Stadt. Land. Meer. Kein Sommerurlaub ohne den Traum vom Badevergnügen. Foto: Hannibal Hanschke/REUTERS
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Ferienbeginn in Berlin Von der Kunst, die große Freiheit zu nutzen

Zeugnisse! In Berlin und Brandenburg gilt jetzt wieder die Ferienzeitrechnung. Manchen fällt die Decke schon nach drei Tagen auf den Kopf.

Seit Donnerstag ist ein Gast in den Berliner und Brandenburger Häusern, der jedes Jahr kommt und sechs Wochen bleiben wird. Glücklicherweise muss man vor seiner Ankunft nicht für ihn putzen, und während der ganzen Zeit, die er da ist, muss man kein einziges Mal für ihn kochen. Wahrlich, er ist ein gern gesehener Gast. Das erste, was sich mit ihm ändert, ist, dass der Wecker ausgeschaltet wird. Der Hebel umgelegt – auf den Status „Lebeschön“.

Nach drei Tagen allerdings wird der Gast meist kapriziös: Ausschlafen allein reicht ihm nicht. Er schwebt durch die Räume und ruft „nutze die Zeit“.

Er will sich nicht damit zufrieden geben, dass es in ein, zwei  Wochen an die Ostsee oder ans Mittelmeer geht: Er will Action – hier und jetzt. Er mahnt, dass die Kinder nun schon seit drei Tagen ihr Smartphone vor der Nase haben und dass ja überhaupt vor der Abreise ausgemistet werden sollte.

Außerdem liegt die Mahnung vom Finanzamt rum (Steuererklärung!), zwei ungeöffnete Briefe von der Bezirksbibliothek (Mahngebühr!), und das Klassentreffen (25 Jahre Abitur!) muss organisiert werden.

Das nahe Glück: Hiddensee. Foto: Stefan Saue/ ZB Vergrößern
Das nahe Glück: Hiddensee. © Stefan Saue/ ZB

"Carpe diem" oder chillen?

Wer bereits am kommenden Montag versucht sein sollte, den Gast rauszuschmeißen, sollte aber kurz innehalten und ihn vorher genauer ansehen. Denn wie er da so faul auf dem Sofa lümmelt und gleichzeitig ständig „Carpe diem“ zu murmeln scheint, vereint er ja einen höchst reizvollen Widerspruch in sich. Wir sollten den Gast, der sich „Sommerferien“ nennt, bedingungslos lieben. Wir sollten uns eine Weile zu ihm setzen und ihn von allen Seiten betrachten.

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Und dann könnten wir mit seiner Hilfe den Blick zurückwerfen auf den Sommer 1977, als es gerade noch gelungen war, vorm Hitzegewitter das Heu in die Scheune zu bringen. Oder den Juli 1990, als statt Hiddensee erstmals Capri locken durfte. Und gab es nicht auch diesen magischen August, als man seinen Eltern am Strand von irgendwo erzählte, dass man nun definitiv am Abend erstmals in die Inseldisko gehen und nicht mit ihnen Monopoly spielen werde?

Selbst für die großen Ferien groß genug: Das Strandbad Wannsee Foto: Ralf Hirschberger/dpa-Zentralbild Vergrößern
Selbst für die großen Ferien groß genug: Das Strandbad Wannsee © Ralf Hirschberger/dpa-Zentralbild

Hauptsache kein Wecker

Diese Momente entstehen, und sie fühlen sich anders an, wenn das stattfindet, was man überall auf der Welt als „große Ferien“ kennt. Ja, sie können anstrengend sein. Ja, sie dürfen nicht verplempert werden. Ja, es ist nicht immer leicht, den Spagat zwischen den beiden Polen hinzukriegen.

Aber es bleibt ja noch ein bisschen Zeit zum Üben: Die sechs Wochen, in denen der Wecker nicht um 6.45 Uhr klingelt, haben ja gerade erst angefangen.

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