Man trägt Rot. Seit 2011 ist die 2005 in Brüssel gegründete Bewegung „Serve The City“ auch in Berlin präsent. Foto: privat
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Gemeinsame Sache in Friedrichshain-Kreuzberg Globale Freiwilligenbewegung hilft in Berlin

Mit sozialem Engagement und Aktionen will „Serve The City“ den Zusammenhalt in der Gesellschaft stärken. Die Freiwilligen helfen da, wo sie gebraucht werden.

„Ihr seid ja cool.“ Dankbar blickt Cookie die vier jungen Menschen in roten T-Shirts an, die vor ihm in die Hocke gegangen sind. Neben ihm sitzt seine Freundin Puma, zu seinen Füßen liegt träge sein Hund Amigo del Sol. Seit acht Jahren lebt Cookie auf den Straßen Berlins.

Die Jugendlichen in ihren roten T-Shirts haben ihn an diesem warmen Samstag auf der Oberbaumbrücke getroffen. Sie sind in Friedrichshain-Kreuzberg unterwegs, um Menschen, die auf der Straße leben, Saft und Sandwiches zu bringen. Auf ihren T-Shirts stehen in weißer Farbe die Worte „Hoffnung, Respekt, Mut, Demut und Mitgefühl“ – die fünf Grundwerte von „Serve The City“.

Einmal im Monat macht die wohltätige Organisation soziale Aktionen. Jeder kann bei diesen Aktionstagen mitmachen und zum Beispiel mit den Bewohnern eines Altenpflegeheims picknicken gehen oder deren Räume streichen. Man kann auch, ausgerüstet mit Besen und Handschuhen, einen Kiez von Müll befreien oder in die Notübernachtung gehen und dort tun, was getan werden muss. Oder Sandwiches verteilen, wie das an diesem Tag Gaby, Isabella, Tereza und Vaishnavi machen.

Freundlichkeit auf praktische Weise

„Wir sind eine globale Bewegung von Freiwilligen, die Menschen in Not Freundlichkeit auf praktische Weise zeigen“, sagt Susanne zu Beginn des Aktionstages. Alle, die mitmachen wollen, treffen sich vor den Aktionen in der Kreuzberger Gneisenaustraße, werden über die Organisation aufgeklärt, erhalten ein rotes T-Shirt und teilen sich dann auf die Projekte auf, die an diesem Tag stattfinden.

Etwa 20 Teilnehmer sind diesmal erschienen. „Normalerweise kommen mehr Menschen, aber wegen den Sommertage ist es heute ruhiger“, sagt Melinda.

Die Amerikanerin ist seit 2011 mit dabei, dem Beginn von „Serve The City“ in Berlin. Ihren Ursprung nahm die Bewegung 2005 in Brüssel, mittlerweile gibt es sie in über 65 Städten weltweit. Das Ziel ist, möglichst kurzfristige und unkomplizierte Projekte zu organisieren, damit Freiwilligen der Einstieg ins Engagement so einfach wie möglich gemacht wird.

Aus den verschiedensten Ecken der Welt

Interessanterweise treffen an diesem Samstag Menschen aus den verschiedensten Ecken der Welt aufeinander, nur zwei Helfer kommen aus Deutschland. Die anderen Teilnehmer sind aus den USA, Russland, aus Sierra Leone oder Indien. Zum Teil leben sie in Berlin, doch manche sind auch nur für wenige Wochen in der Stadt.

„Sich zu engagieren ist eine super Möglichkeit, neue Menschen zu treffen und die Stadt besser kennenzulernen, deswegen machen das auch so viele Internationale“, sagt Gaby, die selbst aus Honduras kommt und an diesem Tag die Leiterin des Obdachlosen-Projektes ist.

International sind auch die Menschen, die die Freiwilligen dabei antreffen. Da ist Martin, der seit 26 Jahren auf der Straße lebt und sechs Sprachen spricht. Da ist der tschechische Feuerkünstler mit Melone auf dem Kopf und einem geflochtenen Bart bis zur Gürtelschnalle, dessen Name im Kauderwelsch untergeht und der offenbar in so ziemlich jedem Land in Europa schon gewesen ist.

Martin, der Feuerkünstler, Cookie und Puma und die meisten anderen Obdachlosen, die die Freiwilligen an diesem Tag antreffen, sind spürbar dankbar für das Essen, aber mehr noch für die Aufmerksamkeit, die ihnen geschenkt wird. Manche wirken fast schüchtern, niemand ist unfreundlich oder aggressiv.

Unsichtbare Linien überschreiten

Und schüchtern sind nicht nur die Angesprochenen. Es sind auch die Freiwilligen selbst, die zu Beginn des Projektes noch zögerlich auf die Obdachlosen zugehen. Wie soll man sie ansprechen und wie vor allem die eigene Hemmschwelle überwinden, etwas tun, das man bisher noch nicht getan hat?

Doch schon nach den ersten Begegnungen legt sich diese Nervosität: „Es ist sehr interessant, total anders als alles, was ich bisher gemacht habe“, sagt die 29-jährige Vaishnavi aus Indien nachdenklich, sie ist heute zum ersten Mal dabei. „Am Anfang bedeutet es viel Mut, auf die Menschen zuzugehen, weil man ja nicht weiß, wie sie reagieren, aber die meisten sind so freundlich, wenn man sich erstmal auf sie eingelassen hat.“

Tatsächlich beschreibt sie damit, was „Serve The City“ zu einem seiner Hauptanliegen gemacht hat: „Uns geht es darum, die vielen unsichtbaren Linien und Grenzen im Leben zu überschreiten, um neue Begegnungen zu schaffen“, sagt Melinda am Anfang des Aktionstages.

„Oft mag man vielleicht die Obdachlosen gar nicht ansehen, weil man auf dem Weg zur Arbeit ist und den Kopf mit eigenen Dingen voll hat. Wir aber wollen diese Menschen in unser Bewusstsein rücken, damit wir sie nicht mehr nur anhand ihrer Bedürfnisse erkennen, sondern anhand ihres Namens.“

Für ihr Engagement wurde die Bewegung im Rahmen des bundesweiten Wettbewerbs für soziale Projekte „Startsocial“ kürzlich von Angela Merkel im Kanzleramt geehrt. Darauf ist man bei „Serve The City“ stolz, vor allem, „weil das Engagement unserer Freiwilligen dadurch sichtbar gemacht wurde“.

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Um das Sichtbarmachen von Engagement geht es auch bei der vom Tagesspiegel organisierten „Gemeinsamen Sache“, in deren Rahmen „Serve The City“ am 21. September wieder einen Aktionstag durchführt. Spätestens dann werden irgendwo in Berlin wieder die Helfer mit den roten T-Shirts zu sehen sein.

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