Domitila Barros und ihre Mitarbeiterinnen besprechen die Kollektion. Foto: Carlos Henrique, Debora Fernandes
© Carlos Henrique, Debora Fernandes

Fashion Week 2019 in Berlin Mode mit Mission

Antje Waldschmidt

Domitila Barros wuchs in einer Favela in Brasilien auf und studierte in Berlin. Ihre Kollektion stellt sie bei der MBFW vor und fördert so Frauen in der Heimat.

Wer Domitila Barros kennenlernt, dem fällt sofort eines auf – ihre Energie und Lebensfreude. Irgendwie scheint sie immer in Bewegung. Sie spricht stets schnell, sei es auf Deutsch oder Portugiesisch – wahrscheinlich, weil sie immer viel zu erzählen und auch zu tun hat. Auffallend ist dabei ihr herzliches Lachen: dieses Strahlen in ihrem sommersprossigen Gesicht mit der lockigen, wilden Mähne.

In Deutschland ist die gebürtige Brasilianerin mit diesem Markenzeichen schnell aufgefallen – und sie hat als Model und Schauspielerin schnell Fuß in der Werbewelt gefasst. Diesen Traum teilt die heute 34-Jährige bei einer Größe von „nur“ 1,68 Meter mit vielen anderen jungen Brasilianerinnen, die sich nichts sehnlicher wünschen, als in die Fußstapfen namhafter Models wie Gisele Bündchen oder Adriana Lima zu treten. Bei den meisten bleibt es allerdings ein Traum. Und auch bei Barros schien es, als würde ihre Lebensrealität ihr einen anderen Weg ebnen.

Barros wuchs in einer Favela in Brasilien auf

Domitila Barros wuchs in der Peripherie von Recife auf, in einer jener Favelas am Rande der großen Städte Brasiliens, bei denen die Mehrzahl der Bewohner über keinen Grundbesitz verfügt und wo die Arbeitslosigkeit hoch ist. Ihre Eltern haben dort 1983 die Nichtregierungsorganisation CAMM  für Straßenkinder gegründet.

„Als ich geboren wurde, waren schon 39 Kinder bei uns zu Hause. Das ist meine Realität.“ Drohte es mal knapp zu werden, beruhigte ihre Mutter sie mit den Worten: „Es wird schon reichen, dann machen wir einfach ein bisschen mehr Wasser zu den Bohnen.“ Mit sieben Jahren hat Barros angefangen, bei CAMM Schauspielunterricht zu nehmen: ein Workshop, den die NGO zu dieser Zeit anbot. „Es war großartig, weil ich beim Schauspielern der harten Realität entfliehen konnte – ich spielte, Model, Prinzessin oder Wissenschaftlerin zu sein“, sagt Barros.

Das Modeln bringe das gleiche Gefühl mit sich – eine gewisse Leichtigkeit. „Wo ich herkomme, ist das Leben nicht immer einfach, weshalb ich mich nach dieser Leichtigkeit gesehnt habe.“ Seit Kindheitstagen hat sich Barros sozial engagiert. In ihrer Gemeinde unterstützte sie junge Menschen dabei, Lesen und Schreiben zu lernen, und bot Theater- und Tanzworkshops an. Damit zog sie bereits im Alter von 15 Jahren die Aufmerksamkeit der Unesco auf sich: Sie wurde mit dem Millennium Dreamer Award ausgezeichnet und konnte Vorträge in mehreren Ländern halten.

Die soziale und finanzielle Integration der Frauen steht im Mittelpunkt

Herkunft und frühes soziales Engagement veranlassten Barros, in Brasilien Sozialarbeit zu studieren. Doch der Wunsch, „mehr zu tun“, blieb bestehen.

Nach ihrem Bachelor führte Barros’ Weg sie von Recife nach Berlin, wo sie ihren Master in Politik- und Sozialwissenschaften an der Freien Universität absolvierte. Es war dann auch die deutsche Hauptstadt der Ort, wo sie künstlerisch entdeckt wurde. Nach kleineren Rollen, wie für die Daily Soap „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ folgten Werbeaufträge als Model. Doch die enge Bindung zu ihrer Gemeinschaft und der Wunsch, etwas an diese zurückzugeben, führten Barros schließlich in die soziale Unternehmerschaft. Im Sommer 2017 gründete das Model die Bademode- und Bio-Schmuck Marke „sheisfromthejungle“.

