Janina Mütze, Mitgründerin des Meinungsforschungsinstituts Civey, in ihrem Büro. Foto: dpa
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Frauen in deutschen Start-ups „Bei Kundenbesuchen hatte ich einen Praktikanten dabei“

Start-ups werden überwiegend von Männern gegründet. Weibliche Vorbilder gibt es nur wenige. Warum ist das so? Auf Spurensuche in der Szene.

Auf ihrem Weg nach oben hat die 29-Jährige ausgiebig trainiert, Widerstände wegzuräumen. „Bei Kundenbesuchen hatte ich einen Praktikanten dabei“, erinnert sich Janina Mütze an die Frühphase ihrer Firma Civey. „Meine Gesprächspartner haben mich anfangs nicht voll ernst genommen und dachten, er sei der Chef, nicht ich.“ Janina Mütze hat das Start-up für Meinungsumfragen 2015 mitgegründet. Wer sie heute besucht, trifft eine digitale Wegbereiterin. Und eine Chefin, die nach Ursachen sucht, warum nicht mehr Frauen ähnliche Laufbahnen einschlagen.

Die Bundeskanzlerin als Vorbild

„Für mich war die Gründung die glücklichste Entscheidung, die ich je getroffen habe.“ Janina Mütze sitzt auf einem blauen Loungesofa, um sie herum in den Büros in Berlin-Kreuzberg tüfteln junge Typen an Rechnern. Civey mischt mit onlinebasierten Methoden die Marktforschung auf.

Der Erfolg hat zwar auch Kritiker auf den Plan gerufen, darunter manche Platzhirsche. Diese bezweifeln, dass Civeys Umfrageergebnisse repräsentativ sind. Doch Janina Mütze hält energisch dagegen. Durchsetzen hat sie gelernt. „Dabei hat mir geholfen, Artikel über erfolgreiche Frauen zu lesen. Auch über Angela Merkel, über ihren Führungshabitus in einer männerdominierten Welt.“

Inzwischen ist sie selbst Vorbild, Rolemodel, wie gerne englisch formuliert wird. Im Bundesverband Deutscher Startups macht sie sich dafür stark, dass die Gründerszene weiblicher wird. Im Frühjahr stellte sie die Studie „Female Founders Monitor“ mit zusammen.

Männer dominieren Vorstände

Der Bericht liefert eine Bestandsaufnahme über Frauen in dem Sektor. Viele sind es nicht: Der Anteil der Start-up-Gründerinnen liegt danach bei etwas über 15 Prozent. Tendenz minimal steigend.

In den Aufsichtsräten, sprich den Kontrollgremien, der großen börsennotierten Unternehmen mischen immerhin über 30 Prozent Frauen mit. Die Vorstände hinken weit hinterher: Die Macht in den Börsenunternehmen liegt nach Studien - etwa der Allbright-Stiftung - zu rund 90 Prozent bei Männern.

Dabei hätten die Pionierinnen es selbst in der Hand: Wenn sie Unternehmen erfinden, läge es an ihnen, eine Umgebung zu schaffen, in der Frauen gerne arbeiten. Warum ergreifen trotzdem so wenige diese Chance? Oder ist, wie manche vermuten, die Start-up-Welt noch abschreckender für die weibliche Hälfte der Gesellschaft als ein normales Angestelltendasein?

Falsche Rollenbilder in Schulen und Universitäten

Janina Mütze weiß, dass die Sache komplex ist. Überall existieren Hürden: bei der Schulbildung, die Jungs und Mädchen unterschiedlich motiviert, bei Arbeitszeitmodellen - bei den Frauen selbst. Frauen seien häufig risikoscheu, sagt sie.

Dennoch: Sie spricht fasziniert von der Macht zur Gestaltung. „Im digitalen Umbruch werden ganz viele Regeln neu geschrieben. Das sind Regeln, die wir selbst schreiben können.“ Per Definition sind Start-ups innovativ, häufig digital unterwegs und auf schnellem Expansionskurs. Das unterscheidet sie von anderen Gründungen wie kleinen Läden, Kosmetikstudios und Arztpraxen.

Und Glück im Job? Sie hat Spaß an Selbstbestimmung und der „steilen Lernkurve“: „Ich bin nicht in irgendeinem Korsett oder in einer Organisation, wo ich die Idee erstmal durchsetzen muss. (...)“

Ist das kein Reiz für andere? „Wir müssen Rahmenbedingungen schaffen, die mehr Frauen zur Gründung bringen“, ist Janina Mütze überzeugt.

