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Puzzlestücke aus dem Labor

Geschichte in Pulverform. Um das DNA-Material des Skeletts zu analysieren, wird in einem Labor des Virchow-Klinikums das Felsenbein – ein Knochenstück des Schädels – herausgesägt, gesäubert und zu Knochenmehl zerkleinert. Foto: Thilo Rückeis
Frühgeschichte Berlins Die Prinzessin ist ein Prinz - was ein Skelett über die Stadt verrät

In einem sterilen Raum in Mitte beugen sich drei Frauen über einen Beckenknochen.

„Kein Stachel?“, fragt Claudia Melisch, die Archäologin.

„Also keine Kinder?“, fragt Marion Bertram, die Museumsleiterin.

„Sieht mir nicht danach aus“, sagt Natasha Powers, die Osteologin.

Wenn Frauen Kinder zur Welt bringen, zerren ihre überdehnten Bänder mit Gewalt am Beckenboden, wodurch am Bänderansatz kleine, knöcherne Spitzen entstehen können. Je mehr Geburten, desto mehr solcher Stachel. Am Becken der Britzer Prinzessin ist kein Stachel zu erkennen.

„Überhaupt scheint sie mir jünger zu sein, als Grimm glaubte“, sagt Powers. „Ich würde eher auf 13 tippen.“

Der Schädel wandert von Hand zu Hand

Die Knochenspezialistin ist eigens für die Untersuchung aus Großbritannien angereist, sie arbeitet für ein privates Archäologieinstitut im mittelenglischen Lincoln. „Osteologen“, erklärt sie, „arbeiten in erster Linie durch Beobachtung. Wir suchen Knochen nach ungewöhnlichen Merkmalen ab. Das heißt, dass wir eine Vorstellung davon haben müssen, was gewöhnlich ist – wir brauchen eine innere Vergleichsbasis.“ Powers’ Blick, verschärft durch dicke Brillengläser, ist freundlich, aber neugierig bohrend, als scanne sie unter der Haut ihrer Gesprächspartner intuitiv deren Knochenbau, um ihre innere Vergleichsbasis zu erweitern.

Das Britzer Skelett ist in ein Sandbett eingelassen und überzogen mit transparentem Lack – so präparierte man Gebeine in den 50er Jahren, wenn sie ausgestellt werden sollten. Für das, was Melisch, Bertram und Powers mit dem Skelett vorhaben, muss der Lack stellenweise wieder abgekratzt, müssen Knochen aus dem Sandbett gelöst werden. Den Schädel haben die drei bereits herausgetrennt, er wandert an jenem Vormittag von einer blau behandschuhten Hand zur anderen, mit routinierten, fast nachlässigen Bewegungen – man merkt, dass diese Frauen nicht zum ersten Mal mit Menschenknochen hantieren.

Die Archäologin. Claudia Melisch karrt im Kofferraum ihres Skoda Yeti Säcke voller Knochen durch die Stadt. Foto: Thilo Rückeis Vergrößern
Die Archäologin. Claudia Melisch karrt im Kofferraum ihres Skoda Yeti Säcke voller Knochen durch die Stadt. © Thilo Rückeis

Seit den 50er Jahren, besonders aber in den vergangenen zwei Jahrzehnten, haben sich die Möglichkeiten zur Untersuchung archäologischer Funde enorm entwickelt. Das ist der Grund, warum die Wissenschaftlerinnen das Britzer Skelett ins Archäologische Zentrum in der Geschwister-Scholl-Straße verfrachtet haben. Um durch Knochenstudien, Radiokarbondatierungen, Isotopen- und DNA-Analysen Erkenntnisse über den Berliner Raum der Merowingerzeit zu gewinnen, die in den 50er Jahren weder möglich noch vorstellbar waren.

Die germanischen Vorbewohner der Region waren in der ausgehenden Ära der Völkerwanderung bereits nach Westen weitergezogen, die später von Osten nachrückenden Slawen noch nicht eingetroffen. „Lange dachte man, dass hier in der Zwischenzeit komplette Siedlungsleere herrschte“, sagt Marion Bertram, die stellvertretende Leiterin des Museums für Vor- und Frühgeschichte. „Bis dann doch ein paar Einzelfunde auftauchten.“ Man könne davon ausgehen, dass rund um die Fundstelle der beiden Britzer Skelette weitere Menschen beigesetzt worden seien, dass der Ort im 6. Jahrhundert einer kleinen Siedlergemeinde als Friedhof diente.

"Diese Kerbe macht mich stutzig"

Aber wer waren diese Menschen? Die Grabbeigaben des Britzer Skeletts ähneln jenen, die zur gleichen Zeit im fränkisch-thüringischen Raum verbreitet waren, dem Kernland der Merowinger. „Denkbar wäre“, sagt Bertram, „dass das Mädchen von dort in den Berliner Raum verheiratet wurde, bevor es hier aus unbekannten Gründen starb.“

Natasha Powers, die Osteologin, kann an den Knochen keine Hinweise auf Langzeiterkrankungen wie Tuberkulose entdecken, die Spuren am Skelett hinterlassen hätten. Lediglich Anzeichen von Eisenmangel findet sie, aber der dürfte nicht lebensbedrohlich gewesen sein.

