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Auch am Mittwoch wird vor dem Gorillas-Lagerhaus in der Prenzlauer Allee protestiert. "Keine Probezeit mehr" steht als eine Forderung auf dem Plakat der Demonstranten. Foto: Christoph Kluge
© Christoph Kluge

Update Fahrer legen Lagerhaus in Berlin lahm Lederer unterstützt Arbeitskampf beim Millionen-Start-up „Gorillas“

„Wir wollen Santiago zurück!“ Die Entlassung eines Kollegen löst beim boomenden Lieferdienst einen Streik für bessere Arbeit aus. Von der Linken kommt Zuspruch.

Mit Streiks und Blockaden protestieren Beschäftigte des Berliner Express-Lieferdienstes „Gorillas“ für faire Arbeitsbedingungen. Bereits am Mittwoch hatten sie die Arbeit niedergelegt und ein Lagerhaus in Prenzlauer Berg blockiert. Am Donnerstag ging der Protest an einem anderen Lager weiter. Dazu aufgerufen hatte eine gewerkschaftsnahe Gruppe, die sich für die Einrichtung eines Betriebsrats einsetzt. Anstoß war die plötzliche Entlassung eines Fahrers gewesen.

Das Unternehmen bestätigte dem Tagesspiegel, die „ausschließlich verhaltensbedingte Kündigung eines Mitarbeiters während seiner Probezeit. Gorillas kümmert sich aktiv um einen sachlichen Dialog mit der Mitarbeitergruppe“, hieß es in einer schriftlichen Stellungnahme. Einzelheiten zu dem Fall wollte die Firma nicht mitteilen.

Am Donnerstagvormittag versammelten sich etwa 60 Leute vor einem Gorillas-Lagerhaus in der Prenzlauer Allee. Die meisten waren Fahrer:innen, die sich selbst „Rider“ nennen. Die Rider stellten sich vor die Türen und wollten so auch ihre Kolleg:innen daran hindern, Lieferungen auszufahren.

Doch nicht alle waren begeistert davon. „Lasst mich in Ruhe. Das ist mir egal!“, rief ein junger Mann auf Englisch und drängte sich durch die Blockade. Er trug einen Fahrradhelm mit Gorillas-Schriftzug. Nachdem er die Sperre durchbrochen hatte, stieg er auf ein Rad, um eine Tour zu fahren. „Streikbrecher!“, rief ihm jemand wütend hinterher.

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Vor der Tür diskutierte einer der streikenden Rider mit dem Manager des Lagerhauses. „Wenn es Probleme gibt, müssen wir darüber reden“, sagte der Manager. „Aber hört auf, die Leute an der Arbeit zu hindern.“ Doch der Streikende antwortete: „Wenn das Geschäft weiterläuft, ist es keine Blockade.“ Es gebe massive Missstände, sagte er. Die Geschäftsführung spreche regelmäßig Kündigungen ohne Vorwarnung aus.

Statt Gehälter zu erhöhen, wird expandiert

Es gebe viel Intransparenz und Gerüchte. Außerdem sei der Lohn von 10,50 Euro pro Stunde nicht genug. Anfangs habe Gorillas bis zu zwölf Euro gezahlt, doch nun werde alles Geld in die Expansion gesteckt.

Gorillas liefert Lebensmittel in nur zehn Minuten. Die Kund:innen bestellen ihre Produkte über eine Smartphone-App. Die Preise sind handelsüblich, hinzu kommt eine Liefergebühr von 1,80 Euro. Gegründet wurde Gorillas im März 2020 von den Berliner Unternehmern Jörg Kattner und Kagan Sümer. Bislang war es eine Erfolgsgeschichte. Schon nach wenigen Monaten wurde der Unternehmenswert auf mehr als eine Milliarde Dollar beziffert. Das hatte noch kein deutsches Start-up so schnell geschafft.

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Zu Jahresbeginn gelang es Gorillas, mehr als  240 Millionen Euro von Investoren einsammeln. Seither expandiert das Unternehmen noch aggressiver als zuvor. Neben Berlin ist es unter anderem auch in Köln, Hamburg, Amsterdam oder New York aktiv. Mit großen Werbeplakaten geht Gorillas auf Kundenfang.

Doch der Markt ist sehr hart umkämpft. In Deutschland konkurriert Gorillas zum Beispiel mit den Start-ups Flink, bring.de oder Bringoo, außerdem mit Supermarktketten wie Rewe oder Edeka. Die liefern zwar langsamer. Doch Delivery Hero bringt gerade seine eigenen Express-Bringdienst Foodpanda nach Deutschland. Der soll in nur sieben Minuten liefern können.

