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Und niemand will es gewusst haben. Jeden Tag wurden 2000 Häftlinge vom Lager zur Arbeit getrieben und zurück – mitten durch Oranienburg. Foto: Bundesarchiv
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Gedenken an die Holocaust-Opfer Warum Sachsenhausen erst Ende April befreit wurde

Im Januar wird der NS-Opfer gedacht, weil in dieser Zeit 1945 Auschwitz befreit wurde. Doch im Berliner Norden war das Leid erst im April vorbei.

Am 27. Januar 1945 geschah, was inzwischen in Ländern weltweit erinnert wird. Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee die letzten Überlebenden des Konzentrationslagers Auschwitz. Auschwitz – dieser Name steht für das grauenhafteste Verbrechen der Menschheitsgeschichte, für den vom nationalsozialistischen Deutschen Reich organisierten und verübten millionenfachen Mord an den europäischen Juden.

Seit 1996 begeht auch Deutschland den Holocaust-Gedenktag an jedem 27. Januar. Aber das Leid zehntausender Menschen in vielen anderen NS-Konzentrationslagern war mit diesem Datum im Januar 1945 nicht zu Ende.

Im Lager Bergen-Belsen, zwischen Hannover und Lüneburg, brachten erst am 15. April 1945 vorrückende britische Truppen 60.000 Häftlingen die Freiheit. 14.000 von ihnen starben noch innerhalb weniger Tage danach an Entkräftung.

Unter ihnen waren vermutlich auch viele, die zuvor aus dem KZ Sachsenhausen bei Oranienburg dorthin deportiert worden waren. In das Lager in Sachsenhausen kamen die Befreier, sowjetische und polnische Soldaten, am 22. April 1945, fast drei Monate, nachdem das Leiden der Auschwitz-Häftlinge beendet worden war.

Die SS hatte angesichts der vorrückenden sowjetischen Truppen versucht, möglichst viele Menschen noch in andere Lager zu deportieren. 30.000 Menschen wurden so zu tagelangen Gewaltmärschen gezwungen, die 6000 von ihnen nicht überlebten. Die Befreier fanden in Sachsenhausen noch 3000 zurück gebliebene, vorwiegend kranke und hilflose Häftlinge vor.

100.000 Menschen starben alleine in Sachsenhausen

Zwischen 1936 und 1945 waren in diesem Lager bei Oranienburg mehr als 200.000 Menschen inhaftiert: Sinti, Roma, Homosexuelle, Juden, politische Gegner des NS-Regimes, alliierte Kriegsgefangene. 100.000 von ihnen starben in dieser Zeit – vernichtet durch Mord, Hunger, Krankheiten oder völlige Entkräftung nach jahrelanger, ausbeuterischer Zwangsarbeit.

Das alles geschah unter den Augen der Oranienburger Bevölkerung. Mehr als 2000 Arbeiter wurden jeden Morgen auf dem Weg vom Lager zu den gigantischen Ziegelwerken bei Lehnitz-Schleuse durch die Stadt getrieben. In der Nähe wurde der Lehm gebrochen, um jene Ziegel herzustellen, aus denen die nationalsozialistische Welthauptstadt Germania errichtet werden sollte.

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Das Konzentrationslager Sachsenhausen war als NS-Muster-KZ konzipiert. Es diente als Vorbild für alle anderen Konzentrationslager. Hier bildete die SS Aufseher und Wachmannschaft für alle Lager aus. Sie wohnten nicht isoliert. Die Häuser der SS-Offiziere waren nicht versteckt. Sie sind zum Teil bis heute erhalten. Wenn es in Deutschland eine Stadt gegeben hat, in der niemand sagen konnte, er habe vom Terror des NS-Staates nicht gewusst, war es Oranienburg.

Das Lager von oben. Heute ist davon kaum noch etwas zu sehen. Foto: Bundesarchiv Vergrößern
Das Lager von oben. Heute ist davon kaum noch etwas zu sehen. © Bundesarchiv

Der Zynismus derer, die diese Vernichtungsmaschinerie ersannen, war kaum zu überbieten. „Arbeit macht frei“, stand in schmiedeeisernen Lettern am Lagertor. Aber diese Zwangsarbeit – in mehr als 70 Außenkommandos, darunter auch die Rüstungsfabriken von AEG und Siemens – machte nicht frei. Sie brachte um. Während in Berlin die Olympischen Sommerspiele 1936 der Welt das Bild eines friedlichen Deutschland suggerieren sollten, hatten im Norden der Reichshauptstadt Planung und Bau des Konzentrationslagers begonnen.

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1938, nach der Pogromnacht, in der auch in Berlin Synagogen und jüdische Geschäfte brannten, wurden tausende Berliner Juden im KZ Oranienburg in eine angebliche „Schutzhaft“ genommen, die für viele wochenlang dauerte. Entlassen wurden sie mit der Maßgabe, aus Deutschland zu verschwinden.

Rechtsextremisten leugnen das Lager

Weil von den ursprünglichen Anlagen des Konzentrationslagers kaum noch etwas erhalten ist, bestreiten zunehmend Rechtsextremisten und Holocaustleugner, dass in Sachsenhausen überhaupt Menschen ums Leben gekommen seien. Die Dokumente, Schriftstücke, Fotos und erhalten gebliebenen Unterlagen der SS lassen aber überhaupt keinen Zweifel daran, dass auch Sachsenhausen ein Lager gewesen ist, dessen einziges Ziel die Vernichtung von Menschenleben war.

1941 wurden in einer eigens dafür gebauten Genickschussanlage 13.000 sowjetische Kriegsgefangene ermordet. Die Exekution so vieler Menschen führte bei den Tätern nicht etwa zu Skrupeln, sondern zu Überlegungen, wie sich Vergleichbares im Wiederholungsfall besser organisieren ließe. 1942 veranlasste die SS daher die Errichtung eines größeren Gebäudes. Die Wachmannschaften gaben ihm den Namen „Station Z“.

In diesem Bau entstanden vier Krematoriumsöfen und eine Gaskammer. In einem abgetrennten Sektor fanden Erschießungen statt. „Station Z“ nannte die SS diesen Teil der Anlage, weil Z der letzte Buchstabe des Alphabets ist – und weil hier das Leben der Häftlinge endete. Nach Z kam nichts mehr.

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