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Fußball ist Kontaktsport - auch die Kleinsten müssen deshalb pausieren. Foto: imago/JOKER
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„Es wird soziale Unruhen geben“ Die Corona-Krise macht auch den Jugendfußball kaputt

Fußballamateurvereine haben große soziale Kraft, geben Kindern Struktur, Werte und Halt. Trainer und Sozialarbeiter warnen: Das Soziale wird gerade zerstört.

Sie haben keinen Ball mitgebracht. Dafür den Schlüssel, um das Gittertor zum gesperrten Fußballplatz an der Kreuzberger Blücherstraße zu öffnen. Gäbe es kein Corona, würden Zeljko Ristic und Murat Dogan an diesem Dienstagnachmittag viele Kinder und Jugendliche von Türkiyemspor begrüßen, mit ihnen scherzen, sich umziehen, sie ermahnen, in dem achteckigen Kabinentrakt vielleicht auch hineinlauschen in die Gespräche und Sorgen der Kids. Und dann – kicken.

Jetzt stellen sie sich einfach aus Trotz mitten aufs leere Feld. Dieser Platz ist – wie Tausende andere in der Stadt – nicht nur ein Sehnsuchtsort geworden, weil vielen Fußball fehlt. „Er ist Zufluchtsstätte und Schutzbastion für die Kinder und Jugendlichen.“

Der Platz an der Blücherstraße muss reichen für 1000 Mitglieder, und nicht nur deshalb existiert hier wie auf Plätzen anderer Klubs immer eine große soziale Verantwortung. Die Bereitschaft, diese Verantwortung wahrzunehmen, könnte nun, fürchten beide, durch die Pandemie nachhaltig zerstört werden.

Der Fußballplatz ist auch Schutzbastion

Die Stille auf dem leeren, giftgrün glänzenden Kunstrasen ist für die beiden Männer deshalb ein beängstigendes Symbol dafür, dass der Corona-Lockdown schon jetzt sehr viel mehr soziale Verwerfungen produziert hat als angenommen. Und die Entscheidung der Politik in dieser Woche, die Verbote noch länger aufrechtzuerhalten, werde die Lage weiter eskalieren.

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Zeljko Ristic, 47 Jahre alt, ist Fußballer, seitdem er denken kann. Er ist auch schon ewige Zeiten Fußball-Jugendtrainer, unter anderem viele Jahre bei Hertha BSC; hier im Kiez ist er als Straßensozialarbeiter bei „Outreach“ unterwegs, einem Berliner Sozialträger für Mobile Jugendarbeit, bei dem er seit 16 Jahren arbeitet. Ristic sagt: „Wenn es so weitergeht, wird es soziale Unruhen geben.“

Murat Dogan, 43 Jahre alt, bildet mit Ristic bei Outreach eines der vielen mobilen Teams, sie betreuen Jugendliche auf der Straße zwischen dem Potsdamer Platz und dem Kottbusser Tor. Und wenn bei dieser Arbeit gar nichts geht, ist der Fußball oft das einzige Thema, um ins Gespräch zu kommen und anzudocken.

Bei Türkiyemspor ist Dogan wiederum eine Kümmerer-Legende, war nicht nur Spieler, sondern bekleidete viele Funktionen und baute die Frauen- und Mädchenabteilung auf. Türkiyemspor gibt es seit 1978, und die Fähigkeit zur sozialen Integration ist mit jedem Jahr der eigenen Existenz gewachsen. Und so ist der Klub längst so divers wie die Stadt an sich.

Dogan sagt: „Es gibt hier in den Familien aufgrund der Corona-Situation krasse Überforderungen.“ Eltern hätten Kontrollverluste, egal ob aus bildungsfernen oder bildungsnahen Familien. Die einen hätten sich schon vor Corona nicht gekümmert und die anderen, die Helikopter-Eltern, hätten viele Kids zugeschüttet mit Aktivitäten außerhalb der Familie. „Jetzt wissen die nicht mit der Situation umzugehen.“

[Alle aktuellen Entwicklungen in Folge der Coronavirus-Pandemie finden Sie hier in unserem Newsblog Über die Entwicklungen speziell in Berlin halten wir Sie an dieser Stelle auf dem Laufenden.]

Im Umkreis der Blücherstraße haben zig Fußballvereine ihre kleine Heimat, auf die sie stolz sind und die vielen Kiezen eine eigene Identität verleiht. Hansa 07, Südstern, Berliner Amateure, Dersimspor, Hilalspor oder Seitenwechsel sind nur ein paar Beispiele für das bunt gemischte Vereinsleben, das jetzt so brachliegt wie die Fußballplätze selbst.

