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Das Foto zeigt den Protest von Unterstützerinnen von Maria2.0 im September 2020 während der fünf Regionalkonferenzen der katholischen Kirche in Deutschland. Foto: Bert Bostelmann/kna
© Bert Bostelmann/kna

Frauen gegen die katholische Kirche Zeit für eine komplette Verweigerung

Der Veränderungsdruck auf eine reformunwillige und männerdominierte Kirche wächst - aktive Frauen propagieren einen Streik.

„Frauenstreik – unbedingt“, sagt Sigrid Engelbrecht: „Anders sind die verkrusteten Strukturen nicht aufzulösen. Alle Appelle, alles gute Zureden, alle Hinweise auf Gleichberechtigung und Chancengleichheit haben nichts genützt. Wenn Frauen die Arbeit niederlegen, dürfen die selbsternannten Herren der Schöpfung selber mal ran. Frauenstreik: Unbedingt. Ist für die Herren sehr lehrreich und gut für die persönliche Weiterentwicklung, vom hohen Ross runterzusteigen.“

Frau Engelbrecht und andere Leserinnen und Leser der „Ehrensache“ haben in ihren Mails eine sehr klare Meinung zugunsten eines als notwendig empfundenen Veränderungsdrucks in der katholischen Kirche. „Wir katholischen Frauen sollten massenweise streiken und aus den Kirche austreten, damit die Kirchenmänner aufwachen und eine andere Kirche mit uns schaffen“, berichtet Ulrike Tietz von den Gesprächen mit ihren katholischen Freundinnen.

„Ja“, antwortet auch Regina Sattelmayer zur Frage, ob ein Streik der ehrenamtlich tätigen Frauen in der katholischen Kirche sinnvoll sei: „Vielleicht nicht ein ganzes Jahr, aber eine Zeitlang.“ Regina Sattelmayer reagiert mit ihrer Zuschrift auf Bettina Jarasch, die Spitzenkandidatin der Berliner Grünen. Die versteht sich als „kritische Katholikin“ und hatte im Tagesspiegel-Interview „massiv Reformen“ gefordert. „Das einzige, was der katholischen Kirche helfen würde, wäre eine komplette Verweigerung von Frauen. Wenn die ehrenamtlichen Frauen ein Jahr lang ihre Arbeit einstellen würden, würde alles zusammenbrechen. Die katholische Kirche wird von Frauen getragen, aber von Männern regiert. Das muss sich dringend ändern.“ 

Berlin ist sicher alles andere als eine vom Glauben geprägte Stadt, doch das soziale Leben wird nachhaltig von christlicher und tätiger Nächstenliebe geprägt. Zehntausende Menschen arbeiten hier in katholischen Kitas, Schulen, in der Flüchtlingshilfe, Behindertenwerkstätten oder in sozialen Einrichtungen der Caritas, der Malteser oder dem Kolpingwerk – dazu kommen sehr viele ehrenamtlich engagierte Christen. Das gilt natürlich auch für die katholischen Gemeinden im ganzen Stadtgebiet. Ohne die ehrenamtlich wirkenden Frauen käme das Gemeindeleben erheblich ins Stottern oder auch zum Erliegen.

Ob solch ein Zusammenbruch wirklich erstrebenswert wäre, da sind die engagierten Frauen aber durchaus unterschiedlicher Meinung. „Streik radikalisiert nur, das ist nicht hilfreich“, sagt etwa Ursula Snay. Sie arbeitet für den Berliner „Sozialdienst katholischer Frauen“ (SkF), der sich vor 120 Jahren aus der Fürsorge „für die Verstoßenen des weiblichen Geschlechts“ entwickelte. Die gemeinnützige Organisation betreibt die „Delphin-Werkstätten“ für Menschen mit Behinderung, engagiert sich in der Jugendhilfe und hat Wohnheime für Menschen mit kognitiven Einschränkungen. Ein besonderer Schwerpunkt sind die vielfältigen Angebote für Frauen in Krisen und zum Thema häusliche Gewalt; bekannt ist auch das Zentrum für wohnungslose Frauen „Evas Haltestelle“.

