Rummelmacher. An den Ständen von Michael Jacob (l.) und Thomas Böttner geht es gemütlicher zu als am Karussel. Foto: Mike Wolff
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Frühlingsfest am Kurt-Schumacher-Damm Das Leben ist eine Achterbahn

Buden, Riesenrad, Zuckerwatte: Wie lebt es sich als Schausteller? Ein Besuch auf dem Rummel.

Es ist bunt und es ist laut: Noch bis zum 22. April findet nun zum 49. Mal das Berliner Frühlingsfest auf dem Großen Festplatz am Kurt-Schumacher-Damm statt. Karusselle aller Art blinken wie verrückt, am Autoscooter kreischen Passagiere bei Zusammenstößen, und vor jedem Fahrgeschäft plärrt Musik aus den Lautsprechern. So wie es sich eben für einen anständigen Rummel gehört.

Mit seinen 79 Ständen, Buden und Attraktionen ist der Rummel am Kurt-Schumacher-Damm das größte Frühlingsfest im Umkreis Berlin-Brandenburg. Es gibt eine Geister- und eine Achterbahn, ein Riesenrad und natürlich gebrannte Mandeln sowie Zuckerwatte in allen Variationen. Auch das Naschen soll sich auf dem Rummel nach Erlebnis anfühlen. Die rosafarbene Zuckerwatte hat einen Erdbeergeschmack, die bläuliche einen Hauch von Heidelbeere. Zimt-, Butter- und Vanillemandeln – alles da.

Thomas Böttner und Michael Jacob, die im Auftrag des Berliner Schaustellerverbandes die Veranstaltung mitorganisieren, hoffen auf insgesamt bis zu 250.000 Besucher. Böttner und Jacob sind beide selbst auch Schausteller und mit ihren Buden verbringen sie die dreieinhalb Wochen auf dem Festgelände.

Auf 20 bis 25 solcher Feste im Jahr sei er zugegen, sagt Michael Jacob, „ich bin eigentlich das ganze Jahr mit meiner Familie unterwegs“. Für viele Schausteller, so auch für ihn, beginne nach der Winterpause auf dem Berliner Frühlingsfest die neue Saison.

Die Temperaturen steigen und allein in Berlin findet jetzt wieder ein Fest nach dem anderen statt. Es gibt so viele, dass Thomas Böttner, wie er sagt, das ganze Jahr über weit weniger als sein Kollege Michael Jacob unterwegs sei – und sich allein in Berlin und Umland aufhalte. Die eben begonnene Britzer Festwoche dauert noch bis zum 22. April.

Am 12. April beginnt der Ostermarkt auf dem Breitscheidplatz, eine Woche später jener auf dem Alexanderplatz. Ende April starten die Neuköllner Maientage in der Hasenheide, am 1. Mai geht es wieder bunt und vielfältig beim Myfest in Kreuzberg zu. Dann die Steglitzer Woche, das Biesdorfer Blütenfest – und so geht es das ganze Jahr lang immer weiter mit den Rummeln und Festen in Berlin.

Jacob bietet "Lustiges Entenangeln"

Mit ihren Schaustellerbetrieben setzen Böttner und Jacob weniger auf das Spektakuläre, bei ihnen bleibt den Festbesuchern nicht die Luft weg wie auf der Achterbahn. Sie haben Rummelklassiker und Familienfreundliches im Angebot. Böttner hat ein Kinderkarussell aufgebaut, eine Ballwurfbude und einen Waffelstand. Jacob bietet ebenfalls Ballwerfen und „Lustiges Entenangeln“ an.

Klar, anderswo gebe es sicher mehr Action als bei seinen Buden, sagt Jacob. Beispielsweise beim Fahrgeschäft „Breakdance“, wo Passagiere in kleinen Gondeln sitzen, die wie wild auf einer Drehscheibe rotieren. Ja, dort könne es einem schon mal den Magen umdrehen. „Das Fahrgeschäft gehört meinen Schwiegereltern“, fügt er hinzu.