Und damit auch soziale Bindungen, die über Alltagssorgen und existenzielle Ängste hinweghelfen können – zum Beispiel die Angst, dass der Vater arbeitslos wird oder Mama und Papa sich scheiden lassen.

Dogan und Ristic geht es also gar nicht um den Fußball, nicht um eine, wie sie finden, nach wie vor „unzeitgemäße Debatte zur Rückkehr zum Spielbetrieb“. Sie haben nur „große Sorge“, wie sie sagen, dass die „soziale Arbeit, die in den Fußballvereinen oder anderen Sportklubs geleistet wird, total unterschätzt und gar nicht gesehen wird“. Und damit die sozialen Folgen zunehmen.

Die Corona-Situation macht sie wütend und ratlos zugleich, denn was ist Straßenarbeit wert, wenn niemand auf die Straße darf, zumindest nicht in den üblichen Gruppen und Peergroups. Die Jugendlichen, die sie trotzdem erreichen, über die digitalen Kanäle oder auf ihren Streifen über den Oranienplatz, den Wassertorplatz oder den Mehringplatz, berichten ihnen davon, was in den oft beengten Wohnungen abgeht.

Ristic erzählt nur halb im Spaß, dass die Kids aus Langeweile gerade alles posten und Videos drehen: „Ich habe noch nie so viele chaotische Wohnungen gesehen wie gerade und so viele Leute in den Wohnungen, Großeltern, Eltern, Kinder. Manchmal neun Leute in einer Wohnung.“ Schlechte Ernährung, pausenloses Zocken an der Spielekonsole, familiäre Konflikte bis zur Gewalt – das sind Folgen, die Ristic und Dogan sehen.

Einer von Ristics Spielern, er trainiert noch eine Jugendmannschaft beim Berliner SC, hat ihm letztens seine tägliche Smartphonezeit gezeigt: elf Stunden!

55000 Kinder- und Jugendliche kicken in Berliner Vereinen

Der Sport an sich, oft der Fußball, und das Vereinsleben bringen zu normalen Zeiten Verbindlichkeit und Struktur in das Leben vieler Kinder und Jugendlicher. Heute müssen die Kinder zwar seltener von der Straße geholt werden als vielmehr weg von der Playstation, trotzdem gibt es neben dem Sport kaum eine gesellschaftliche Kraft, die die Halbwüchsigen noch vor Abwegen schützt. Allein in Berlin spielen normalerweise 55 000 Kinder- und Jugendliche in rund 400 Vereinen.

Schon immer wurde von Politikern oder Fußballfunktionären gerne der Satz bemüht, dass der Fußball auch ein Spiegel der Gesellschaft sei. Und natürlich ist er das, schon allein weil es rund sieben Millionen Vereinsmitglieder in Deutschland gibt, und noch viel mehr Fans.

Doch wenn der Satz wahr ist, hat sich der Fußball mit der Gesellschaft verändert. Vielleicht muss man exakter formulieren: Die Prioritäten der Gesellschaft haben den Fußball und seine soziale Funktion verändert.

Fußball-Trainer und Sozialarbeiter, Zeljko Ristic (links) und Murat Dogan. Foto: ale Vergrößern
Fußball-Trainer und Sozialarbeiter, Zeljko Ristic (links) und Murat Dogan. © ale

Seit den 2000er Jahren, mit der Einführung der Jugendleistungszentren und DFB-Stützpunkte, ist er auch im Jugendfußball immer leistungsorientierter, selbstbezogener und kommerzieller geworden. Das hatte auch psychologische Auswirkungen auf den Breitensportgedanken – er wurde immer unwichtiger, wertloser; wahrgenommen wird vor allem der Profifußball mit seinen hoch bezahlten Stars, gigantischen Ablösesummen und den großen Events, die Milliarden Menschen global bewegen.

Was verloren geht, ist das gesellschaftliche Bewusstsein für die immense soziale Leistung des Breitensports und das ihn tragende Ehrenamt.

Ristic, der selbst Jugendtrainer beim Berliner SC ist, kann den schon lange vor Corona gesunkenen Respekt für ehrenamtliche Arbeit am Verhalten der Eltern festmachen. „Die Ansprüche sind unglaublich gestiegen, gleichzeitig sieht jeder nur noch sein Kind und dessen Vorankommen.“ Dogan findet, „dass viele Eltern überhaupt nicht sehen, was wir hier leisten“.