Kinder, gerade Mädchen anders zu fördern, ist eine der Ideen von Verena Pausder. Die Unternehmertochter, 40, dreifache Mutter und Gründerin, möchte helfen, widerständige Rollenmuster in Schulen und Unis aufzubrechen. Ihrer Meinung nach muss man da ansetzen, wo Jungen ihre Interessen an Technik und Naturwissenschaft beständig ausbauen - und Mädchen früh zurückbleiben.

Kindererziehung mit Apps und mobilen Endgeräten

Pausder gehört mit zu den weiblichen Leitfiguren der Start-up-Welt. 2012 hob sie Fox & Sheep mit aus der Taufe, ein Unternehmen für anspruchsvolle Kinder-Apps. Kein soziales Projekt, wie sie betont, sondern eine marktorientierte Idee. 2010 hatte Apple das iPad lanciert, für sie ein Auslöser: „Mir war schnell klar, dass das iPad und mobile Geräte die Art und Weise, wie Kinder aufwachsen, spielen und lernen, nachhaltig beeinflussen werden.“ Dass die Firma auch andere Länder anpeilte, ist für die Macherin selbstverständlich.

Verena Pausder, Gründerin der Firma Fox & Sheep und Geschäftsführerin der HABA Digitalwerkstätten, an ihrem Schreibtisch. Foto: dpa Vergrößern
Verena Pausder, Gründerin der Firma Fox & Sheep und Geschäftsführerin der HABA Digitalwerkstätten, an ihrem Schreibtisch. © dpa

Seit 2016 - der Spielzeughersteller Haba hatte zuvor die Mehrheit an Fox & Sheep übernommen - baute Pausder die Haba Digitalwerkstätten auf. Sechs- bis Zwölfjährige lernen da programmieren und Roboter zu bauen - an mittlerweile zehn Standorten und in mobilen Werkstätten.

„Wenn es im Durchschnitt nur 15 Prozent Frauen im Start-up-Sektor gibt, bedeutet das: In einigen Bereichen, etwa in Handel oder E-Commerce, gibt es mehr Frauen, in anderen gar keine“, erläutert Pausder.

Investorinnen fehlen ebenso

Geld für Ideen aufzutreiben, ist für Start-ups ein Knackpunkt. Geldgeberinnen jedoch sind rar - dabei wäre das ein Hebel. „Frauen sind als Investoren ein wichtiger Teil im Geldgeber-Kreislauf. Das erlebe ich aktuell bei einem Investment. Hier bin ich die einzige Frau am Tisch.“ Dabei verändere ihre Anwesenheit das Klima. Sie gehe Verhandlungen „mit weniger Ego“ an.

Die 40-Jährige ist sicher, dass Frauen teils andere Produkte entwickeln: „Nehmen wir zum Beispiel das Unternehmen Ooshi, dessen Gründerinnen, Kati Ernst und Kristine Zeller, gerade bei der TV-Show „Die Höhle der Löwen“ waren. Ooshi produziert Perioden-Unterwäsche. Sie schmunzelt, dann folgt ihre Diagnose. „Das würde kein Mann machen, es ist aber ein Riesenmarkt. Das vor Investoren auszusprechen, mussten die Ooshi-Gründerinnen auch erst üben.“

Sind Frauen weniger risikobereit?

Trotz neuer Chancen: Wo sitzen die Bremsen? „Ganz wichtig scheint mir die Unsicherheit, die das Gründen mit sich bringt“, analysiert Pausder. Sie selbst kennt das Risiko als Unternehmerin schon von zu Hause - wählt jetzt aber eine Auszeit. Ab 2020 überlässt sie das Steuer bei Fox & Sheep und den Haba Digitalwerkstätten anderen. Sie suche nach der „Freiheit für neue Themen“ und Zeit zum Innehalten.

Lea-Sophie Cramer, 32 und Gründerin des Sexshops Amorelie, ist wie Pausder regelmäßig als Rednerin auf Podien zu Gast. Cramer hatte den Onlinehändler für Sexspielzeug 2013 mit einem Partner an den Start gebracht. 2015 übernahm ProSiebenSat.1 die Mehrheit. 2018 stockte der Konzern auf - auf 97,82 Prozent von Amorelie. 2,18 Prozent blieben bei Cramer. Das Unternehmen ist international in 15 Märkten aktiv. Jetzt hört sie als Chefin auf.