Michael Jacob ist genau wie seine Frau, Ivonne Groß, in einer Schaustellerfamilie aufgewachsen. Bei beiden gehört ihr Beruf zur Familientradition. Schon der Uropa von Jacob habe auf Volksfesten Zuckerstangen hergestellt, die nachfolgenden Generationen bis hin zu ihm blieben dem Gewerbe treu. Nur seine Schwester sei heute Ärztin.

Hinter ihrer Wurfbude haben die beiden ihr Zuhause

Kennengelernt habe er seine heutige Frau natürlich auch auf dem Rummel. Auf dem Weihnachtsmarkt in Magdeburg, auf dem beide mit ihren Schaustellerfamilien waren. Damals war der heute 35-Jährige drei Jahre alt, seine Frau zwei Jahre älter. Ihr gemeinsamer Sohn ist jetzt zehn. „Was auch immer er mal werden will, wir unterstützen ihn in allem“, sagt Ivonne Groß, aber sehr gerne dürfe auch er Schausteller werden und die Familientradition fortsetzen.

Gleich hinter ihrer Wurfbude haben die beiden ihr Zuhause. Einen Wohnwagen, der freilich größer ist als die Vehikel, die normalerweise auf dem Campingplatz zu finden sind. Das Zuhause von Jacob und Groß muss von einem Sattelschlepper gezogen werden. Michael Jacob bittet hinein in seine portable Wohnung, in der sich drei Personen samt Hund 38 Quadratmeter teilen. Seine Frau hat Kaffee gekocht und holt gleich den Sohn von der Schule ab.

Ganz einfach mit einem schulpflichtigen Kind sei diese Art von Leben natürlich nicht. An dem Ort, wo die Wurfbude und das Entenangeln aufgebaut werden, geht Sohn Jason auch auf die Schule, nach ein paar Tagen oder Wochen schon wieder auf eine andere. Richtige Probleme würde er trotz dieses unsteten Lebens nicht haben, so Michael Jacob. Höchstens den Neid so mancher Mitschüler auf sich ziehen, weil er in den Augen der Kinder vermeintlich mitten im Paradies, nämlich auf dem Rummelplatz, leben dürfe.

„Ich liebe meinen Beruf“, sagen beide

Und wie glücklich sind Michael Jacob und seine Frau mit diesem Leben? Beide sagen sie das Gleiche: „Ich liebe meinen Beruf.“ Klar, so Ivonne Groß, auf dem Rummel zu arbeiten, bedeute, einen 12- bis 14-Stunden-Arbeitstag zu haben, dennoch könne sie sich nichts Besseres vorstellen, „und zwar auch aus diesem einfachen Grund: Ich bin so gut wie den ganzen Tag mit meinem Mann zusammen.“

Sorgen macht sich Jacob eher über etwas anderes: „Immer mehr Feste in Deutschland fallen weg“, sagt er. Das habe unterschiedliche Gründe. Festplätze wie der am Kurt-Schumacher-Damm würden einfach bebaut. „Da kommt dann vielleicht ein Möbelhaus hin.“ Danach fehle den Gemeinden ein fester Standort für den Rummel.

Auch verschärfte Sicherheitsbestimmungen haben Auswirkungen. So wurde eben erst das traditionelle Stadtfest in Chemnitz abgesagt – wegen unkalkulierbarer Risiken, die sich nach den Ausschreitungen in der Stadt im letzten Jahr ergeben hätten. Auch die Poller am Haupteingang des Berliner Frühlingsfestes sind eine direkte Folge des Attentats auf dem Weihnachtsmarkt auf dem Berliner Breitscheidplatz vor drei Jahren.

Noch aber findet Jacob genügend Festplätze, um seine Buden aufzustellen. Nach dem Berliner Frühlingsfest reist er weiter in seine Heimat, zum Baumblütenfest in Werder. Danach geht es auf die Steglitzer Festwoche und zum Berliner Volksfestsommer. Später im Jahr, zum Oktoberfest, wird er dann wieder genau hier sein, wo er sich gerade befindet: Auf dem Großen Festplatz am Kurt-Schumacher-Damm.

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