Der Landessportbund ist alarmiert

Viele würden denken, man sei fest angestellt. Schließlich zahle man doch Beiträge. Dass die Beiträge gerade im Fußball oft sehr gering sind, auch aus sozialen Gründen, wolle niemand wissen. Erst jetzt, mit Corona, sei ein Bewusstseinswandel zu spüren.

Dogan sagt: „Wir sind mit unserer sozialen Arbeit absolut systemrelevant, weil wir uns um Beziehungen kümmern und Begegnungen schaffen.“

Der Fußball ist nicht der einzige Sport, der abgehängt ist. Und nach der Verlängerung der meisten Verbote weit über die Osterferien hinaus ist in Berlin deshalb nicht nur der Berliner Fußball-Verband, BFV, alarmiert, sondern ebenso der Landessportbund, LSB. Mehrmals in der Woche trifft sich dessen Leitungsstab, um über die Auswirkungen der Coronakrise zu diskutieren.

Mit dabei sind Präsident Thomas Härtel, der Direktor, leitende Angestellte und der Betriebsratsvorsitzende. Der Abstand ist gewahrt, jeder hat einen Konferenztisch für sich, und vom Tagungsraum fällt der Blick auf ein gerade unbespieltes Olympiastadion und die olympischen Ringe am Osttor.

Doch Olympia ist in diesen Tagen so fern wie die Fußballeuropameisterschaft, denn beide Großereignisse finden nicht wie geplant in diesem Sommer statt. Und so beschäftigt die Runde, wie die Vereine an der Basis ihre Existenz retten, angesichts der Einnahmeverluste durch abgesagte Wettkämpfe und Turniere, ausgefallene Kurse; und wie sie weiterhin ihre Mitglieder erreichen.

250 000 Mitgliedschaften der knapp 700 000 im Landessportbund entfallen auf die unter 18-Jährigen. Damit ist der LSB mit seiner Sportjugend die größte Jugendorganisation der Stadt.

Einige Vereine wie Alba Berlin haben in dieser Krise schnell gehandelt und kleine Filme gedreht, mit denen sie auch Kinder und Jugendliche in Bewegung halten wollen. Zwei Alba-Trainer zeigen mitten in der Profi-Kabine und gemeinsam mit dem Albatros-Maskottchen täglich lustige Übungen zum Dehnen, Strecken, Hüpfen.

Der Fußball ist eine Art Schule der Nation

Der LSB hat gemeinsam mit Vereinen und dem rbb die Plattform „Move at Home“ gegründet und 1000 „Bewegungsrucksäcke“ an Kinder verteilen lassen, vor allem in sozialen Brennpunkten. Um sie zu motivieren, sich mit einfachen Mitteln wie Schaumstoffbällen oder Luftballons zu bewegen. „Gerade Kindern und Jugendlichen in beengten Wohnverhältnissen fehlen Bewegung und die sozialen Kontakte des Sports sehr“, sagt Präsident Härtel.

Die fehlende Berücksichtigung des Sports bei der Beschulung zu Hause während des Lockdowns ist ein Grund für den Landessportbund, sich für eine behutsame Öffnung der Sportanlagen einzusetzen. Gemeinsam mit dem leitenden Olympiaarzt Bernd Wolfarth von der Charité hat der LSB einen Zehn-Punkte-Katalog für die Öffnung von Plätzen und Hallen erarbeitet.

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Bernd Schultz, Präsident des Berliner Fußballverbands, zitiert am Telefon wiederum den ehemaligen BFV-Präsidenten Otto Höhne, mittlerweile 93 Jahre alt, der als Direktor eine Ganztagsschule in Kreuzberg leitete und gleichzeitig dem Traditionsverein Hertha 03 Zehlendorf vorstand. Dessen Credo lautete: „Der Fußball muss sinnstiftend und sozial sein.“ In gewisser Weise, sagt Schultz, habe Höhne den Fußball „immer als Schule der Nation“ betrachtet.

Thomas Härtel, Präsident des Landessportbundes. Foto: Thilo Rückeis Vergrößern
Thomas Härtel, Präsident des Landessportbundes. © Thilo Rückeis

Was diesen Sinn ausmacht, ganz jenseits von Siegen oder Niederlagen, können schon Kinder einschätzen. Maxim ist elf Jahre alt und eines der Talente seines Jahrgangs in der Stadt, er spielt in der U11 von Hertha 03 Zehlendorf, Otto Höhnes Klub, Ausbildungsverein und Kooperationspartner von Hertha BSC. Normalerweise hat er dreimal in der Woche Training, am Wochenende oft Spiele oder Turniere an beiden Tagen.

