In den Ferien war in Berlin einiges los - nicht nur am See. Foto: Sophia Kembowski/dpa
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Ferien in der Hauptstadt Was haben Urlauber in Berlin verpasst?

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Hitze(frei), Baustellenbingo, Zugdurchfahrten, ein Pharmaskandal - und was in den Ferien noch so los war. Ein Überblick für alle Rückkehrer.

Opfer gibt es immer wieder. Beispielsweise Leute, die im vergangenen Sommer mitsamt Haus abgesoffen sind und sich deshalb in diesem Jahr nicht getraut haben, überhaupt wegzufahren – und nun das. Kaum eine Spur von Regen in Berlin die ganzen Ferien lang, und das war dann wohl auch das wichtigste Thema. Ventilatoren und Klimageräte gab es allenfalls auf dem Schwarzmarkt, und wer einen kühlen Keller hat, der richtete sich dort wohnlich ein. Insofern haben alle, die auf Reisen waren und dort ganztägig in der Sonne lagen, nichts verpasst in der Heimat.

Auch politisch war wenig los in Juli und August. Die politischen Sommerferien beginnen nach einer Senatsklausur, die nichts Konkretes bringt – einfach zu warm zum Regieren, nicht wahr, R2G? Ein paar Tage später wird publik, dass sich auch der amtliche Berliner Beitrag zur Weltenrettung wundliegt: Von den 100 Millionen fürs Klimaschutzprogramm der Legislaturperiode wurde bislang genau gar nichts ausgegeben. An einer der übelsten Baustellen, nämlich dem totgesparten Zugbestand der U-Bahn, ergibt sich dann doch was Positives: Die Firma Siemens zieht ihre Klage gegen die Absicht der BVG zurück, 80 Züge beim Konkurrenten Stadler zu bestellen – Großkonzerne sind nicht per se böse, aber manchmal benehmen sie sich so.

Brandbriefe

Aber die BVG selbst? Muss einen Brandbrief öffnen, in dem sich Straßenbahner über extreme Arbeitsbelastung beklagen. In Brandenburg beginnen schon Anfang Juli die Noternten beim Getreide; in der Lieberoser Heide brennt ein ehemaliger Truppenübungsplatz, denn die extreme Trockenheit lässt die Waldbrandgefahr in rote Alarmbereiche steigen. Dort befinden sich auch die Beliebtheitswerte von Bausenatorin Katrin Lompscher (Linke), die den Posten des langjährigen Wohnungsbaustrategen ihrer Verwaltung mit der Jugendstadträtin in Mitte, Sandra Obermeyer, besetzt. Deren fachliche Expertise bleibt unklar. Sie ist zwar parteilos, aber seit Jahren auf dem Ticket der Linkspartei unterwegs. Verdacht Außenstehender: Um den Wohnungsbau steht es weiter schlecht, aber die Frauenförderung im Amt blüht.

Der Flughafen Tegel nimmt indessen die sommerliche Reisewelle mit Gelassenheit: Statt des befürchteten großen Schlamassels gibt es nur ein mittleres, was alle Verantwortlichen als Erfolg verbuchen. Ende Juli geht der kantige Feuerwehrchef Wilfried Gräfling in den Ruhestand – zwölf Jahre lang hat er überwiegend einen harten Sparkurs verwalten müssen, sieht nun zum Abschied immerhin deutliche Verbesserung, wenngleich auch hier – wo nicht? – ein Brandbrief kursiert. Pikant: Gegen Ferienende heißt es, Gräfling kehre tageweise gegen Honorar zurück, um seinen Nachfolger Karsten Homrighausen einzuarbeiten.

Bei der S-Bahn ist es für Brandbriefe zu spät, hier brennt es längst richtig. Die Idee des Vorstands, zur Fahrplanstabilisierung einzelne Bahnhöfe der Ringbahn auch mal auszulassen, wird weltweit hämisch im Ordner „Berlin nun wieder“ abgeheftet. Doch es bleibt bei der Idee, weil der noch anwesende Regierende Bürgermeister unerwartet energisch auf den Tisch hauen lässt. Dennoch verkündet die S-Bahn am 18. Juli den großen Aufschlag, der alles zum Guten wenden soll, jedenfalls bis 2025. Bis dahin findet sich sicher auch eine Lösung für den Regionalverkehr, bei dem im Sommer immer wieder Züge ausfallen: Fahrermangel.

