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Tausende zogen beim alternativen Christopher Street Day durch Berlin. Foto: Paul Zinken/dpa
© Paul Zinken/dpa

„Es ist frustrierend, dass alle vorbeigehen“ Betroffene erzählen von homophoben Attacken bei der „Pride Parade“

Julius Geiler

Beworfen, gestoßen, beschimpft – am Rande des alternativen Christopher Street Day gab es zahlreiche Übergriffe. Das sagen die Opfer.

„Ohne größere Vorfälle“, so lautete die Bilanz eines Sprechers der Berliner Polizei nach der alternative Pride-Parade, die am Samstag vom Nollendorfplatz bis Alexanderplatz gezogen ist. Auf das Hygienekonzept zur Eindämmung der Corona-Pandemie mag das zutreffen mag, doch angesichts diverser homophober Attacken sehen die Opfer das ganz anders.

In einem wütenden Facebook-Post wandte sich das antirassistische Bündnis „Travestie für Deutschland“ am Sonntagmorgen an seine Follower. Man zeige sich „stark ernüchtert“ über die Vorkommnisse und Geschehnisse rund um die alternative Pride 2020.

Das Konzept des alternativen Christopher Street Days sah vor, queeres Leben auf der Straße zu zeigen und sich nicht mit einem virtuellen CSD in Zeiten der Corona-Pandemie zu begnügen. Eben diese Sichtbarkeit ist mehreren Betroffenen während und nach dem Umzug zum Verhängnis geworden.
Auch die Berliner Dragqueen Betty Bückse war mit Freunden auf der Pride-Parade. Auf dem Rückweg steigt sie am Neuköllner Hermanplatz um, als sie bemerkt, dass eine Gruppe von Männern auf sie aufmerksam wird. Intuitiv beginnt sie, mit ihrem Smartphone zu filmen.

„Mir und meinen Freunden passiert fast jedes Wochenende etwas, da bekommt man mittlerweile ein Gefühl dafür, wenn es heikel wird“, sagt die Drag. Auf dem Video, das dem Tagesspiegel vorliegt, sind drei Männer zu sehen, wie sie auf dem Bahnsteig der U7 die Berlinerin homophob bepöbeln.

Kurz bevor sich die Türen eines einfahrenden Zuges öffnen, wirft einer der drei mit einer Plastikflasche nach Bückse und trifft sie. Der Bahnsteig ist voll, dutzende Menschen gehen vorbei, drehen sich um, aber schreiten nicht ein. Erst als die drei in die U-Bahn einsteigen, konfrontiert ein einzelner Augenzeuge die Männergruppe.

In Neukölln einem Gürtel geschlagen und einer Flasche beworfen

Anzeige hat die Dragqueen bisher nicht erstattet: „Ich habe keine Lust, alle zwei Wochen zur Polizei zu rennen“, sagt sie. Erst vor zwei Wochen wurde sie Opfer einer homophoben Attacke in der Flughafenstraße in Neukölln. Unbekannte schlugen die Travestiekünstlerin und einen Freund mit einem Gürtel. Aus einem Haus wurden sie mit einer Flasche beworfen. Der Staatsschutz ermittelt.

Schon beim alternativen Christopher Street Days waren Teilnehmende Anfeindungen ausgesetzt. So berichten Augenzeugen, dass ein Teil des Protestzugs in der Potsdamer Straße, Ecke Kurfürstenstraße in Schöneberg von Anwohnern mit Eiern und einer Packung Sahne beworfen worden sein sollen. Getroffen wurde niemand.

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Über eine andere Szene, die sich im Verlauf der Pride an dem Boulevard Unter den Linden zugetragen hatte, hat der Tagesspiegel bereits berichtet. Der 25-Jährige George war mit seinem Bruder und einem Freund beim Umzug dabei, als er eine ältere Frau dabei beobachtet, wie sie Teilnehmende des CSD als „krank“ und „reif für die Psychiatrie“ bezeichnete.

