Fridays for Future: Schüler protestieren für den Klimaschutz im Invalidenpark. Britta Pedersen
© Britta Pedersen

"Fridays for Future" 10.000 Teilnehmer bei Großdemo in Berlin erwartet

Seit drei Monaten gehen Schüler freitags auf die Straße, um für Klimaschutz zu demonstrieren. Die 15-jährige Franziska Wessel ist eine der Mitorganisatorinnen.

Franziska Wessel, 15-jährige Gymnasiastin aus Steglitz-Zehlendorf, hat eigentlich keine Zeit. Sie ist die Hauptvertreterin von Berlins Zweigstelle der „Fridays for Future“-Bewegung (FFF), die Schüler und Schülerinnen seit drei Monaten motiviert, freitags nicht zur Schule zu gehen und stattdessen für besseren Klimaschutz zu demonstrieren.

Diesen Freitag geht’s nämlich wieder los, und zwar richtig: Schüler und Schülerinnen auf der ganzen Welt, in 170 deutschen Städten und in 100 Ländern der Welt gehen auf die Straße. Es soll der größte internationale Klimastreik bisher werden, allein in Berlin wurden bei der Versammlungsbehörde 5000 Demonstranten angemeldet, "Fridays for Future" rechnet mit 10.000.

Und diesmal sind die Schüler auch nicht alleine, sie haben jetzt Rückendeckung von mehr als 19.000 Wissenschaftlern im deutschsprachigen Raum bekommen, die sich unter dem Namen „Scientists for Future“ zusammengeschlossen haben, um die Schulstreiks zu unterstützen. Bei der Großdemo in Berlin wird die finale Unterschriftenliste von "Scientists for Future" an "Fridays for Future" übergeben. „Das bedeutet uns richtig viel, das ist essenziell für diese Bewegung“, sagt Franziska.

"Es kann nicht sein, dass die Politik nichts macht"

Die Bewegung hat für viel Wirbel gesorgt: Sollten Schüler nicht lieber zur Schule gehen - und in ihrer Freizeit demonstrieren? Verstehen Kinder wirklich, wie Politik funktioniert? Was wollen sie überhaupt konkret?

Als sie mit dem Tagesspiegel spricht, sitzt Franziska Wessel im Zug, sie kommt gerade zurück aus Straßburg: Am Montag und Dienstag war sie mit "Fridays for Future" im EU-Parlament, die Jugendlichen wurden von den Grünen, den Linken und den Sozialdemokraten eingeladen. „Dort haben wir einen Raum zur Verfügung gestellt bekommen, um mit den Vertretern der Bewegung innerhalb der EU zu koordinieren“, erzählt sie. Bei diesem Treffen waren etwa 60 FFF-Vertreter aus 20 Ländern dabei, zwischen 10 und 25 Jahre alt sind die Kids.

Franziska Wessel aus Zehlendorf ist seit Januar bei Fridays for Future dabei. Foto: Felix Hackenbruch Vergrößern
Franziska Wessel aus Zehlendorf ist seit Januar bei Fridays for Future dabei. © Felix Hackenbruch

Wessel ist seit Januar fest bei FFF dabei, schreibt E-Mails, führt Telefonkonferenzen, organisiert Technik und Bühnen für die Demos. Angefangen habe alles, als sie in der Schule über den Klimawandel lernte. „Im Unterricht haben wir das Gröbste behandelt, dass es den Klimawandel gibt und dass er menschengemacht ist, aber nicht wirklich was das bedeutet, was die Auswirkungen sind“, kritisiert Wessel.

Zusammen mit ihren Eltern habe sie beschlossen, ein Jahr lang so klimaneutral wie möglich zu leben. Nach dem Jahr habe sie festgestellt, dass jeder Einzelne etwas tun könne, aber es müsse noch sehr viel mehr passieren. „In Deutschland müssten wir pro Person pro Jahr zwei Tonnen CO2 ausstoßen – im Schnitt stoßen wir aber pro Person elf Tonnen aus. Das ist ganz schön erschreckend“, sagt die Aktivistin. „Jeder muss bei sich anfangen, klar – aber es kann auch nicht sein, dass die Politik nichts macht“.

Was wollen die Jugendlichen von "Fridays for Future" konkret erreichen? „Der erste Schritt ist, dass die Bundessregierung die Klimaziele von Paris einhält. Bisher tut sie das nämlich nicht. Die Regierung darf auch die Verantwortung dafür nicht abgeben“, sagt Wessel. „Ich weiß auch einfach gar nicht, was die sich denken!“.