Auszeit von den Sextoys

„Sieben Jahre trag ich jeden Tag, jede Nacht und jede Sekunde meines Daseins die Verantwortung für diese Firma - das ist Teil des Gründer-Daseins. Ich habe mich auch in meinem Mutterschutz weiter mit der Firma beschäftigt.“ Cramer hat zwei Kinder, vier und zwei.

Beim Gründen selbst mag sie die Geschlechterfrage nicht zu sehr in den Fokus stellen. „Ob Frauen gründen, das ist aus meiner Sicht eher eine Frage der Persönlichkeit: Ich bin zum Beispiel sehr risikofreudig und habe wahrscheinlich Führungsambitionen, sonst würde ich den Chef-Job nicht machen.“

Die Gründerin der Firma Amorelie, Lea-Sophie Cramer, steht in einem Konferenzraum ihrer Firma in Berlin. Foto: dpa Vergrößern
Die Gründerin der Firma Amorelie, Lea-Sophie Cramer, steht in einem Konferenzraum ihrer Firma in Berlin. © dpa

Bei den alten Strukturen in Betrieben und in den Köpfen liege dennoch ein zentrales Problem: „Das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie spielt eine riesige Rolle“, sagt Lea-Sophie Cramer. „Bei Amorelie haben wir versucht, uns um Kitaplätze für unsere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zu kümmern.“ Es gebe Gleitzeiten und eine flexible Homeoffice-Regelung.

Und ihr weiterer Weg? „Ich gebe mir ein Jahr des Lernens.“ Auch Reisen mit den Kindern steht auf dem Programm. „Und ich werde dann wahrscheinlich ab 2021 wieder gründen.“

Alte Arbeitswelt mit Problemen

Drei Frauen, drei Vorbilder - trotzdem stockt die Zahl der Nachahmerinnen. Für Henrike von Platen, 48 und Chefin des Fair Pay Innovation Lab, liegt es auch an der Motivation. „Möchte ich durch meine Arbeit nur einigermaßen gut leben? Oder möchte ich etwas schaffen, was größer ist als ich selbst?“ Viele Frauen seien mit einem kleinen Rahmen zufrieden, so die Expertin „Auf die Idee, ich bin so toll, ich denke mein Geschäft noch größer, deutschlandweit, weltweit, mit viel mehr Mitarbeitenden - dieser Impuls fehlt häufig.“

Die Soziologie-Professorin Hilke Brockmann, 54, sieht die Chance auf Wandel sogar noch skeptischer: „Im Start-up-Bereich muss man oft schuften ohne Ende. Die Arbeitszeiten sind endlos. Und die Wahrscheinlichkeit zu scheitern, ist hoch. Das erscheint den meisten Frauen oft nicht attraktiv“, sagt die Wissenschaftlerin von der Jacobs Universität in Bremen. Ein paar mehr Vorbilder, ein paar Änderungen im Joballtag und die Aufforderung, öfter Informatik zu studieren - das locke weder mehr noch andere Frauentypen an: „Wenn Frauen in der alten Arbeitswelt einfach nur männliche Chef-Jobs übernehmen, ändert sich herzlich wenig.“

Zwei Gründerinnen, die das wollen, ein Start-up führen und das Jobbild umkrempeln, sind Tanya Neufeldt, 47, und Camilla Rando, 36. Sie leiten Social Moms. So heißt die Berliner Marketingagentur, die seit 2019 Kunden Beratung und Online-Kanäle bietet, um Mütter zu erreichen. Eine Ratgeber-Seite für die Zielgruppe gibt's auch. Hinter der Firma steht die Social Chain Group.

Neufeldt, Schauspielerin und Autorin, und die Bloggerin Rando teilen sich den Chefinnen-Posten je zur Hälfte. „Ich glaube, dass man im Job-Tandem sehr viel stärker ist und besser arbeitet“, sagt Neufeldt. Und Rando beschreibt die Idee eines Glück versprechenden Start-up-Umfelds: „Wir teilen uns nicht dogmatisch auf. Es gibt Nachmittage, da können wir beide nicht, weil wir uns um die Kinder kümmern müssen.“ (dpa)

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