Aber jetzt steht Maxim unruhig in einem Neubaugebiet in Teltow, dicht am südwestlichen Stadtrand Berlins gelegen, und stöhnt: „Turniere, Punktspiele, Pokale – ist mir alles total egal gerade. Ich will einfach meine Jungs wiedersehen und spielen.“

Nachdem die Schulen geschlossen und die Sportplätze gesperrt wurden, hat Maxim erst gedacht, „klasse, hab’ ich mehr Zeit, denn Training ist manchmal auch ganz schön anstrengend“. Und jetzt? „Ist todlangweilig ohne Fußball.“

Rhythmus hat er trotzdem, aber der ist öde aus seiner Sicht, er zählt seine Aktivitäten auf: „Aufstehen, Frühstück, rausgehen, Playstation zocken, Abendbrot, bisschen quatschen, schlafen gehen …“ Es gebe da aber noch etwas sehr Schönes, nämlich einen Freund um die Ecke, den treffe er jetzt viel öfter.

Schule sei eher Einzelsport, Fußball ist Team

Er träumt jetzt von seinen Toren oder erinnert sich an sie. Das schönste, sagt er, habe er bei einem Turnier in Burnley, England, geschossen, und seine Augen strahlen, als wäre es gerade erst passiert. Er hat den Ball im Mittelfeld bekommen, ist losgerannt, einfach am ersten Gegner vorbei, Finte und links vorbei am nächsten Spieler, dann Flachschuss mit links in die linke Ecke. 3:1 haben sie gegen den großen FC Liverpool gewonnen. „Das war so geil!“

Vor zwei Jahren ist Maxim mit der Mutter und dem Bruder aus Sachsen nach Berlin gezogen. In Berlin kannte er nur Hertha BSC. Zusammen mit der Familie hat er sich alle Vereine im näheren Umkreis des neuen Zuhauses angeschaut – das Mannschaftsfoto von Hertha 03 fand er „irgendwie total nett“. Und so wurde es Zehlendorf. Und jetzt, nach Wochen ohne Vereinsfußball, ist die Sehnsucht nach den Mitspielern „riesig“.

Er findet, dass die Schule wegen der Arbeiten, Tests und vor allem der Noten vielmehr „so eine Art Einzelsport ist, Fußball dagegen ist Team, das liebe ich daran“.

Zu normalen Zeiten ist seine Taktung eng: Schule, gegen 15 Uhr zu Hause, schnell was essen, die Sporttasche packen, dann kommt die Mama, Erzieherin, nach Hause und fährt ihn an Trainingstagen 15 bis 25 Minuten je nach Verkehr zum Sportgelände in Zehlendorf. Schularbeiten muss er an solchen Tagen oft noch nach dem Training machen.

Still- und Leerstand auf den Fußball-Plätzen im Jugend- und Breitensport gefährden auch den sozialen Zusammenhalt. Foto: Kitty Kleist-Heinrich Vergrößern
Still- und Leerstand auf den Fußball-Plätzen im Jugend- und Breitensport gefährden auch den sozialen Zusammenhalt. © Kitty Kleist-Heinrich

Maxim sagt, dass es nur wirklich Spaß mache, wenn Team und Trainer passen, und wenn es „einen Zusammenhalt gibt“. Sein aktueller Trainer und der Coach für die kommende Saison, der sie immer dienstags schon trainiert hat, seien lustig und streng zugleich. Er möge das.

Er habe dann das gute Gefühl, dass „die sich wirklich für uns interessieren, nicht nur wegen Fußball“. Seinen jetzigen Trainer werde er sehr vermissen. „Und er uns, das weiß ich“, sagt Maxim. Zu Ostern hätte es eine Art Kennenlernlager mit dem neuen Coach geben sollen: fünf Tage gemeinsam auf dem 03-Gelände, frühstücken, verschiedene Aktivitäten wie Schwimmen oder Volleyball, Mittag und natürlich auch viel Fußball waren geplant, vor allem aber: Zeit miteinander verbringen, um als Gruppe zusammenzuwachsen.