Die Politik passe auch langsam mehr auf, erzählt sie, zum Beispiel seien einige Vertreter der Bewegung schon bei Wirtschaftsminister Peter Altmaier eingeladen gewesen. „Aber ich finde es ziemlich schade, dass wir erst auf die Straße gehen mussten. Und wenn die Politiker sich jetzt denken: ‚Ja, wir tun jetzt so als ob wir zuhören würden, dann hören die vielleicht auf zu demonstrieren‘, dann werden sie enttäuscht. Wir wollen Taten sehen“.

Franziska opfert nicht nur ihre Schulzeit, sondern auch Freizeit

Natürlich ist die Diskussion über die Schulpflicht auch nicht an Franziska Wessel vorbeigegangen. „Jedes Mal, wenn ich dieses Argument höre, finde ich es trauriger“, sagt sie. Es gebe so viele Menschen, die nicht nur die Schulzeiten, sondern auch ihre ganze Freizeit für die Bewegung aufopfern würden. Sie sei selber auch in den Ferien und an freien Tagen auf der Straße, sie investiert schon fast jede Minute ihrer Zeit in den Aktivismus.

Wenn sie nicht gerade in Straßburg EU-Parlamentarier trifft, dann gibt es genug anderes in Berlin zu tun. Jeden Dienstagnachmittag gehe sie ins Berliner Greenpeace-Büro, erzählt Wessel, um dort mit anderen interessierten jungen Menschen von FFF im Plenum zu diskutieren und Ideen für die Bewegung zu sammeln. „Eigentlich müsste ich da in meiner Freizeit ja auch nicht hingehen“.

Für die Tage in Straßburg wurde Franziska Wessel von ihrer Schule freigestellt, für einige der Demos auch. „Meine Schule ist wirklich super cool, die sagen, ich vertrete damit Deutschland, das unterstützen sie“, behauptet sie. Eigentlich müsste sie im Moment als Schülerin der 10. Klasse ihre Prüfungen für den Mittleren Schulabschluss ablegen.

„Aber da ist meine Schule auch total nett, ich darf die Prüfungen als mündliche Prüfungen nachholen“, sagt Wessel. Die Schule war bis Redaktionsschluss nicht erreichbar, um sich dazu zu äußern.

Franziska Wessel sagt, sie wisse, dass sie mit ihrer Schule und der Schulleitung wirklich Glück habe. „Ich habe in der Bewegung einen Freund, der geht in Potsdam zur Schule. Die Schulleitung dort hat ihn auf Bildern von einer Demo identifiziert, und er hat dann einen Verweis bekommen“. Auch ihre Eltern würden ihren Aktivismus unterstützen. „Aber wenn ich irgendwann doch ein Bußgeld wegen der Fehlstunden bekomme, finden die das bestimmt nicht so lustig“, sagt sie.

"Es gibt noch so viel zu tun"

Da die Demo diesmal ein so wichtiger und großer Streik werden soll, hat FFF Anfang März auf GoFundMe eine Spendenaktion gestartet. Dort haben die jungen Menschen nach aktuellem Stand beinahe 50.000 Euro gesammelt. Wozu sie das Geld brauchen? „Wenn man eine große Demo organisieren möchte, braucht man die Technik, die Bühne, man muss Treffen organisieren um sich zu vernetzten – in dieser Gesellschaft geht doch nichts ohne Geld“, sagt die 15-Jährige.

Für Berlin braucht sie für eine Demo wie die am Freitag mehrere tausend Euro. Vor der Spendenkampagne hat die Bewegung finanzielle Unterstützung von Greenpeace und dem BUND bekommen. „Aber in den kleineren Ortsgruppen sind sie nicht so gut vernetzt, die brauchen da eher das Geld. Außerdem wollen wir als Bewegung lieber unabhängig bleiben“.

Wessel sorgt sich aber, dass die Bewegung und die Ziele irgendwann wieder verloren gehen, dass die Luft raus ist und sich politisch nichts getan hat: „Ich habe Angst, dass dieses Frustgefühl kommt, nach dem Motto: Wir können ja eh nichts erreichen“, sagt sie. Sie wird aber ganz sicher weiter machen. „Ich möchte später auch auf jeden Fall in die Politik gehen. Ja, es ist anstrengend, aber es ist halt auch notwendig. Und es gibt noch so viel zu tun“.

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