„Ich habe die Marke kreiert, die Bikini-Designs entworfen und nach Frauen aus der Gemeinschaft gesucht, in der ich aufgewachsen bin, um die Bikinis herzustellen“, sagt sie. Einige der Näherinnen seien alleinerziehende Mütter, die ihre Männer durch Gewalt und Kriminalität verloren haben. Die handgefertigte Bademode und der Bio-Schmuck von „sheisfromthejungle“ biete ihnen nun die Möglichkeit, unabhängig von zu Hause zu arbeiten und ein eigenes Einkommen zu erzielen. Es ist genau diese soziale und finanzielle Integration der Frauen, die bei der Arbeit von Barros im Mittelpunkt steht und die Hauptmotivation der Gründung ihrer Fairfashion-Linie war.

Barros ist „ARTivistin“

„Wir haben mit zehn Bikinis gestartet: Wir wollten einfach loslegen und nicht erst auf Kapital warten. Ich habe mit der Motivation und Inspiration der Frauen ein tolles Team geschaffen.“ Doch Barros möchte mit ihrem Unternehmen nicht nur die Frauen in ihrer Gemeinschaft stärken, sondern auch die Kinder. So gehen zehn Prozent des Gewinns der Einnahmen ihrer Schmuck- und Bademode-Linie an das Straßenkinderprojekt CAMM, in dem sie aufgewachsen ist.

Fragt man Domitila Barros, ob sie nun Model oder Unternehmerin sei, antwortet sie prompt „ARTivistin“, das ist ein Wortspiel aus dem englischen Wort für Kunst und „Aktivistin“. Neben Regionalität und fairen Handelsbedingungen setzt die Brasilianerin bei ihrer Marke auf Nachhaltigkeit, Vielfalt und eine soziale Ideologie. Neben den Bikinis produziert ihre Marke auch ökologisch handgefertigten Schmuck aus Capim Dourado. Das Goldgras ist eine Pflanze, die im Naturschutzgebiet Tocantins wächst, eine goldene Farbe hat und für nur einen Monat im Jahr in Brasilien geerntet werden kann. „Um einen Ehering aus Gold zu produzieren, wird sehr viel Giftmüll in die Luft und das Meer geschüttet: Goldgras ist die nachhaltige Alternative“, so Barros.

Die Alltagsfrau als Inspiration

Ihre Bikini-Designs seien wiederum von der Alltagsfrau inspiriert und sollen den Frauen zu mehr Selbstwertgefühl verhelfen, um ihre Körper so anzunehmen, wie sie sind. So präsentiert sich „sheisfromthejungle“ auf der „Fashion4Charity´Petit“ mit mehr als 15 verschiedenen Designs in jeder Größe und für jede Frau. „Alle Models sind Freundinnen von mir, haben unterschiedlich geformte Körper und Nationalitäten, sie laufen barfuß und freiwillig.“ Etwas, das nicht alltäglich in der Modewelt ist. Doch Barros’ Mode, so beschreibt sie es, „kommt von Herzen mit viel Lebendigkeit, Naturliebe und einem sozial-ökologischen Anspruch“.

Auf der Fashion Week ist Barros bei der Präsentation ihrer Kollektion am Freitag natürlich als Unternehmerin dabei, und sie präsentiert ihre Mode mit Mehrwert auch als Laufstegmodel.

Unsere Autorin: Model und selbst engagiert

Die Autorin kennt die Protagonistin gut – und sie unterstützt sie bei der „Fashion4Charity´Petit“. Die Frauen sind gleichen Alters, haben Politikwissenschaften studiert, als Model gearbeitet und sich international für soziale Projekte mit jungen Menschen engagiert. Antje Waldschmidt läuft gern bei der Charity-Show: Während sie das Modelgeschäft in ihrer zwölfjährigen Tätigkeit zunehmend als oberflächlich kennengelernt hat, weil Models häufig als Ware hinter Produkten zurückstecken müssen, geht es bei Barros auch um die Frauen „in“ und „hinter“ der Mode. Nicht um klassische Modelmaße, sondern um Frauen als Individuen mit eigenen Formen. Auch dass die Show jene Frauen unterstützt, die an der Herstellung der Kleidung beteiligt sind, kommt nur selten in einer Industrie vor, in der die Globalisierung dazu beträgt, dass Kleiderproduzenten häufig keine Stimme haben.

Fashion4Charity´Petit. 18 Januar 2019: Im Rahmen der Mercedes Benz Fashion Week lädt die „Fashion4Charity´Petit“ zu einer Show der Strand-Trends 2019 und zur Fashion-Week-Abschlussparty ein. Sodom & Gomorra, Torstraße 164, 10115 Berlin. Beginn ist ab 22 Uhr. Tickets gibt es ab 15 Euro im Online-Shop unter www.fashion-4-charity.com/shop/

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