Beim SkF engagieren sich Ehrenamtliche, „die den Geist des Evangeliums in das Zusammenleben der Menschen in Berlin hineintragen“. Ursula Snay, die den Bereich Fundraising und Öffentlichkeitsarbeit verantwortet, weist darauf hin, dass ein Aufruf zum Frauenstreik von der Initiative "Maria2.0" schon seit eineinhalb Jahren vertreten wird. Es habe anfänglich durchaus Sympathien für das Anliegen gegeben.  Die Akteurinnen wurden dem SkF aber „zu radikal“, sagt Snay, und „setzten nicht auf Dialog“.

Der aber sei notwendig, sagt Snay: „Wir Frauen brauchen männliche Fürsprecher“ für Veränderungen. Einen Unterstützer dafür sieht sie in Berliner Erzbischof Heiner Koch – aber noch keine Initiative. Sie wünschte sich, dass der Bischof ein regelmäßig tagendes Gremium einberufen würde, damit „nicht nur Vorwürfe kommen und im Raum stehen bleiben“.  Dass der Papst sich kürzlich für die rechtliche Absicherung homosexueller Partnerschaften ausgesprochen hat, hat bei Ursula Snay durchaus die Erwartung verstärkt, das auch Bewegung in die Debatte über die Rolle der Frauen kommt.

Einen Streik und lahmgelegte Kirchen lehnt Ursula Snay auch aus anderen Gründen ab. „Damit würden wir nicht die Kirche strafen, sondern unsere Frauen, die Hilfe benötigen, im Stich lassen.“ Sie erinnert daran, dass obdachlose Frauen auch in Kirchen Schutz suchten und dort zur Ruhe kommen.

Angelika Streich aus der Berliner Zentrale der „Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands“ (KFD) sieht das ein wenig anders. Der KFD ist mit bundesweit über 420.000 Mitgliedern der größte katholische Verband. „Wir wollen Kirche und Gesellschaft mitgestalten und in deren Entscheidungsprozesse stärker eingebunden werden als bisher“, so das Selbstverständnis des KFD. Die ehrenamtlich arbeitenden Frauen nehmen pastorale und diakonische Aufgaben in den Gemeinden wahr, gestalten Gottesdienste und bieten Weiterbildung zu frauenspezifischen und gesellschaftspolitischen Themen.

Sie könne gut nachvollziehen, was Jarrasch sagt, betont Angelika Streich, auch was einen Streik angeht. „Es hilft nichts anderes mehr, es ist alles gesagt und alle Argumente ausgetauscht.“ Die „Sturheit der Kleriker“ sei dafür verantwortlich, dass sich „seit Jahrzehnten nichts bewegt“.  Deswegen helfe nur noch Protest. Ein Streik wäre ein Zeichen und würde Wirkung zeigen, ist Angelika Streich überzeugt. Denn weil sich nichts ändert, hätten schon viele Frauen der Kirche den Rücken gekehrt. Die Papst-Äußerung zur Homosexualität hat sie aufmerksam verfolgt, aber es sei noch zu viel Stillstand.

Die Forderungen der Initiative „Maria 2.0“ richten sich gegen Machtstrukturen in der katholischen Kirche. Sie forderte in einem Brief an den Vatikan die Gleichstellung und den Zugang von Frauen zu allen kirchlichen Ämtern, die Aufhebung des Pflichtzölibats und eine umfassende Aufklärung von Missbrauchsfällen.

Im Mai 2019 riefen sie Frauen zum „Kirchenstreik“ auf. „Wir betreten keine Kirche mehr und tun keinen Dienst. Vor den Kirchen werden wir Gottesdienst feiern und unsere Klagen und Forderungen nachdrücklich und kreativ zum Ausdruck bringen“, hieß es im Aufruf. Der Name der Initiative wird damit begründet, dass „Maria 1.0“ für Maria als Idealbild der schweigenden und dienenden Frau stehe. „2.0 heißt Neuanfang: Alles auf null stellen“, hieß es.

Vor einem Jahr gab es auch in Berlin einen Gottesdienst der Initiative an der Hedwigs-Kathedrale; unter den 100 Teilnehmer*innen war auch die Vorstandsvorsitzende des Berliner Paritätischen Wohlfahrtsverbands, Barbara John, und der ehemalige Bundestags-Präsident Wolfgang Thierse (SPD).

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