Ein Foto der Ausstellung über den Terror im Haftkrankenhaus Hohenschönhausen. Foto: Ruth Stoltenberg
© Ruth Stoltenberg

Fotoausstellung über Stasi-Krankenhaus "Erst reden Sie, dann wird operiert!"

Der wohnliche Charakter der Stasi-Verhörräume, Operationen gegen Geständnisse. Eine Schau über den Terror im Haftkrankenhaus Hohenschönhausen.

Dieter Hötger trägt eine Kugel in seiner Lunge. 1962 wurde er von DDR-Grenzsoldaten angeschossen und mit sieben Kugeln im Körper in die Untersuchungshaftanstalt Berlin-Hohenschönhausen eingeliefert. Die Fotografin Ruth Stoltenberg zitiert ihn in ihrer Ausstellung "Objekt 1" als Zeitzeugen. Derzeit zu sehen und zu lesen im Haus am Kleistpark in Schöneberg.

Hötger ist bekannt als "Tunnel-Dieter", der einen Fluchttunnel unter der Berliner Mauer gegraben hat, um Fluchtwillige aus der DDR zu holen. Doch der Plan des Westberliners scheiterte, ein Freund von ihm starb bei der Aktion. Als er bereits im Operationssaal lag, wollten ihn die Stasimitarbeiter zur Aussage zwingen. "Erst reden Sie, dann wird operiert!"

Hötger sollte aussagen, er sei bewaffnet gewesen, denn so hätte die Stasi die Schüsse auf ihn rechtfertigen können. Doch er wurde ohnmächtig und daraufhin notoperiert - von einem Mithäftling, der Zahnarzt war. Am nächsten Tag verhörte man ihn, er konnte nicht sprechen, eine Kugel steckte noch in seiner Lunge. Hötger war von 1962 bis 1972 inhaftiert. Als man ihm später die Kugel rausnehmen wollte, weigerte er sich. "So trage ich sie noch heute als Beweisstück bei mir."

Subtile Foltermethoden

Im Haftkrankenhaus der Stasi wurden Kranke gegen Geständnis operiert. Mediziner waren Verhörgehilfen, deren Aufgabe es war, politisch Gefangene haft- und prozessfähig zu machen. In der Fotoausstellung sollen Räume und Objekte über das Grauen sprechen. Zum Beispiel der "Beruhigungsverwahrraum" im Keller, der zur "Befriedung" von Häftlingen diente.

Eine fensterlose Gummizelle, zu sehen ist das Foto von einem Nachbau. Oder der gepolsterte grüne Stuhl in einem Verhörzimmer, eine Nachtaufname. Denn Verhöre wurden auch nachts durchgeführt, das Schlafen tagsüber untersagt.

"Diese subtilen Foltermethoden, die Isolation, die Desinformation, die Verunsicherung, die ständigen Lichtkontrollen, das ausgeklüngelte Spitzelsystem, das Zuckerbrot-Peitschen-Prinzip. Daraus haben sie eine Wissenschaft gemacht", berichtete Hartmut Richter, inhaftiert von 1975 bis 1980.

Wohnlicher Charakter der Verhörräume

Die Fotos von Stoltenberg zeigen das Büro des Haftrichters, die gepolsterten Doppeltüren, das Verhörgitter, den Raum erster Anhörungen, den Schatten einer Gardine auf dem Schreibtisch über einem DDR-Telefon, das Kellergeschoss "U-Boot", eine Pritsche mit Kübel. Und: Buntgemusterte Wände und Stühle. Die Staatsicherheit soll versucht haben, eine Art von wohnlichem Charakter herzustellen, um die Häftlinge durch den Kontrast zur karg eingerichteten Zelle gesprächsfreudiger zu stimmen.

Den Schatten einer Gardine auf dem Schreibtisch über einem DDR-Telefon. Foto: Ruth Stoltenberg Vergrößern
Den Schatten einer Gardine auf dem Schreibtisch über einem DDR-Telefon. © Ruth Stoltenberg

Stoltenberg betrat die heutige Gedenkstätte zum ersten Mal 2012 im Rahmen eines Fotoworkshops. Sie ging immer wieder hin, auch nach Einbruch der Dunkelheit. "Durch das künstliche Licht von außen waren lediglich Konturen des Mobiliars zu erkennen. Mehr Licht und Farbe erschienen mir auch nicht erträglich. Sie sah die Stühle, auf denen die Häftlinge stundenlang gesessen hatten.

Die Fotos in der Ausstellung sind 2015 entstanden. "Obwohl es in einem vermeintlichen Widerspruch zur Uniformität der Verhörmethoden steht, nutze ich die Unterschiedlichkeit der Stühle und Tapeten als fotografisches Ausdrucksmittel, um die Einzelschicksale der Inhaftierten zu unterstreichen", erzählt Stoltenberg.

Die Inhaftierten in Verbindung mit ihren Verhörstühlen, sie sollen erneut ihre Aussagen machen dürfen, frei und ohne Zwang. Stoltenberg hat die Zeitzeugen, die in der Ausstellung zitiert werden, 2013 befragt.

"Du wirst vergessen"

"Nach Strecken endlos langer Vernehmungen kam dann wieder gar nichts", berichtet Michael Schreiner, inhaftiert 1974 bis 1976. "Tage vergingen, ohne dass jemand mit mir geredet hat. Ich hatte das Gefühl: Du wirst vergessen. Ich hatte Angst zu vergehen, wie eine Flamme zu erlöschen. Durch diese geballte Macht, die einem da entgegenschlug. Die Ohnmachtserfahrung. Die Angst, sich einfach aufzulösen." Rund 22.000 Menschen haben zwischen 1951 und 1989 hier eingesessen.

Die Fotografin interessiert sich besonders für die Stühle in den Stasi-Räumen. Foto: Ruth Stoltenberg Vergrößern
Die Fotografin interessiert sich besonders für die Stühle in den Stasi-Räumen. © Ruth Stoltenberg

"Das Unrecht, das an diesem Ort begangen wurde, es spricht plötzlich aus diesen Bildern, es verändert die Wahrnehmung der Bilder", schreibt Roland Jahn, Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen, im Vorwort zum zur Ausstellung erschienenen Buch. "Ich sehe den Vernehmer auf dem Stuhl sitzen. Erinnere mich an die Aufhebung von Zeit und Rhythmus, von Tag und Nacht in der U-Haft."

Stoltenbergs Fotos seien eine Erinnerung an die "operative Psychologie", an die komplette Aufhebung aller Regeln, damit die Gefangenen sich orientierungslos von ihrem innersten Ich verabschieden.

Die Ausstellung "Objekt 1" ist seit Donnerstag, den 17. Januar, und noch bis zum 24. März 2019 im Haus am Kleistpark zu sehen, Grunewaldstraße 6-7. Von Di. bis So. 11-18 Uhr, Eintritt frei. www.hausamkleistpark.de www.ruthstoltenberg.de

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