Jetzt schicken sie sich über die Whatsapp-Gruppe der Eltern jeden Tag kleine Videos mit Übungen wie jonglieren, passen, dribbeln, die sie selbst drehen, und nominieren am Ende immer den Nächsten, der sich etwas ausdenken muss.

Hertha 03 Zehlendorf hat die größte Jugendabteilung im Land

Maxims neuer Trainer für die Saison 2020/2021 heißt Andreas Statkiewicz. Er gehört im Jugendbereich zu den erfahrensten Coaches in Berlin. Mehr als 20 Jahre trainiert er Jugendmannschaften jeden Alters. Er war auch Jugendleiter beim FC Viktoria 1889, einem Verein in Lichterfelde. Damals war Viktoria eine Zeit lang der Klub mit der größten Jugendabteilung Deutschlands. Jetzt ist das wieder mal Hertha 03 – der Nachbar im eigenen Bezirk und sein jetziger Verein.

Schon immer war er der Meinung, dass Leistungssport ohne Breitensport überhaupt nicht funktioniere. Aber viel mehr noch ist er der Überzeugung, dass Sport Werte vermitteln müsse; und dass er damit einen Beitrag für gute Beziehungen leisten kann.

Am vergangenen Dienstag ist der drahtige Mann mit der markanten Glatze mal wieder nicht mit dem Fahrrad zum Trainingsgelände gefahren, sondern sitzt am Rathaus Steglitz mit einem Becher Kaffee auf dem Hermann-Ehlers-Platz und ist selbst „verblüfft darüber, wie sehr mir die Jungs fehlen“. Im Moment trainiert er die U14 von Hertha 03, C-Jugend.

Maxim, 11 Jahre, spielt in der U11 von Hertha 03 Zehlendorf Foto: ale Vergrößern
Maxim, 11 Jahre, spielt in der U11 von Hertha 03 Zehlendorf © ale

Die Coronakrise und die Zwangspause als Fußballer akzeptiert der 53-Jährige wie Ristic und Dogan, die er beide gut kennt, weil es ja nun mal nicht anders gehe, als die Gesundheit aller in den Mittelpunkt zu stellen. Aber auch er hat über den Fußball schon länger festgestellt, dass da was schiefläuft in der Gesellschaft. Dass die Gier nach Leistung und Erfolgen größer ist als Anstand und Benimm.

Die Anspruchshaltung der Eltern, von denen sie in Kreuzberg berichten, kennt er aus Steglitz-Zehlendorf. Er sagt: „Kinder sind für viele Eltern ein Projekt, in das man viel Geld investiert.“ Und weil man das tue, leite man ein Recht ab, auch möglichst großen Einfluss auf alles nehmen zu wollen. Er kenne Eltern, die partout nichts davon wissen wollen, dass das eigene Kind für Fußball einfach kein Talent habe. Stattdessen machen sie Druck.

Wer auf dem Schotter grätschte, hatte Granulat in der Wunde

Ristic, Dogan und Statkiewicz sind sich unabhängig voneinander einig, dass die allgemeine Fixierung auf den Leistungsfußball, in dem schon E-Jugendliche zwischen acht und zehn Jahren gescoutet und ihre Leistungsdaten gespeichert werden, „alles Soziale des Fußballs schluckt“.

Die persönliche Vision von Erziehung und Jugendarbeit des Zehlendorfer Trainers besteht darin, dass Eltern, Lehrer und auch Trainer Kinder befähigen und ihnen zutrauen, Entscheidungen möglichst selbst zu treffen. Dafür müssten sie in der Lage sein, respektvoll miteinander umzugehen. Der Coach kann bestätigen, was US-Studien bei College-Studenten herausgefunden haben: dass mit dem Einzug der Smartphones zu Beginn des neuen Jahrtausends die Empathie- und Beziehungsfähigkeiten rapide zurückgegangen sind.

Andreas Statkiewicz, Jahrgang 1966, ist schon auch ein harter Hund, im Ruhrpott geboren, aufgewachsen im Märkischen Viertel in Reinickendorf. Gespielt hat er bei Normannia 08, die hatten einen der schlimmsten Schotterplätze der Stadt – Kunstrasenplätze gab es damals kaum. Wer auf dem Schotter gegrätscht ist, hatte hinterher das rote Granulat in den Wunden.