Beschäftigte des Start-ups Gorillas diskutierten am Mittwoch miteinander. Ein Teil von ihnen hat gestreikt, andere wollten weiterarbeiten. Foto: Christoph Kluge Vergrößern
Beschäftigte des Start-ups Gorillas diskutierten am Mittwoch miteinander. Ein Teil von ihnen hat gestreikt, andere wollten weiterarbeiten. © Christoph Kluge

In einem Gorillas-Lagerhaus in der Muskauer Straße in Kreuzberg ging die Arbeit am Donnerstagnachmittag jedoch weiter. Auf dem Bürgersteig saßen einige Rider entspannt in der Sonne. „Ich arbeite gern hier“, sagt James aus dem Vereinigten Königreich. Er ist einer von 20 Ridern, die hier pro Schicht im Einsatz sind. James ist nicht sein richtiger Name. Obwohl er mit seinem Job zufrieden ist, befürchtet auch er, Ärger zu bekommen, wenn er mit den Medien spricht. Es gebe viele Gerüchte über solche Vorfälle, sagt er.

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Am Mittwoch habe es auch an diesem Lagerhaus eine kurze Blockade gegeben. Doch die Proteste seien zu spontan und „etwas kindisch“, kritisiert er. „Das stört Gorillas gar nicht. Sie schicken einfach Rider aus einem anderen Lagerhaus, um die Bestellungen auszufahren.“ Das schnelle Wachstum des Unternehmens bringe Probleme.

Zum Teil seien Leute in Führungspositionen aufgestiegen, für die sie nicht ausreichend qualifiziert seien. Das bringe  Konflikte und Frustrationen im Alltag mit sich. Um die Arbeitsbedingungen zu verbessern, müsse ein Betriebsrat eingerichtet werden, sagt James.

Lederer: „Ihnen gehört meine volle Unterstützung!"

Klaus Lederer, Kultursenator und Linken-Spitzenkandidat für die Berlin-Wahl im Herbst, begrüßte die Proteste. Die Gorillas-Worker zeigten, „wie Solidarität gemeinsam gelebt wird“, schrieb Lederer am Donnerstag auf Twitter. „Ihnen gehört meine volle Unterstützung! Wenn dieses Unternehmen eine Zukunft in Berlin haben möchte, dann muss es umgehend die Mindeststandards eines fairen Umgangs mit Beschäftigten beachten.“

Die Nachbarn des Gorilla-Lagers sind nicht begeistert. Sie fühlen sich von den Fahrradfahrern und dem Unternehmen gestört. Foto: Christoph Kluge Vergrößern
Die Nachbarn des Gorilla-Lagers sind nicht begeistert. Sie fühlen sich von den Fahrradfahrern und dem Unternehmen gestört. © Christoph Kluge

Doch es kommt auch Kritik. Über dem Kreuzberger Lagerhaus steht auf einem Transparent: „Hey Gorillas! Ihr nervt! Geht woanders hin!“ Nachbar:innen beschweren sich darüber, dass die Fahrräder auf dem Gehweg stehen. Früher sei es es ruhiger gewesen. Außerdem sind einige Anwohner:innen ohnehin  genervt von der Markthalle Neun, der sie vorwerfen, zur Gentrifizierung des Kiezes beizutragen. In Pankow gibt es bereits ähnliche Beschwerden von Anwohnenden gegen dortige Gorillas-Lager.

Bei dem Protest am Mittwochabend mit rund 50 Beschäftigten vor dem Lagerhaus in Mitte riefen die Blockierer auf Englisch: „Wir wollen Santiago zurück!“. Die Parole wurde inzwischen auch an die Wände einiger Gorillas-Filialen gesprüht. Santiago ist ein Fahrer, der vor Kurzem entlassen wurde. Für viele Rider hat dieser Vorfall offenbar das Fass zum Überlaufen gebracht. Schon seit einer Weile hatte es Kritik an den Arbeitsbedingungen gegeben.

Der Geschäftsführer versuchte vergeblich die Situation zu klären

So wie am Donnerstag wollten sich auch schon am Mittwoch einige Angestellte nicht am Streik beteiligen. Doch die Streikenden hatten den Eingang des Gorillas-Gebäudes mit ihren Elektrofahrrädern blockiert. Lieferungen waren nicht möglich. Der stellvertretende Geschäftsführer Harm-Julian Schumacher versuchte die Situation zu klären und schaffte eigenhändig die Räder beiseite. Doch auch das nützte nichts. Die Streikenden setzten sich einfach kurzerhand vor die Tür und versperrten sie somit weiterhin.  

Die Polizei war mit mehreren Mannschaftswagen vor Ort. Schumacher sprach mit den Beamten und sagte ihnen, dass er nicht wolle, dass die Situation eskaliert. Die Blockade wurde nicht aufgelöst. Gegen 21.50 Uhr am Mittwochabend gab das Management auf und schloss das Lager. Die Streikenden jubelten. Am Mittwochnachmittag hatten sie bereits ein Lagerhaus in der Charlottenstraße blockiert. In einer Telegram-Gruppe war dazu aufgerufen worden. 

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