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Gabriele Fliegel, Chefin des Wirtschaftshofs Spandau - hier auf dem Spandauer Land- und Bauernmarkt. Foto: kimahfotografica.com
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Frauen in der Berliner Wirtschaft Spandaus Netzwerkerin aus dem hohen Norden

Die ehemalige Lehrerin Gabriele Fliegel ist Vorständin der Vereinigung Wirtschaftshof Spandau. Sie kümmert sich um lokale Firmen und die Jugend.

Wenn Gabriele Fliegel auf ihr bisheriges Leben zurückblickt, dann mit Demut, sagt die 74-Jährige. Immerhin konnte sie bislang das ausleben, wofür ihr Herz schlägt.

Gabriele Fliegel ist die Vorstandsvorsitzende der Vereinigung Wirtschaftshof Spandau. In ihrem Leben war sie aber auch schon Marketingexpertin in einem US-Lebensmittelkonzern und 36 Jahre lang Lehrerin an der Wilhelm-Leuschner-Oberschule, wo sie „damals ganz Spandau aufgemischt“ habe mit ihrer Art zu unterrichten.

Ursprünglich aus Rellingen, nahe Pinneberg in Schleswig-Holstein, wuchs sie wohlbehütet mit ihrem Bruder in einer Unternehmerfamilie auf. Der Vater hatte nach dem Krieg die dortige Baumschule übernommen.

Die kleine Gabi und ihr Bruder packten schon als Grundschüler mit an, beluden die Lkw gemeinsam mit den spanischen Arbeiterinnen und Arbeitern, die dort als Hilfskräfte beschäftigt waren, und „wir pulten Unkraut auf den Feldern“. Nach dem Abitur in Hamburg studierte Gabriele Fliegel Ökotrophologie, Ernährungswissenschaften. Ihr erster Job nach dem Diplom, Ende der 60er Jahre, verschlug sie zum US-Konzern Kraft nach Eschborn bei Frankfurt am Main, wo sie in der riesigen Versuchsküche neue Produkte präsentierte: Die Miracle-Whip-Mayonnaise beispielsweise. Wie können US-Produkte den europäischen Markt revolutionieren? Das war das Anliegen des Konzerns.

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© ILLUSTRATION: PEDRO SANTOS/THENOUNPROJECT;TSP

Zwar hatte Gabriele Fliegel bei Kraft ihre große Liebe kennen gelernt, ein Bündnis für immer, doch vier Jahre Foodkonzern waren genug. Sie studierte Anglistik, Kunst und visuelle Kommunikation auf Lehramt in Gießen. Als ihre große Liebe einen Job in Berlin in der Kraft-Zweigstelle angeboten bekam, zog sie mit. Und landete Mitte der 70er an der Wilhelm-Leuschner-Schule, damals noch eine Hauptschule, an der Jugendliche aus 14 Nationen waren.

Ein Kulturschock. „Die haben die Stühle aus dem Fenster geworfen, und ich, die Wohlbehütete, habe gedacht: Mein Gott, was ist denn hier los?“

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So sollte es nicht weiter gehen. Das Erste, was sie getan habe: die Eltern zusammengetrommelt und gemeinsam mit ihnen den Klassenraum ihrer Schülerinnen und Schüler gestrichen. Damals sei das „extraordinär“ gewesen, aber es half offenbar.

Das Vertrauen der jungen Leute und ihrer Eltern, viele aus Einwandererfamilien, sei gewachsen. Fliegel sagt, sie habe sich um ihre Schülerinnen und Schüler gekümmert, als seien es die eigenen Kinder. „Klare Kante, aber jede und jeder hat bei mir in den 36 Jahren eine Ausbildung und einen Beruf bekommen“, sagt sie. Fliegel schleppte die Kinder in die Oper, besuchte Benimm- und Tanzkurse, zeigte ihnen, wie man sich per U-Bahn durch Berlin bewegt.

Sogar Segeltörns in der Nordsee oder Reisen nach England oder Russland organisiert sie. „Alle kamen mit. Keiner musste zu Hause bleiben“, erzählt Fliegel heute noch stolz. Und wenn die Schüler ihr Praktikum machten, dann stand sie um 6.30 Uhr bei denen vor der Wohnung, die es nötig hatten, wachgeklingelt zu werden.

Der Wirtschaftshof Spandau war viele Jahre eine Männerdomäne

Als sie mit ihren Schülern auch noch eine Catering- Firma gründete – ein Förderprojekt, bei dem Jugendliche lernen sollten, unternehmerisch zu denken – wurden auch die Unternehmen in der Umgebung aufmerksam.

Bekannt in der Bezirkspolitik war Gabriele Fliegel ohnehin schon. „Gabi, Du musst im Wirtschaftshof mitmachen“, ermunterte eine ihrer Freundinnen sie immer wieder.

Der Wirtschaftshof, eine regionale Vereinigung zur Vernetzung lokaler Unternehmen wie etwa BMW, Ikea, oder Bausch+Lomb, wurde 1949 gegründet und war eine Männerdomäne. Bis Gabriele Fliegel kam.

Seit 2003 ist sie dort Vorstandsvorsitzende, hält die Bälle in der Luft, die Fäden zusammen.

Das "Netzwerk Gesundheitswirtschaft" ist eines der großen Projekte mit Partnern

300 Mitglieder hat der Wirtschaftshof Spandau. Als es damals nur einen „Herrenstammtisch“ gab, führt Fliegel einen Unternehmerinnen-Stammtisch ein. Sie ist mit dem Quartiersmanagement, mit den Schulen und Unternehmen ständig im Austausch. Zwei „unternehmensgestützte Kitas“ hat sie mit ihrer Vereinigung gegründet: Dort werden vorzugsweise Kinder, deren Eltern in den Spandauer Unternehmen arbeiten, betreut.

Der Land- und Bauernmarkt in der Altstadt, ebenfalls vom Wirtschaftshof initiiert, sei eine Institution im Bezirk. Im Vorstand – er besteht aus 20 Mitgliedern – seien die Hälfte mittlerweile Frauen.

Eines ihrer größten Projekte ist das „Netzwerk Gesundheitswirtschaft“, mit 50 Partnern, das sie mit aufgebaut hat. Zusammen mit den Krankenhäusern des Bezirks und den Unternehmen entstehen dort viele Gesundheitsprojekte – wie etwa der gerade fertig produzierte Film zum Thema „Schlaganfall“ – ein Ratgeber, kindgerecht konzipiert, der bereits in Kitas und Schulen Kinder mit dem Thema und ersten Anzeichen vertraut machen soll.

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Momentan wirbelt Gabriele Fliegel den Großteil ihrer Zeit ordentlich herum, um auf dem Gelände des alten Kant-Gymnasiums einen privaten Universitätscampus zu errichten.

Rund 20 Studierende pro Jahrgang sollen dort den Masterstudiengang „Leadership“ besuchen können – wenn auch zunächst nur online.

Was sie nach so vielen Berufsjahren als Lehrerin und Vorsitzende des Wirtschaftshofes immer wieder antreibt? Es ist, sagt sie, die Dankbarkeit. Dafür, dass sie glücklich aufwachsen durfte. Davon wolle sie etwas weitergeben mit ihrem Einsatz.

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