungsbesitzer oder die Muttis mit den Kinderwagen, sagt Eckhorn, eher pensionierte Altbewohner. „Ich musste mir schon anhören, dass es das in der DDR nicht gegeben hat.“

Wer es trotz mündlicher Einschüchterung und Beschimpfung wagt, weiter zu kleben, kriegt auch mal eine drohende E-Mail oder einen obszönen Anruf. Auch das hat Eckhorn schon erlebt. „Deshalb sind viele Frauen so vorsichtig.“ Den Kollwitzplatz meidet sie mittlerweile. Lieber geht sie dorthin, wo sie freundliche Akzeptanz spürt. Wo sie angelächelt und angequatscht wird, wenn sie mit Tasche und Tesafilm unterwegs ist. „Ich versuche, mich auf das Positive zu konzentrieren.“

Ob sie diese Woche auch noch unterwegs sein wird, frage ich zum Abschied. „Nein, jetzt ist Sommerpause“, sagt sie. Da sind sowieso nur Touristen in der Stadt, da lohnt das Zettelaufhängen nicht. Für die Profis geht die Klebesaison erst wieder im September los.

Dienstag

Das erklärt, warum sich seit Tagen kaum noch was tut an meinem Pfahl. Und plötzlich sehe ich auch, was Eckhorn meinte: Es herrscht ein heimlicher Krieg in der Stadt. Zwischen denen, die lebendige Fülle lieben und denen, die elegante Leere bevorzugen. Entlang der Friedrichstraße, wo sich die Geschäfte mit den Edelmarken aneinander reihen: kein einziger Zettel, alle Laternen sauber. Dasselbe fällt mir in der Grunewaldstraße in Steglitz auf. Oder am Koppenplatz in Mitte.

Ich sehe mittlerweile nur noch Nachrichten, egal wohin ich schaue. Die ganze Stadt eine Pinnwand. An unserer Eingangstür informiert die Kulturbrauerei ihre Nachbarn über eine Veranstaltung mit großer Leinwand und bittet um „Verständnis und Nachsicht“. An der Brücke über den U-Bahn-Gleisen hängen Plakate auf Sperrholzplatten, daneben hat eine Weinbar einen handgeschriebenen Aufsteller angebunden. Zwei Papiereulen zieren die steinernen Brückenpfeiler. An meinem Mast ist wenig los, nur ein Zettel für Drechselkurse ist neu dazugekommen. Er ist hübsch gezeichnet und einladend formuliert: „Am Ende hält der Drechsel-Lehrling seine selbst gedrechselte Schale in der Hand und darf sie selbstverständlich mit nach Hause nehmen.“ An der Hauswand der Oderberger Straße 61 erinnert ein Plexiglasschild an Dietrich Bonhoeffer. Im Kopierladen Ecke Kastanienallee quillt die Korkwand über: Tangokurse, Ayurveda, Yogalehrer-Ausbildung, Wieder zu sich finden, Körper- und Bewegungsexplorationen, Opernsänger gibt Gesangsunterricht.

Im Kopiergerät Nummer 12 hat der Kunde vor mir seine Kopiervorlage vergessen. Ein DIN-A4-Zettel mit Farbfoto, darauf rote und schwarze Schrift. „Achtung!!!! Kriegstreiber, Grabschänder, Friedensheuchler in ihrer Nachbarschaft!!!“ Abgebildet ist der Aktionskünstler Philipp Ruch, dessen „Zentrum für politische Schönheit“ im Juni mit der Beisetzung ertrunkener Flüchtlinge die Stadt polarisierte. Ruchs Büro liegt um die Ecke. 29 Cent pro Farbkopie hat sich ein aufgebrachter Nachbar die Handzettel kosten lassen. Der Copyshop-Angestellte nimmt die vergessene Vorlage entgegen und lässt sie dezent hinter dem Tresen verschwinden.

Auf dem Rückweg ins Büro halte ich an den umliegenden Laternen und Ampeln Ausschau nach den Diffamierungszetteln. Noch hängen sie nicht. Dafür fehlt beim Drechselkursaushang schon der erste Abreißstreifen.

Dieser Text erschien zunächst in unserer gedruckten Samstagsbeilage Mehr Berlin.

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