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Viele Schüler:innen fühlen sich vom gegenwärtigen Distanzunterricht überfordert. Foto: imago/photothek
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Folgen der Corona-Pandemie Berliner Schüler berichten von Gewalterfahrungen und Verzweiflung

Tausende Schüleraussagen fügen sich zu einem Gesamtbild, das vor allem eines zeigt: Die Abschottung im Homeschooling wird immer mehr zum Problem.

Lange wurde vor allem über die technischen Probleme beim Homeschooling geklagt, während die psychischen und sozialen Folgen oft als bloße Mahnung im Raum standen. Das hat sich vor allem geändert, seitdem vor zwei Wochen zwei Gymnasiastinnen aus Tempelhof-Schöneberg die Lage ihrer Mitschüler:innen publik machten.

Jetzt gibt es weiteren Aufschluss über die Folgen des monatelangen Distanzunterrichts, nachdem eine Schülerinitiative am Dienstag die Ergebnisse dreier Befragungen sowie die Auswertung von rund 5400 Mails veröffentlicht hat. Deutlich wird nach den Angaben der Initiative, dass die Schüler:innen massiven Problemen bis hin zur psychischen und physischen Gewalt ausgesetzt sind.

Die Gewaltmeldungen stammen aus einem "Fall- und Melderegister", den der ehemalige Landesschülersprecher Miguel Góngora aus Mails herausgefiltert hat, die ihn seit März 2020 bis zum März 2021 erreicht hatten. Zusammen mit der von ihm mitgegründeten "Initiative Bildungsgerechtigkeit 2021" wertete der Student die Daten aus.

Demnach beinhaltet der Fall- und Melderegister sechs Angaben zu Vergewaltigungen, 67 Fälle physischer und 338 psychischer Gewalt, mehr als 400 Angaben zu „Verzweiflung in der Familie“, 73 Ankündigungen von Suizidplänen, mehr als 1330 Mal den Verlust der Anbindung an die Schule und mehr als 2700 Mal „Depression aufgrund von Perspektivlosigkeit“. Jeweils wird auch ausgeführt, an welche Art von Beratungsinstanzen die betreffenden Schüler:innen verwiesen wurden.

Darüber hinaus hatten Góngora und seine Mitstreiter im Januar 2021 eine Umfrage "zur Bildungsgerechtigkeit in Zeiten von Corona" mit 16.500 Teilnehmenden veranlasst sowie und am 4. März 2021 zum Kinder- und Jugendschutz mit knapp 7500 Teilnehmenden, wie sie schreiben. Auch knapp 70 Schulsprecher:innen seien am 4. März befragt worden, um die Lage der Schülerschaft im Lockdown beleuchten zu können.

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Aus diesen Umfragen geht hervor, dass drei von vier Schüler:innen über einen „gefühlten Kontrollverlust in ihrem Leben“ berichten. Fast die Hälfte gibt als Bildschirmzeit über acht Stunden an, zwei Drittel registrieren einen beeinträchtigten Schlafrhythmus, über die Hälfte hat ihre Tagesstruktur verloren, drei Viertel geben an, sie fühlten sich in ihrer Lernumgebung nicht wohl

.Die Auswertung der Schüler:innenbefragung HIER zum Herunterladen.

"Einiges hat sich während der Krise verändert und Zustände haben sich etabliert, die für viele Kinder und Jugendliche untragbar sind", schlussfolgert die Initiative, zu der auch der Bezirksschülersprecher von Tempelhof-Schöneberg, Felix Koeppe, gehört. Sie fordern daher vom Senat und der Bundesregierung "konkrete Maßnahmen zur Bekämpfung dieser Missstände", und haben auch selbst ein Konzept zum institutionellen Kinder- und Jugendschutz entwickelt.

Die Bildungsverwaltung erstellt jetzt ein "Stimmungsbild"

"Die Pandemie ist eine Krise, die viele Menschen aus dem Gleichgewicht bringt. Aus schulpsychologischen Beratungssituationen wissen wir, dass vor allem Jugendliche zunehmend in den sozialen Rückzug gehen und nicht mehr sichtbar sind", kommentierte der Vorsitzende des Landesverbands Schulpsychologie Berlin e.V., Matthias Siebert, die Befunde der Schülerbefragung im Gespräch mit dem Tagesspiegel am Dienstag.

Die Senatsverwaltung für Bildung teilte mit, dass sie derzeit in Abstimmung mit den Schulpsychologischen Beratungszentren ein "Stimmungsbild" erstelle. Verwaltungssprecher Martin Klesmann erinnerte daran, dass Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) "frühzeitig auf die zu erwartenden Härten durch das Lernen zu Hause hingewiesen" habe. Es gebe deshalb Unterstützungsangebote wie zum Beispiel die Neuauflage der "LernBrücken". Zudem hätten die Sozialarbeiter eine diesbezügliche Handreichung erhalten. Weitere Unterstützungsangebote seien in Vorbereitung.“

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