Einer seiner Trainer, Horst Wittwer, hat ihn sehr geprägt: Er hat nicht nur „alles Mögliche für diesen Verein getan“, sondern hat ihnen beigebracht, mit Respekt und Wertschätzung Menschen und Dinge wie etwa die eigenen Schuhe zu betrachten. „Wer die Schuhe nicht geputzt hat, hat nicht gespielt.“

Mit 24 Jahren, als die Mauer gerade gefallen ist, überlebt er einen schweren Motorradunfall nur mit unzähligen inneren und äußeren Verletzungen, Brüchen am ganzen Körper; vor allem ist sein linkes Bein mit Knochen, Muskeln, Sehnen fast vollkommen zerstört.

„Die Ärzte in der Klinik haben mich und das Bein trotzdem wieder zusammengeflickt“, sagt Statkiewicz. Er ist drei Jahre lang in der Reha und im normalen Leben auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen. Und fortan, als er wieder mit dem Bein laufen kann, hat er das Gefühl, er müsse etwas von dieser Hilfe zurückgeben. Er versucht es auf seine Art bei den Heranwachsenden, denn die werden, wie er findet, „häufig nicht verstanden oder missverstanden, weil wir Erwachsenen sie oft gar nicht verstehen wollen“. Mut, Disziplin, Eigenständigkeit und unbedingte Ehrlichkeit sind ihm dabei wichtig. Und Augenhöhe. Das sollen auch seine Spieler spüren und mitnehmen.

Das Team, das zur Einheit zusammenwuchs, hielt dicht

Zur Teambildung, wie er es nennt, geht er mit seinen Mannschaften gerne auf Reisen. Am liebsten nach England. Am allerliebsten Liverpool. Ohne technisches Gerät, keine Handys, kein Laptop oder iPad. Den größten Ärger bekommt er für solche Ansagen regelmäßig von den Eltern. Dabei lässt er natürlich jeden von seinem Handy telefonieren, wenn das Heimweh zu groß wird.

Die Jungs, sagt Statkiewicz, kommen damit total klar. Und die guten Geschichten, die er dann erlebt und von denen er jetzt erzählt, seien so etwas wie ein „Blumenstrauß“, den er sich selbst bindet. Einmal ist er mit einer C-Jugend in Liverpool, 13-, 14-Jährige. Sie kochen zusammen, es wird gemeinsam eingekauft – er achtet sehr auf die Ernährung.

Trotzdem haben die Jungs immer einen Wunsch frei: Sie wollen zu McDonald’s, Statkiewicz geht mit, aber einem Jungen, eher ein ruhiger, nicht im Mittelpunkt stehender Spieler, geht es nicht gut. Plötzlich sind seine Magenkrämpfe so groß und heftig, dass er sich mitten im McDonald’s in die Hosen macht – heftiger Durchfall.

Der erfahrene Trainer im Jugendfußball, Andreas Statkiewicz Foto: ale Vergrößern
Der erfahrene Trainer im Jugendfußball, Andreas Statkiewicz © ale

Der Trainer erzählt diese Geschichte mit großem Stolz in der Stimme – Stolz auf das Team. Zwei hätten den Mitspieler nach Hause getragen, die anderen hätten alleine „die Scheiße weggemacht“, aber niemals danach sei, auch lange nach der Fahrt, über diesen Vorfall gelacht worden. Er wurde nicht mehr erwähnt. Die Mannschaft, längst ein verschworener Haufen, hielt dicht.

Er ist davon überzeugt: „Hätten die Handys dabeigehabt, und hätte das jemand fotografiert oder gefilmt, es wäre wieder aufgetaucht.“ Er glaubt, dass die Jungs, „wenn sie wirklich nur mit sich sind, auch solidarisch und loyal sein können“.

Die Werte, die Statkiewicz meint, hören sich an wie aus einer längst vergangenen Zeit: Verbindlichkeit, Pünktlichkeit, Ehrlichkeit, Fleiß. Doch sind sie kein Selbstzweck für ihn – und schon gar keine Form der Deutschtümelei, die er ablehnt. Sondern sie seien, paart man sie mit Zuneigung, Empathie und Freundschaft, „der Kitt, um einfach miteinander klarzukommen“.

Letztlich, sagt der Coach, würden sie im Fußballverein doch auch „nur lernen, wie das Leben läuft“.

Im Haus des Sports, im Foyer des Landessportbunds am Olympiastadion, laufen zurzeit auf einem großen Fernseher Sätze des neuen Leitbilds, das der LSB erarbeitet hat. „Sport ist eine Einladung an alle“, ist da zu lesen, oder: „Sportvereine sind für uns soziale Heimat.“ Nur was ist, wenn die abgeschlossen bleibt?

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