Als George mit seinem Smartphone beginnt zu filmen, geht die Frau mit ihren Gehhilfen auf den Mann los und schlägt ihm das Handy aus der Hand. Auf dem Video ist zu sehen, wie sie noch mindestens zweimal andere Teilnehmende der Demo mit den Krücken attackiert.

Nicht nur homophob, sondern auch rassistisch

Ihr Motiv war offenbar nicht nur homophob, sondern auch rassistisch: „Raus aus Deutschland, du Drecksstück“, rief sie. Die Polizei hatte zunächst keine Kenntnis über den Vorfall, riet aber den Geschädigten zu einer Anzeige.

Die lesbische Publizistin Stephanie Kuhnen verpasste wegen diverser Termine den alternativen CSD, entschied sich jedoch dazu, zumindest mit ihrem Regenbogen-Mundschutz ein Zeichen zu setzen.

Als sie einen Zug der U8 verlassen möchte, wird sie von hinten auf den Bahnsteig gestoßen. Kuhnen stolpert in einen Mülleimer, ihre Brille fällt zu Boden. Niemand hilft ihr. Alle gehen weiter. Ob der Angriff homophob motiviert war, kann Kuhnen nur mutmaßen.

Täter oder Täterin kann die Journalistin in der Hektik der Situation nicht ausmachen. Bereits vor zwei Wochen wurde sie aufgrund ihres bunten Mundschutzes homophob beleidigt, ebenfalls in der U-Bahn. Damals stellten sich zwei junge Männer schützend vor die Frau. „Das Klima gegen uns verändert sich und es verändert sich rasant“, sagt die 50-Jährige.

Ina Rosenthal leitet einen der ältesten Vereine für lesbische Frauen in Berlin. Das Büro des RuT (Rad und Tat) befindet sich in Neukölln. Rosenthal selbst konnte bei der alternativen Pride nicht dabei sein. Sie gehört zur Covid19-Risikogruppe.

Aber sie war vor dem Sitz der Initiative für ein Pressestatement zu queerer Sichtbarkeit in Corona-Zeiten verabredet. Statt der geplanten Videoaufzeichnung sah sich Rosenthal einer der „massivsten homophoben Übergriffe der letzten Jahre“ ausgesetzt.

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Aus dem Hintergrund nähern sich drei junge Männer, sie beleidigen Rosenthal mit den Worten „Scheiß Lesbe“ und „Ich mach dich platt“. Auch nach mehrmaliger Aufforderung und der Drohung, die Polizei zu rufen, entfernt sich die Gruppe nicht. Erst nach dem dritten Anruf bei der Polizei treffen die Beamten ein, die Lage beruhigt sich.

„Es war unglaublich mit welcher Vehemenz sie den Dreh gestört haben. Das war keinesfalls ein dummer Jungenstreich. Sie wussten genau was sie tun und sie haben ganz bewusst lesbische Öffentlichkeitsarbeit verhindert“, sagt Rosenthal.

Sie ist erschüttert über die Teilnahmelosigkeit von Umstehenden. „Es ist frustrierend, dass alle vorbeigehen, obwohl offensichtlich war, dass wir angegriffen werden“, sagt Rosenthal.

Erst vor wenigen Monaten waren zwei Mitarbeiterinnen des Vereins bespuckt und bedrängt worden. Die Polizei hat die Ermittlungen eingestellt. Rosenthal will Beschwerde einlegen.

Carsten Schatz, Linke-Fraktionschef im Abgeordnetenhaus appellierte am Montag an die Polizei: „Wenn das Land Berlin einen Preis für lesbische Sichtbarkeit verleiht, ist es auch gefordert, dass die, die da sichtbar werden, auch den notwendigen Schutz erhalten. Hierfür erwarten wir die volle Unterstützung durch die Berliner Polizei.“

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