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Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke) Foto: Wolfgang Kumm/dpa
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Fünfjähriges Kulturprojekt startet Lederer will Kolonialgeschichte Berlins aufarbeiten

Einzigartig in Deutschland: Fünf Jahre lang arbeiten Verwaltung, Stadtmuseum und NGOs zusammen, um Berlins Vergangenheit als Kolonialstadt aufzuarbeiten.

Berlin will sich seiner Verantwortung als ehemalige koloniale Metropole stellen. Das sei das Ziel eines stadtweiten Kulturprojekts, das in diesem Jahr startet, wie Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Linke) am Freitag sagte. Er hat das zunächst auf fünf Jahre auslegte Projekt initiiert. Unter anderem sind Ausstellungen und Kulturfestivals geplant. Zwei Millionen Euro investiert das Land Berlin dafür, eine Million steuert die Kulturstiftung des Bundes bei. Neben der Verwaltung und dem Berliner Stadtmuseum sind von Anfang an auch zivilgesellschaftliche Initiativen an der Planung beteiligt.

„Vergangenheit prägt die Gegenwart“, sagte Tahir Della von der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland bei der Vorstellung des Projekts in der Senatsverwaltung für Kultur und Europa. Er ist stellvertretend für die teilnehmenden NGOs gekommen, zu denen auch die Vereine Berlin Postkolonial und Each One Teach One gehören. Es gehe darum, nicht immer die Perspektive der Kolonisierer einzunehmen, sondern auch die Betroffenen zu sehen, sagte Della. NGOs hätten bereits vor Jahrzehnten mit dem Aufarbeiten der Geschichte begonnen. „Wir hoffen, dass das Projekt Vorbildcharakter haben kann“, sagte Della.

Aufarbeitung vor Dekolonisierung

Neben Ausstellungen in den Stadt- und Bezirksmuseen sind auch Kulturfestivals und Konferenzen in den Bezirken geplant. Außerdem soll eine interaktive Web-Karte mit den kolonialgeschichtlich relevanten Orten inner- und außerhalb Berlins entstehen. NGOs werden im Rahmen des Projekts mit Berliner Museen zusammenarbeiten und bei der Konzeption von Ausstellungen beraten.

Das Afrikanische Viertel im Wedding. Hier sollen Straßen umbenannt werden, die nach einstigen Kolonialherren benannt sind. Foto: dpa/ picture alliance / Monika Skolim Vergrößern
Das Afrikanische Viertel im Wedding. Hier sollen Straßen umbenannt werden, die nach einstigen Kolonialherren benannt sind. © dpa/ picture alliance / Monika Skolim

„Es geht auch darum, zu fragen, in was für einer Gesellschaft wir eigentlich leben wollen“, sagte Della. Bevor dekolonisiert werden kann, müsse erst einmal aufgearbeitet werden, was überhaupt stattgefunden hat. Das Bewusstsein in der Bevölkerung sei oft sehr gering. Das zeige auch die Debatte um die Umbenennungen im Afrikanischen Viertel im Wedding, bei der viele Menschen gar nicht wüssten, welche Menschen mit den Straßennamen geehrt werden.

Berlin fängt an

Klaus Lederer betonte, dass es derzeit kein vergleichbares Projekt in Deutschland gebe. „Wichtig ist es, überhaupt zu beginnen. Das tut Berlin jetzt“, sagte Lederer. Zwar hätten die Debatten um das Humboldt-Forum oder das Afrikanische Viertel die deutsche Kolonialgeschichte präsenter gemacht, trotzdem gebe es in der Gesellschaft noch immer ein „Wahrnehmungsdefizit“ und eine mangelnde Bereitschaft, sich der Verantwortung zu stellen. Er plane deshalb für die Zukunft ein weiteres, ressortübergreifendes Aufarbeitungsprojekt, das unter anderem die Wirtschaftsbeziehungen Berlins beleuchten soll.

Hortensia Völckers, Tahir Della, Klaus Lederer und Paul Spies bei der Vorstellung ihres Projekts in Berlin. Foto: Inga Barthels Vergrößern
Hortensia Völckers, Tahir Della, Klaus Lederer und Paul Spies bei der Vorstellung ihres Projekts in Berlin. © Inga Barthels

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Hortensia Völckers, die künstlerische Leiterin der Kulturstiftung des Bundes, bezeichnet die Initiative Berlins als „großen Glücksfall“. Dass eine Verwaltung auf die Stiftung zukomme und auch noch Geld mitbringe, sei selten, sagte sie und sorgte damit für Lacher bei ihren Mitstreitern. Nachdem sie gesprochen hatte, rückte Völkers an die Seite und ließ Tahir Della in der Mitte sitzen. Die Aktivisten stünden im Mittelpunkt des Projekts.

Auch der Direktor des Berliner Stadtmuseums Paul Spies betonte, wie wichtig eine enge Zusammenarbeit zwischen Museen und zivilgesellschaftlichen Initiativen ist. „Wir haben die Expertise nicht“, sagte Spies. Oft würden Ausstellungen konzipiert und erst dann NGOs herangezogen. Das sei aber zu spät. „Man muss den ersten Gedanken gemeinsam schaffen.“

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