Antisemitische Hassattacken

Im Jüdischen Museum ist seit einigen Wochen eine gut ausgeleuchtete Kippa zu sehen, jene Kippa, deretwegen ein junger Israeli im April in Prenzlauer Berg von einem Syrer angegriffen wurde. Museumsreif ist das Thema damit aber nicht, denn auch im Sommer geschehen immer wieder antisemitische Attacken. Der Restaurantbesitzer Yoray Feinberg, der im Dezember ein Video von einer wüsten Beschimpfung veröffentlicht hatte, besitzt inzwischen einen ganzen Aktenordner mit solchen Tiraden. Dann war da die Fanmeile, die zum Endspiel der EM am 15. Juli noch einmal standesgemäß überfüllt ist. Die Bilanz der Veranstalter fällt trotzdem finanziell negativ aus.

Kein Sommerthema, sondern weiter akut: Am 18. Juli gesteht Brandenburgs Gesundheitsministerin Diana Golze (Linke) ein, dass in Brandenburg gestohlene und möglicherweise auch unwirksame Krebsmedikamente gehandelt wurden – ein Aufsichtsversagen des zuständigen Landesamts. Stand bei Ferienende: Die Schwerkraft der Koalitionsarithmetik hält die Ministerin im Amt, irgendwie, noch. Im Straßenverkehr läuft das Baustellenbingo auf Hochtouren. Die ferienbedingte Entlastung wird durch Dauerbaustellen und akute Baumaßnahmen konterkariert, die nach bewährtem Berliner System prinzipiell auch alle parallelen Ausweichstrecken zustopfen.

Auch eine gute Nachricht

Aber auch eine gute Nachricht gibt es: Die Fahrbahnsanierung der Rudolf-Wissell-Brücke Richtung Süd kommt wegen des guten Wetters schneller voran als geplant. 14019,75 Euro: Das soll Greenpeace nun laut BSR für die Reinigung des Großen Sterns zahlen, den Aktivisten im Juni mit gelber Farbe bedeckt hatten, um ... ja, was gleich? Der Imageschaden dürfte heftiger schmerzen als die bescheidene Summe, ein größerer Schuss in den Ofen ist Greenpeace wohl nur selten gelungen. Um einen Schaden des Rufs muss sich die Autozulassung in Berlin längst nicht mehr sorgen, der ist längst dahin. 40 neue Stellen sind geschaffen worden, ein Konzept, wie diese Mitarbeiter auch gehalten und vor den im Amt heftig grassierenden chronischen Krankheiten geschützt werden können, ist nicht dabei.

Am 28. Juli ist wieder Christopher Street Day, es wird friedlich und freundlich geschwitzt unter den Farben des Regenbogens, begleitet von einem Sonderdruck des Tagesspiegels. Überraschend wird in der Ferienzeit auch der Flughafen BER in Betrieb genommen, allerdings nur als Abstellplatz für neue Autos, die VW wegen einer verwickelten Zulassungsprozedur nicht verkaufen kann. „Was verboten ist, das macht uns gerade scharf“ – eine Erkenntnis, die auf Wolf Biermann zurückgeht. In Berlin trifft sie auf die illegalen Autorennen zu, deren Zahl nach der Gesetzesverschärfung 2017 enorm gestiegen ist; allerdings sieht die Polizei wohl auch genauer hin.

Am Breitscheidplatz wächst derweil das Mini-Stadion für die Leichtathletik-WM, was sich im späteren Einsatz als höchst gelungene Aktion herausstellt. Als weniger gelungen gilt das Hitzefrei für die Mitarbeiter einiger Senatsverwaltungen, die um 14 Uhr nach Hause gehen dürfen, ohne nacharbeiten zu müssen. Die Männer von der BSR müssen dagegen raus, um überhitzte Straßen zu kühlen, was angeblich auch gelingt, könnte allerdings auch am Gewitter gelegen haben.

Ab dem 13. August scheint dann die Realität langsam wieder Einzug zu halten. Der Prozess um die Kudamm-Raser wird neu aufgerollt, das Olympiastadion, in dem natürlich auch EM war, gilt als rehabilitiert und wird nun wohl doch nicht nach Herthas Willen umgebaut. Am lautesten aber schwillt in der letzten Ferienwoche natürlich das Gegrummel um die Berliner Schulen an. „Nur jeder dritte Lehrer ist Lehrer“ titelt der Tagesspiegel zum Phänomen der Seiteneinsteiger, die es nun richten sollen. Möglicherweise ist das auch ein Modell für andere Brandbrief-Institutionen wie die Feuerwehr oder die Polizei: Fachkenntnisse werden in Berlin ja generell überschätzt.

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