Eingehend betrachtet Powers am Ende ihrer Untersuchung die enge, u-förmige Ischiaskerbe am Becken des Skeletts. Bei den Knochen eines so jung verstorbenen Menschen, sagt sie, lasse sich das Geschlecht nicht eindeutig bestimmen, weil sich die typischen Merkmale erst in der Pubertät herausbilden. „Aber diese Kerbe macht mich stutzig. Wenn ich wetten müsste, würde ich sagen: Die gehört eher zu einem Jungen.“

Ein paar Wochen später. Natasha Powers ist zurück nach England gereist, Marion Bertram und Claudia Melisch begegnen sich in einem Laborraum der Charité im Weddinger Virchow-Klinikum wieder. Mitgebracht haben sie den Schädel des Britzer Skeletts.

„Nehmen wir das Felsenbein?“, fragt Melisch.

Jessica Rothe nickt. „Wir nehmen das Felsenbein.“

Normalerweise arbeitet sie im Auftrag der Polizei

Rothe ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Abteilung für forensische Genetik. Normalerweise arbeitet sie vor allem im Auftrag der Berliner Polizei. Sie erstellt DNA-Analysen zur Identifizierung von Vermissten oder zum Abgleich mit Täterdatenbanken. Eher zufällig lernte sie vor ein paar Jahren bei einer öffentlichen Führung Claudia Melisch kennen, als die Archäologin am Tag des offenen Denkmals einer Gruppe von Besuchern die Ausgrabungsstätte am Berliner Petriplatz zeigte. Rothe stellte so viele neugierige Fragen über die dort gefundenen mittelalterlichen Skelette, dass die beiden Frauen nach der Führung ins Gespräch kamen. Als die Archäologin erfuhr, dass ihre Zuhörerin DNA-Spezialistin ist, rief sie spontan: „Du musst mir helfen!“

Rothe und ihre Abteilungsleiterin Marion Nagy ließen sich leicht dafür begeistern, Melischs Forschungen zu unterstützen. Immer mal wieder parkt seitdem auf dem Hof des Virchow-Klinikums Melischs cremefarbener Skoda Yeti, in dessen Kofferraum die Archäologin Säcke voller Knochen aus der Petri-Grabung durch die Stadt karrt.

Die Knochenspezialistin. Natasha Powers ist Osteologin und arbeitet für ein privates Archäologieinstitut im mittelenglischen Lincoln. Foto: Thilo Rückeis Vergrößern
Die Knochenspezialistin. Natasha Powers ist Osteologin und arbeitet für ein privates Archäologieinstitut im mittelenglischen Lincoln. © Thilo Rückeis

Für Knochenuntersuchungen gibt es in der Charité-Abteilung einen eigenen, streng abgetrennten Laborbereich. Die wenigen Menschen, die hier Zutritt haben, wurden im Vorfeld genetisch sequenziert, um ihre DNA vom Erbmaterial der untersuchten Knochen unterscheiden zu können.

„Gerade archäologische Funde sind immer mit fremder DNA kontaminiert“, erklärt Rothe. „Bauarbeiter, Archäologen, Museumsmitarbeiter – alle haben die Knochen in der Hand gehabt.“

Melisch lacht. „Und an diesem Skelett wirst du wirklich alle Varianten von Fremd-DNA finden: Ich bin dunkelhaarig, Natasha Powers ist blond, Marion Bertram rothaarig.“

Gesucht: die dicksten Stellen der Knochen

Um möglichst gering kontaminierte Proben zu entnehmen, suchen DNA-Experten wie Rothe nach den dicksten Knochenstellen, aus denen sich innen liegendes, unberührtes Material heraussägen lässt. Meist verwenden sie die Zähne oder die massiven Schädelteile rund um den Gehörgang. Dort sitzt auch das Felsenbein. Rothe wird es im Labor aus dem Schädel des Britzer Skeletts heraussägen, von Lackspuren befreien und dann zerkleinern, um die inneren Teile zu Knochenmehl zu pulverisieren und schließlich mit einer Zentrifuge DNA-Material herauszufiltern. Das Gleiche wird sie mit dem zweiten Skelett tun, das in Britz entdeckt wurde, und mit den Knochen des Neuköllner Reiters.

Andere Teile der drei Skelette – Lendenwirbel, Fersenknochen, Backenzähne – sind derweil unterwegs nach Mannheim, wo sie per Radiokarbonuntersuchung datiert werden, sowie nach Durham, wo eine Isotopenanalyse durchgeführt wird.

„Man muss sich sehr genau überlegen, welche Knochenteile man für welche Untersuchungen einsetzt“, sagt Claudia Melisch. „Das verwertbare Material ist endlich. Irgendwann ist so ein Skelett aufgebraucht.“

Es dauert Monate, bis alle Untersuchungsergebnisse vorliegen. Nach und nach treffen sie bei Claudia Melisch und Marion Bertram ein, jedes ein Puzzlestück. Das Puzzle wird unvollständig bleiben, der Blick in die anderthalbtausendjährige Vergangenheit nur ausschnittsweise gelingen. Aber was sich in diesen Ausschnitten abzeichnet, fällt teilweise spektakulärer aus, als es die Wissenschaftlerinnen am Anfang ihres Forschungswegs erahnen konnten.

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